Literatur:Sie lieben und sie hassen sich

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Literatur: Schwestern vom Starnberger See: Zumindest in Liebesdingen scheint Helene (rechts) am Ende doch besser davongekommen zu sein, denn im Gegensatz zur kleinen Schwester Kaiserin Sisi (links) führte sie eine glückliche Ehe. Davon erzählt Gunna Wendt in ihrer Porträtsammlung "Waren wir doch Teile voneinander", die Hannah Kolling wunderbar illustriert hat.

Schwestern vom Starnberger See: Zumindest in Liebesdingen scheint Helene (rechts) am Ende doch besser davongekommen zu sein, denn im Gegensatz zur kleinen Schwester Kaiserin Sisi (links) führte sie eine glückliche Ehe. Davon erzählt Gunna Wendt in ihrer Porträtsammlung "Waren wir doch Teile voneinander", die Hannah Kolling wunderbar illustriert hat.

(Foto: Illustration: Hannah Kolling)

Eine besondere Beziehung: Die Münchner Autorin Gunna Wendt porträtiert in ihrem neuen Buch berühmte Schwestern-Paare.

Von Jutta Czeguhn

Wer es generell nicht so hat mit dem starren Korsett der Chronologie und Bücher gerne mal von hinten her aufblättert, könnte bei Gunna Wendts neuem Werk ins Grübeln kommen. Die Münchner Autorin scheint da ihr eigenes Buchkonzept einfach über Bord zu werfen. Statt wie auf den knapp 200 Seiten zuvor Geschichten berühmter Schwestern zu erzählen, geht es da um die symbiotische Beziehung zwischen Erika und Klaus Mann. Dabei hätte es in dieser "amazing family" an Schwestern ja nicht gefehlt. Da waren Elisabeth, und Monika, auf die Erika, milde ausgedrückt, eher kratzbürstig reagierte. Spannenden Schwestern-Stoff hätte das hergegeben, doch Wendt wählt "The Literary Mann Twins", dieses flamboyante, tragisch verglühte Geschwister-Paar, über das - Klaus sollte recht behalten - bis heute viele Bücher geschrieben wurden.

Literatur: Erfahrene Biografin: Autorin Gunna Wendt hat schon Frauen wie Franziska zu Reventlow, Liesl Karlstadt, Erika Mann und Therese Giehse porträtiert.

Erfahrene Biografin: Autorin Gunna Wendt hat schon Frauen wie Franziska zu Reventlow, Liesl Karlstadt, Erika Mann und Therese Giehse porträtiert.

(Foto: Dirk Schiff)

Bruder und Schwester Mann wollen sich auch deshalb nicht recht ins Webmuster dieses Buches fügen, weil sich Klaus wie Erika gleichermaßen im Licht der Öffentlichkeit tummelten. Was bei den meisten anderen Schwestern-Paaren in "Waren wir doch Teile voneinander" (Reclam) nicht der Fall war. Gunna Wendt ist eine erfahrene Biografin, sie hat schon in den Leben von Frauen wie Franziska zu Reventlow, Lena Christ, Liesl Karlstadt oder Maria Callas gegründelt. In dieser neuen Porträtsammlung wird es nun gerade dort spannend, wo die Autorin unerwartete Einblicke in Familienaufstellungen gibt und die randständigen Schwestern nach vorne schubst. Da gibt es innige Nähe aber auch giftige Rivalität, blindes Vertrauen und Betrug, da sind zwei grundverschieden und doch unlösbar miteinander verbunden.

Sisi und Néné hatten eine Geheimsprache

Weil Wendt - oder ihr Verlag Reclam - es also chronologisch mag, beginnt der Schwestern-Reigen im 18. Jahrhundert mit Caroline und Charlotte von Lengefeld, in die sich ein gewisser Friedrich Schiller einst verguckte; eine ungewöhnliche Liaison à trois über den Tod hinaus. In mehr als zwei Dutzend Episoden spannt Wendt dann den Bogen bis in Gegenwart, wobei einzig Corinne und Lilo Pulver, beide heute weit jenseits der 90, noch unter den Lebenden sind. Queen Elisabeth, die hier mit Prinzessin Margaret als Gegensatzpaar "Pflichtgefühl und Lebenslust" porträtiert wird, hat diese Welt ganz offensichtlich kurz nach der Publikation verlassen. Im breiten Mittelfeld des Buches, erwartbar die Brontë-Schwestern Charlotte, Emily und Anne, die in ihrem Pfarrhaus im Yorkshire-Moor Weltliteratur schufen. Auch Sisi und Néné waren publizistisch gesehen wohl unverzichtbar, obwohl man über diese Schwestern-Beziehung dann kaum mehr erfährt, als dass die beiden zeitlebens in ihrer "Geheimsprache" Englisch kommunizierten, und dass Elisabeth die kranke Néné in den Tod begleitete.

Literatur: Inge Aicher Scholl (rechts) hat ihre Schwester Sophie, die 1943 in München hingerichtet wurde, um 55 Jahre überlebt und das Andenken an die "Weiße Rose" wach gehalten. Mitunter zu idealisierend und auf Deutungshoheit bedacht, wie Kritiker heute meinen.

Inge Aicher Scholl (rechts) hat ihre Schwester Sophie, die 1943 in München hingerichtet wurde, um 55 Jahre überlebt und das Andenken an die "Weiße Rose" wach gehalten. Mitunter zu idealisierend und auf Deutungshoheit bedacht, wie Kritiker heute meinen.

(Foto: Illustration: Hannah Kolling)

Tiefe aber bekommt Wendts Buch dort, wo sie auf das Material ihrer eigenen Bücher zurückgreifen kann: etwa auf ihre 2014 erschienene Biografie über die gebürtige Darmstädterin Zarin Alexandra: Deren Rasputin-Eskapaden und grausames Ende im Keller der Bolschewiki kennt man, nicht aber das Schicksal ihrer Schwester Ella, die als Heiligenbildnis heute in Westminster Abbey hängt. Auf dem Alten Bogenhausener Friedhof gemeinsam begraben liegen Amalie Wellano und ihre Schwester Elisabeth, besser bekannt als Liesl Karlstadt. Wendt erzählt hier von einer ergreifend engen Schwestern-Beziehung, die fast einer Umklammerung glich.

Schwestern-Paare, die es zu entdecken gilt, sind in diesem Buch Virginia Wolf und Vanessa Bell, letztere malend nach Anerkennung suchend ähnlich wie Simone de Beauvoirs kleine Schwester Hélène, die von sich behauptete, "Feministin war ich lange vor Simone". Oder die heute nicht unumstrittene Inge Aicher-Scholl, für die ihre ermordeten Geschwister, die Münchner Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl, zum Lebensthema wurden.

Gunna Wendt, "Wir waren doch Teile voneinander. Geschichten von berühmten Schwestern, Reclam, Lesung am 13.12, 19 Uhr, beim Seerosenkreis, Künstlerhaus, am Lenbachplatz 8

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