Literatur:Gegen alle Widerstände

Isadora Duncan

Befreite sich und den Tanz: Die amerikanische Tänzerin Isadora Duncan (1877-1927).

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Isadora Duncan befreite nicht nur den Tanz aus der Klassik, sondern auch ihr eigenes Leben gestaltete die Künstlerin viel freier als das zu ihren Lebzeiten für Frauen vorgesehen war. Michaela Karl veröffentlicht nun eine Biografie über die Tanzpionierin.

Von Veronika Kügle, München

"Gut zu sein ist offenbar ganz einfach. Es erfordert lediglich einen gewissen Grad kleinlicher Angst, einen Mangel an Phantasie und ein gemeines Versessensein auf die Ehrbarkeit des Mittelstandes." Oscar Wilde war es, der diese sehr eindeutigen Worte wählte und damit Michaela Karl die ideale Vorlage lieferte, um in ihr neues Buch einzusteigen. Denn jemand, der sich gegen gesellschaftliche Zwänge und Spießertum auflehnte, war auch Isadora Duncan. In der Biografie "Lasst uns tanzen und Champagner trinken - trotz alledem!" (btb), die am 27. September erscheint, wird das mehr als deutlich.

Weltweit berühmt und berüchtigt wurde Duncan nicht nur durch ihre ausschweifende, damals provokante Art zu leben, sondern auch als Tänzerin - zu einer Zeit, in der Tanzen außerhalb des klassischen Balletts nicht als Kunstform angesehen und Tänzerinnen hinter vorgehaltener Hand mit Prostituierten gleichgesetzt wurden.

Auguste Rodin, so heißt es in Karls Buch, "hielt sie für die bedeutendste Frau, der er je begegnet war". Und weiter heißt es, "man müsse Isadora Duncan tanzen gesehen haben, um glücklich sterben zu können". Leicht und improvisiert wirkte ihr Ausdruckstanz, der sich an dem des französischen Bewegungstrainers François Delsarte orientierte, einem Vordenker, über den Isadora Duncan sagte, er habe "die Tänzer von ihren Fesseln befreit".

Duncans Tanz stand bildhaft für die Werte, die sie lebte: Emanzipation, Freiheit, Selbstbestimmung

Quellen der Inspiration seien für Duncan aber "vor allem das Meer, das Klavierspiel ihrer Mutter, der Wind, Botticellis Primavera" gewesen. Insbesondere die Naturverbundenheit der Tänzerin wird in Karls Buch deutlich: "Meine schweren Schuhe waren wie Ketten; meine Kleider waren mein Gefängnis. Also zog ich alles aus. Und ohne dass mich jemand sah, tanzte ich ganz allein nackt am Strand." Ihr Tanz stand bildhaft für die Werte, die sie lebte: Emanzipation, Freiheit und Selbstbestimmung. Sie wusste das Leben zu genießen, trotz und in Zeiten der Krise. Deshalb, aber auch, weil die unerschrockene Duncan so lebte, wie sie selbst es für richtig hielt, kann ihre Biografie inspirieren.

Bis ins Detail beleuchtet die in Straubing geborene Autorin historische Hintergründe, von denen ausgehend sie Brücken zur Familie Duncan schlägt. Welchen Einfluss die Eltern wiederum auf die kleine Isadora und ihre drei Geschwister hatten, skizziert Karl ebenfalls und erklärt so etwa, warum die Tänzerin ein Leben lang das Konzept der Ehe ablehnte. Die Autorin schreibt pointiert und verständlich und widmet sich der eigensinnigen Persönlichkeit aus verschiedenen Blickwinkeln.

2001 promovierte Karl mit einer Arbeit über Rudi Dutschke, später wurde sie bekannt mit Biografien über die Kult-Paare Zelda und F. Scott Fitzgerald und Bonnie und Clyde. "Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber", eine Biografie über Dorothy Parker, wurde 2011 zum Bestseller. 2020 erhielt die Autorin den Kulturpreis Bayern. Am Dienstag, 28. September, wird Michaela Karl ihre neue Biografie erstmals im Münchner Künstlerhaus vorstellen. Ob wohl Champagner gereicht wird?

Michaela Karl: "Lasst uns tanzen und Champagner trinken - trotz alledem!", Lesung am Dienstag, 28. September, 19.30 Uhr, Münchner Künstlerhaus, Lenbachplatz 8, Reservierung unter: moths@li-mo.com

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