Erinnerungen an das Unwetter vor 35 Jahren Gründlich verhagelt

1984 richtete ein Hagelsturm große Schäden an - aber insgesamt leben die Menschen in München vergleichsweise sicher.

(Foto: dpa)

Am 12. Juli 1984 sucht ein zerstörerischer Sturm München und die östlichen Vororte heim. Jahrzehnte später wissen Leserinnen und Leser noch genau, wie es damals war.

Von SZ-Lesern

Das Münchner Hagelunwetter vom 12. Juli 1984 ist bei all denen, die es miterlebt haben, tief im Gedächtnis verankert. Im Münchner Osten gingen Hagelschloßen nieder, die so gewaltig groß waren, dass mancher noch Jahre später mindestens tennisballgroße Eiskugeln in der Tiefkühlung als Beweisstück aufbewahrte. Autos trugen ein ganz spezielles "München-Design" davon. SZ-Leserinnen und -Leser schildern ihre Erinnerungen:

Rettender Stammtisch

Es war ein heißer Tag und wir beschlossen, mit Freunden und dem Motorrad in den Augustiner-Biergarten an der Zielstattstraße zu fahren. Der Biergarten war bereits voll. Eine Bedienung erlaubte uns jedoch mit den Worten "da kummt heid eh koana mehr", am Stammtisch Platz zu nehmen. Super, ein runder, massiver Tisch für uns sechs war gerade das Richtige. Wir holten Bier und Brotzeit, grad schön war es. Als sich unser Freund Rupert nach einer halben Stunde einmal umdrehte, meinte er: "Auweh, da kummt heit no a Weda, es is scho ganz gelb." Keine fünf Minuten später krachte schon die erste Hagelschloße auf unseren Tisch und es ging los: Wir tauchten unter den Stammtisch und hörten über uns die Bierkrüge zersplittern. Wie gut, dass wir den Stammtisch hatten! Rings um uns herum versuchten die Menschen mehr schlecht als recht, unter den Biertischen Schutz zu finden. Nach wenigen Minuten bekamen wir nasse Füße. Ein Bach, angefüllt mit allem, was sonst auf Biertischen stand, bahnte sich seinen Weg durch den Biergarten. Viele Menschen rannten schreiend und blutend an uns vorbei in Richtung Wirtschaft, um sich zu retten. Es war Chaos! Als sich das Gewitter gelegt hatte, sind wir klatschnass zu unserem Motorrad gegangen und haben die nasse Kleidung aus- und die Regenkombis angezogen. Dem Motorrad war nichts passiert. Auf der Fahrt nach Haus fuhren wir, dank hochgelegtem Auspuff, problemlos durch mehrere überflutete Unterführungen und sahen die enormen Zerstörungen: durchschlagene Jalousien, zerbrochene Fenster, verbeulte Autos, zerstörte Fassadenverkleidungen! Auf dem Weg zu unserer Wohnung im Münchner Norden verfolgte uns die Angst, dass es bei uns genauso aussehen wird. Aber dann war ungefähr ab dem Siegestor Schluss mit den schlimmen Hagelschäden. Natürlich lagen noch Äste und Laub auf den Straßen. Zuhause konnten wir aufatmen: Alle Scheiben heil! Wir hatten Glück. Klaus Polz, Puchheim

Eis im Cabrio

Oh ja, an den zitierten Leserbrief (Bericht "Schweinigel und Eissteine" vom 6. Juli und Leserbrief "Da schlug der Herrgott zu" vom 20. Juli 1984) erinnere ich mich noch. Die Veröffentlichung hielt ich für eine kluge politische Entscheidung. Die einen dachten sich wohl, ja genau, sehr anständig, dass die SZ das abdruckt, und die anderen lachten sich kaputt. Ich bin längst wieder ganz... Damals war ich mit dem Auto zu Freunden nach Giesing unterwegs und habe den letzten halben Unterstellplatz unter einer Überführung erwischt. Der Krach war ohrenbetäubend und dauerte unendlich lang, 20 Minuten oder so. Die Weiterfahrt ging über einen durchgehenden grünen Blätterteppich, die Bäume boten guten Durchblick. Ein geparktes Cabrio war voller Eis im - geschlossenen! - Textilverdeck. Dann hieß es: Fensterscherben vom Teppichboden aufklauben statt Biergarten. Zum Glück hatte der Hausmeister genügend Plastikfolie. Und für die Heimfahrt habe ich meine gesamten Ortskenntnisse gebraucht, um die inzwischen vollgelaufenen Unterführungen zu umfahren. In Pasing hatte es nur geregnet. Adelheid Kaspar, München

Gutes altes Blech

Nachmittag, 12. Juli 1984. Es ist drückend heiß, schwül, in der Dachauer Straße 26 in unserer Altbauwohnung, 5.Stock, Dachgeschoss, ohne Aufzug. Endlich konnten wir das alte Klavier verkaufen und vier Bekannte haben sich angemeldet, es eben heute abzuholen. Irgendwann ist das Klavier unten auf der Straße, herzliche Verabschiedung unter schwefelgelbem Himmel, der Wind frischt auf. Am Straßenrand steht unser Käfer, Baujahr 1976, leuchtend orange-rot - ja das war mal modern - mit weißen Streifen. Kaum wieder in der Wohnung, bricht das Unwetter los, auf die Dachfenster prasselt der Hagel mit Wucht, der Lärm verhindert jedes Gespräch. Und so bewundern wir stumm den leeren Platz, wo einst das Klavier stand. Später bewundern wir unseren Käfer. Er ist das einzige Auto in der weiteren Umgebung der Dachauer Straße, das nicht eine Delle hat. Gutes altes Blech eben... Dr. Eva Bangerter-Schmid, Rupert Schmid, Bönnigheim

Ein komisches gelbes Licht

Was war das plötzlich für ein komisches Licht? Gelb, schwefelig, eigenartig. Und eine ganz seltsame Stimmung. Ich schau aus unserem Fenster auf den Baldeplatz und sehe flüchtende Radler in rauen Mengen, die alle vom Flaucher kommen. Und schon geht's los. Die ersten großen Tropfen klatschen auf den heißen Asphalt. Dann kam der Hagel. Ich bin allein zu Hause und rufe meine Mutter an. Nur leider versteh ich kein Wort, der Hagel trommelt auf das Blech unserer Dachfenster. Weltuntergangsstimmung und der Lärm, ich hab richtig Angst. Ich schau auf den Baldeplatz und sehe verbeulte Autos, kaputte Scheiben und Zweige und Blätter gemischt mit den großen Hagelkörnern. Auf dem Dach hat's ein paar Dachpfannen zerdeppert, die mussten schleunigst ersetzt werden, sonst haben wir in der Dachwohnung im wahrsten Sinn fließendes Wasser. Bis auf etliche Beulen in unserem Auto ist also alles gut für uns ausgegangen. Aber die Erinnerung an den Schrecken bleibt, besonders an das komische Licht, die Stille vor dem Hagel und die eigenartige Stimmung. Da stellt's mir immer noch die Haare auf. Martha Bengsch, München

Donnerstabil

Ich wohnte damals in der Maxvorstadt und hatte einen steinalten und schon sehr gebrechlichen Toyota Corolla, der im Freien abgestellt war und auch etwas vom Hagel abbekommen hatte. Eigentlich wollte ich die Sache auf sich beruhen lassen, wurde aber von Bekannten bedrängt, mir doch die Schadenssumme nicht entgehen zu lassen. Also fuhr ich zur Allianz in der Amalienstraße. Ein Sachbearbeiter kam in den Hof und schaute versonnen auf das Fahrzeug. Dann sagte er: "Ja, ganz klar, des kriagn S' von uns ersetzt. Aber oans wundert mi, nämlich dass er" - er deutete mit großer Geste auf den Wagen - "ned scho beim erstn Donner zammgfoin is." Ich bekam 400 Mark, ein Vielfaches des Zeitwerts. Hermann Unterstöger, Altötting (SZ-Autor)