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Gleichstellung:34 Prozent weniger

Frauen verdienen im im Schnitt etwa 21 Prozent weniger als Männer. die Gründe sind vielfältig.

(Foto: SZ-Grafik)

Eine Befragung unter früheren Absolventen der Hochschule München zeigt große Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern auf. Ein Workshop will das ändern.

Nach acht Stunden Workshop resümiert eine Studentin: "Ich bin mir jetzt viel bewusster, wie ich was sagen soll." Claudia Irsfeld nickt. Sie freut sich über diese Erkenntnis, die sich am Ende ihres Seminars bei der jungen Frau mit dem Zopf eingestellt hat. "Ihr seid die Generation, die wahrscheinlich nicht nur einen Vertrag vor der Nase haben wird", sagt die Dozentin lächelnd. Zwölf Teilnehmerinnen im Alter zwischen 22 und 26 Jahren, alle Studentinnen der Fakultät für Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München (HM), hat sie an diesem Tag auf kommende Personalgespräche vorbereitet.

Die Professorin Elke Wolf hat dieses Seminar initiiert. Sie ist Volkswirtin und Frauenbeauftragte der Hochschule. Im vergangenen Sommer hat sie eine Befragung unter den ehemaligen Studenten durchgeführt, deren Ergebnis sie selbst erstaunt hat: Die Absolventinnen der Fakultät verdienen im Durchschnitt 28 Prozent weniger als ihre ehemaligen männlichen Kommilitonen. Berücksichtige man noch die durchschnittlichen Boni und Zulagen, wachse der Lohnunterschied sogar auf satte 34 Prozent, schreibt Wolf in ihrem Bericht über die Befragung. In die Berechnungen einbezogen sind auch Teilzeitbeschäftigte und Absolventinnen, die die HM schon vor dem Jahr 2010 abgeschlossen haben.

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1873 ehemalige Studierende des Fachs Wirtschaftsingenieurwesen wurden für die Befragung online angeschrieben. 231 Männer und 64 Frauen antworteten, davon haben 199 Absolventen und 54 Absolventinnen ihr Gehalt offengelegt. Das Geschlechterverhältnis der Befragten entspricht ungefähr dem Geschlechterverhältnis der Alumni. Die Studierenden haben ähnlich lange studiert und mit ähnlichen Noten abgeschlossen. "Wir wissen, dass wir allen dasselbe beigebracht haben", sagt Wolf. Warum aber verdienen sie trotzdem so gravierend unterschiedlich?

Deutschlandweit liegt laut Statistischem Bundesamt das geschlechtsspezifische Lohngefälle, auch als Gender Pay Gap (GPG) bekannt, bei 21 Prozent. Das heißt: Frauen verdienen durchschnittlich 21 Prozent brutto weniger als Männer. Das liegt zum einen daran, dass typische Frauenberufe wie Kinderpflegerin oder Krankenschwester, Verkäuferin oder Büroassistentin schlechter bezahlt werden. Aber das allein ist nicht Grund genug für die Lohnunterschiede.

Denn auch in sogenannten Mint-Berufen - Jobs, für die Kenntnisse in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gefordert sind - gehen oft die Männer am Monatsende mit mehr Geld nach Hause als ihre Kolleginnen. Auffällig ist, dass Männer häufiger in Führungspositionen aufsteigen, und dass Frauen, vor allem, wenn sie Kinder bekommen, oftmals nur noch Teilzeit beschäftigt sind. Solche Faktoren mögen die Lohnunterschiede verständlich machen. Dennoch belegten die Zahlen "eine signifikante Ungleichbehandlung von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt", schreibt Wolf in ihrem Bericht zur Studie.

So belegt die Studie, dass Frauen, die mit vergleichbaren Abschlüssen wie ihre Kommilitonen ins Berufsleben starten, im Durchschnitt 15 Prozent weniger verdienen. Außerdem ist bemerkenswert, dass Frauen viel seltener umfangreiche Zulagen erhalten. Dieser Unterschied könne nur in geringem Maße dadurch erklärt werden, dass Frauen andere Branchen wählen oder seltener in Führungspositionen arbeiten, sagt Wolf.

Wo liegen dann die Gründe für die Ungleichheit? "Viele Unternehmen denken, sie müssen Frauen weniger bezahlen, und orientieren sich etwa bei einer Einstellung an dem Gehalt der Vorgängerinnen", sagt die Hochschulprofessorin. Außerdem spiele das Tabu in unserer Gesellschaft, nicht über Gehälter zu sprechen, der Ungleichheit in die Hände.

Claudia Irlsfeld

Claudia Irlsfeld leitet das Seminar für Gleichbehandlung von Frauen an der Hochschule München.

(Foto: Catherina Hess)

Der kanadische Psychologieprofessor und Bestsellerautor Jordan B. Peterson ("12 Rules for Life") behauptet provozierend, dass Frauen und Männer deshalb ungleich eingesetzt und bezahlt werden, weil sie es so wollten. Wolf stimmt dieser These insofern zu, als dass Frauen häufig andere Berufe ergreifen wollen als Männer. Aber dass sie schlechter bezahlt werden wollen, sei unlogisch. "Es gibt auch keine ökonomische Logik, warum für Berufe mit einem hohen Frauenanteil geringere Löhne bezahlt werden. Der Lohn sollte sich in einer Marktwirtschaft an der Produktivität orientieren. "Wenn das nicht der Fall ist, dann spielt Marktmacht oder Diskriminierung eine Rolle. Und das wollen Frauen bestimmt nicht", sagt sie.

Wer Wirtschaftsingenieurwesen studiert, hat sich für ein Mint-Fach entschieden. Absolventen beiderlei Geschlechts sind mannigfaltig einsetzbar, begleiten etwa Produktionsprozesse, wissen, wie man solche effizienter gestaltet, arbeiten im Projektmanagement, planen Arbeitsabläufe oder denken über Unternehmensstrategien nach. An sich selbst aber denken viele Frauen anscheinend nicht an erster Stelle, was sich als Defizit auswirken kann. Das macht Claudia Irsfeld in ihrem Seminar den Studentinnen bewusst. Sie führt als Personalleiterin bei einer Münchner Managementberatungsfirma häufig Personalgespräche.

"Frauen stecken grundsätzlich in einem Dilemma"

Sie weiß, wie unterschiedlich Frauen und Männer bei einer Bewerbungsrunde wirken, vor allem, wenn sie über ihre Gehaltsvorstellungen sprechen. "Frauen stecken grundsätzlich in einem Dilemma", sagt sie. Preist ein männlicher Bewerber seine Ausbildung und seine Vorzüge an und gibt schließlich eine Summe X als Gehaltsvorstellung an, werde das als "selbstbewusst" goutiert. Einer Frau, die gleichermaßen auftritt, unterstelle man "eine zickige Art" und frage sich, ob sie das wirklich leisten könne. "Man bekommt als Frau Sympathie entzogen, wenn man hart verhandelt", sagt Irsfeld. Von Männern hingegen werde das erwartet. Die alten Stereotypen gelten offensichtlich noch immer, also sollten Frauen sie für sich nutzen.

Gebannt hören die Hochschulstudentinnen Irsfeld zu. Sie sitzen im Halbkreis vor der kurzhaarigen Dozentin im schwarzen Kleid mit Ballerinas. Sie lernen, dass es bei Gehaltsverhandlungen auf Stimme, Sprache, Mimik, Gestik, den Händedruck, prinzipiell auf die Gesamtwirkung ankomme. Das ist für manche nicht neu. Gut vorbereitet in ein Gespräch zu gehen, zu recherchieren, was andere verdienen, das alles leuchtet ein. Aber wie man das Dilemma auflöst, nicht männlich, aber auch nicht zu bescheiden weiblich zu sein, das hören viele Teilnehmerinnen zum ersten Mal.

"Fürsorge" lautet das Schlagwort. Irsfeld empfiehlt den Frauen, beim Verhandeln die als stereotyp weiblich angesehene Fähigkeit herauszustellen, für andere mitzudenken und zu sorgen. Das könne etwa so lauten: "Wenn ich hier meine Kompetenzen einbringe, dann profitieren sehr viele davon." Irsfeld rät, die Ziele der Abteilung oder das Wohlergehen der Firma zu betonen. "Stellen Sie ihr eigenes hintenan. Und fordern dann so viel Gehalt wie ein Mann."

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