Musiktheater:Aus dem Leben gegriffen

Beim Imal-Musiktheater produzieren Jugendliche vom Text bis zum Bühnenbild alles selbst. Themen sind in diesem Jahr auch Sexismus und Racial Profiling.

Von Veronika Kügle, München

Dreh- und Angelpunkt ihres Musicals ist die Baustelle direkt vor ihrer Haustür in Sendling. "Was macht eigentlich dieses Teil hier?" lautet der Titel der diesjährigen Produktion des Imal-Musiktheaters, das ins Bavariafilmstudio einlädt. Imal ist kurz für International Munich Art Lab und "europaweit ein einmaliges Projekt", wie Leiter Dick Städtler betont. Besonders ist hier, dass die "Kids", wie Städtler die 16- bis 24-Jährigen nennt, von Text und Musik bis hin zu Bühnenbild und Schauspiel alles selbst produzieren. Die 17 Darstellenden wagen sich an Themen wie Alltagssexismus, Racial Profiling und Selbstverwirklichung.

Inspiration und Störfaktor zugleich war dabei die Baustelle der Isarphilharmonie. Als wäre die Pandemie nicht schon Stolperstein genug gewesen, der für Gesangsstunden über Skype sorgte, blieb dem Ensemble fast nichts anderes übrig, als den penetranten Baustellenlärm in ihre Kompositionen zu integrieren. Nicht nur die Geräuschkulisse spiegelt sich in der Vorstellung wider, viele der Szenen basieren auf wahren Beobachtungen, wie Chef-Autorin Lisa Muchow erzählt. Situationen, in denen Männer vorbeijoggenden Frauen hinterherpfeifen, hätte das überwiegend weibliche Ensemble selbst erlebt. Umso charmanter ist es, dass die Rollen der schmierigen Machos weiblich besetzt sind. Auch Polizisten, die gerade bei migrantisch Gelesenen gerne mal unangemessen handgreiflich werden, seien einem der Darstellenden, einem Geflüchteten aus Syrien, nicht fremd gewesen.

Die 21-Jährige Mulchow ist seit 2019 Teil des Ensembles: "Ich habe in den letzten zwei Jahren zum ersten Mal so richtig Wertschätzung für das bekommen, was ich tue." Diese macht sich auch im Gespräch mit Dick Städtler bemerkbar. "Dieses Ensemble hat uns deshalb so viel Spaß gemacht, weil so viele das wirklich gewollt haben", so der Dramaturg. Nach dieser Produktion wird Städtler dem Imal lediglich beratend zur Seite stehen. Vridolin Enxing und er übergeben die Leitung an die ehemaligen Darsteller Andi Hartmann, Daniel Siebertz, Kilian Freiberger und Psychologin Claudia Müssig. "Die alten Herren treten eine Reihe zurück", sagt Städtler mit einem Schmunzeln.

Was macht eigentlich dieses Teil hier?, Mittwoch, 28. Juli, 18 Uhr, Infos zum Livestream unter imal-musiktheater.de

© SZ/chj
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