Tanz:Junge Klassiker

Tanz: Fließend: Die 70-jährige Elisabeth Schwartz interpretiert Isadora Duncan.

Fließend: Die 70-jährige Elisabeth Schwartz interpretiert Isadora Duncan.

(Foto: Jérôme Bel)

Die Tanzwerkstatt Europa beginnt ihre Jubiläumsedition mit einer Rückschau. Und ist dabei trotzdem beeindruckend gegenwärtig.

Von Rita Argauer, München

Kaum eine Kunst ist im Normalfall gegenwärtiger als der freie, zeitgenössische Tanz. Stücke, im Jetzt entworfen und aufgeführt als flüchtige, komplexe und fluide Kunstform. Es ist also schon ein bisschen erstaunlich, dass die Tanzwerkstatt Europa in ihrer Jubiläumsedition - man feiert 30-jähriges Bestehen - erst einmal so explizit nach hinten schaut. Man beginnt sogar mit einer für diese Kunstform höchst ungewöhnlichen Art der Wiederaufnahme. Unter dem Namen "Re.Visited - 3 Works on Mozart" eröffnet die Performance-Reihe mit zwei Stücken, die vor 30 Jahren, bei der ersten Tanzwerkstatt, uraufgeführt wurden. Damit schafft man also beinahe Klassiker in einer Kunstform, die sich etwas wie Klassikern eigentlich vehement verweigert.

Aber Klassiker sind hier ein gutes Stichwort. Denn Walter Heun hatte damals - mehr um einen dieser beliebten Anlässe für ein Kulturjahr zwecks besserer Fördermöglichkeiten auszunutzen - Mozart zum Thema genommen. Mozarts 200. Todesjahr war 1791. Und klassische Musik ist und war vor allem vor 30 Jahren in der freien Tanzszene eher fremd. Doch welch ein Glück. Denn wenn man jetzt die beiden Stücke, Micha Puruckers "mozart" und Rui Hortas "Wolfgang, Bitte..." wieder sieht, fragt man sich, warum das nicht längst in irgendeinen Repertoire-Betrieb aufgenommen wurde.

Tanz: Düster: Das Schlussbild in Micha Puruckers "mozart".

Düster: Das Schlussbild in Micha Puruckers "mozart".

(Foto: Marie-Laure Briane)

Purucker hat sich das Lacrimosa aus dem Requiem von Robert Merdzo zerschnipseln lassen; wohlgemerkt in einer Zeit als Sampling noch zur Sperrspitze der Pop-Avantgarde gehörte. Zwischen langen Passagen der Stille tauchen also einzelne Spuren und Stimmen dieser tief dunklen Musik auf. Wie ein Trauerschleier, der den Tanz unmittelbar mit sofortiger Wirkung emotional verdoppelt, einhüllt, umgarnt. Dass Choreografen bisweilen Angst vor dieser Kraft der Musik haben, leuchtet dabei offensichtlich ein. Aber Purucker nutzt die Musik in ihrer zerschnittenen Skelettierung als emotionalen Verstärker für die Choreografie. Gleichzeitig wirkt die klare Struktur der Cuts in der Musik wie eine Kühlschrank. Keine Überwältigung. Eindeutige Bilder wie die Unmöglichkeit, die Bühnenwand hinaufzurennen, führen zu Duetten und Gruppenstücken, um Synchronität ringend, sich ihr seltenst hingebend. Ein beeindruckend düsteres, mitnehmendes, kluges Stück. Und ein frühes Werk über die ästhetische Macht des Samplings.

Rui Horta setze auf starke Körper voller Energie, auf Sex, auf Anziehung

Rui Horta nutzt in seinem Mozart-Stück eine ähnliche Technik, die Musik ein- und wieder aussetzen zu lassen. Jedoch mit mehr Witz und mehr Virtuosität im Tanz. Lässt Paare und Soli in eng gefassten Licht-Spots erscheinen, setzt auf starke Körper voller Energie, auf Sex, auf Anziehung. Die Tänzer des Gärtnerplatz-Balletts sind klassisch geschult, das passt hier ausgezeichnet, denn die Körperspannung der Tänzer überträgt sich auch in den modernen Bewegungen. Die Kraft Hortas sehr eigener Tanzsprache wird dadurch in schneidender Präzision erlebbar. Die Verzahnung von Musik und Bewegung ist hier noch einmal vertrackter und dadurch auch geheimnisvoller.

Tanz: Starke Körper voller Energie: Rui Hortas "Wolfgang, Bitte...".

Starke Körper voller Energie: Rui Hortas "Wolfgang, Bitte...".

(Foto: Marie-Laure Briane)

Zwischen den zwei Stücken, deren Wiederbetrachtung so belebend und erhellend ist, setzt Thomas Hauert eine aktuelle tänzerische Interpretation von Mozarts Symphonie Nr. 29 für 14 Tänzer. Die Gruppe agiert als Schwarm - musikalische Energie wird hier in ein freundliches Fließen der Menschengruppe übersetzt. Die Tänzer agieren wie die Musiker eines Orchesters. Das ist schön, sehr nah an der Musik, aber ohne die großen Spannungsfelder, die Purucker und Horta ausleuchteten.

Die 70-jährige Elisabeth Schwartz tanzt mit überwältigendem Esprit

Auch die zweite Vorstellung innerhalb der Tanzwerkstatt ist rückwärtsgewandt. Noch viel mehr. Es ist Jérôme Bels Faszination für Isadora Duncan. Er hat ihre Autobiografie gelesen, und hat - sichtlich berührt und fasziniert von dieser Pionierin des Modern Dance - mit der 70-jährigen Tänzerin Elizabeth Schwartz zusammen getan. In einer Art Lecture-Performance lernt man so Stil und Leben Duncans kennen. Schwarz tanzt diesen Stil mit überwältigendem Esprit. Jedes Solo mehrmals, immer einmal ohne Musik, und mit Bels Ansagen, der die Bewegungsqualitäten so benennt wie es die Lehrerin von Schwarz, eine Duncan-Schülerin und -Adoptivtochter getan hat: "Fließen", Wellen", oder später dann ganz konkret "Kampf", "Revolution" oder der schwere Verlust einer Mutter beim Tod der Kinder (den Duncan selbst erleben musste). Ihre Tänze ähneln so der Programmmusik. Das Vorstellungsformat ist zu Beginn etwas sperrig, didaktisch - eröffnet dann aber die Möglichkeit, Duncans Werk ganz gegenwärtig zu rezipieren, obwohl es doch über 100 Jahre alt ist. Und damit werden diese beiden äußerst gelungenen Eröffnungsabende der Tanzwerkstatt, trotz des retrospektiven Charakters, in die Gegenwart gezogen, wo dann auch das Programm des zweiten Teils ansetzen wird.

© SZ/pop
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