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Geschichte:"War Hansl auch tief gesunken, sterben sollte er doch wie ein rechter Hirsch"

Viel spricht dafür, dass der Alkohol, wie das ja häufig der Fall ist, Hansls Geist übel zusetzte und das ehedem so zutrauliche Tier in einen Rüpel verwandelte. Der Hirsch, schreibt Leiß missbilligend, "stahl den Kindern die Semmeln und Brezn gleich aus der Hand, und man durfte noch froh sein, wenn er nicht ein paar Finger mit erwischte".

Beim Bier war dann gar kein Halten mehr. Sobald Hansl einen herrenlosen Krug mit einem Noagerl witterte, warf er diesen um und schleckte die Lache vom Biertisch. Eines Tages aber war das Maß voll. Es war die Zeit, als ein "weißkopfiger Barde" mit seiner Gitarre täglich die Biergartengäste beschallte.

Die in München übliche Hingabe an die Sangeskunst, die auch im Biergarten gepflegt wurde, machte sich Hansl auf perfide Weise zunutze. Sobald er merkte, dass einer der Trinker vom Gesang des Barden abgelenkt war, schlug er eiskalt zu: "Hat den Gästen das Brot aus den Taschen wegstibitzt und sogar die halb oder ganz vollen Maßkrüge umgeworfen und das Maul hingehalten, wo das edle Nass heruntergelaufen ist."

Es versteht sich, dass der Hirsch zur späteren Biergartenstunde sternhagelvoll war: "Nachher ist er dann immer arg übermütig geworden, hat Sprünge wie ein junger Geißbock gemacht und auf jegliche Hofetikette gepfiffen. Ja, er belästigte unziemlich Kinder, Frauen und Greise und einen ihm unsympathischen Fremden hat er in den Sand geboxt."

Dies war der Moment, in dem sogar die treuesten Freunde des Königlichen Hirschen auf Distanz gingen. Auch bei der Obrigkeit hatte Hansl jeglichen Kredit verspielt. Man beschloss, seinem ruchlosen Treiben ein Ende zu machen. Um es deutlich zu sagen: Er wurde zum Tod durch Erschießen verurteilt. Damals gab es noch keine Bürgerinitiative, die sich rettend vor den Hirsch geworfen hätte.

Zum Trost sei hinzugefügt: Die Hinrichtung vollzog sich, wenn man Leiß glauben darf, in angemessener Würde: "Nein, war Hansl auch tief gesunken, sterben sollte er doch wie ein rechter Hirsch. Man wartete also bis zum Winter, wo er wochenlang keinen Tropfen Alkohol zu schmecken kriegte - und dann an einem herrlichen Morgen ward er kreuz und quer über die freien Flächen des Parkes gejagt, dass der Schnee unter seinen Hufen staubte - dann fiel ein Schuss - aus war's!"

© SZ vom 02.09.2017/mkro
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