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Geschichte:Als es im Hirschgarten noch kein Gehege gab

Hansl der Hirsch im Biergarten Hirschgarten - historische Postkarten aus den frühen 20er Jahren.

(Foto: Geschichtswerkstatt Neuhausen, 48-nymphenburg (neu))

Bis zum Zweiten Weltkrieg spazierten die Tiere noch zwischen den Biertischen herum. Doch so manchem Hirsch stieg das geschnorrte Bier zu Kopfe.

Von Wolfgang Görl

Dies ist ein Requiem, ein Requiem für Hansl. Zugegeben, es kommt etwas spät, denn Hansl ist schon lange tot, irgendwann in den Jahren um 1920 dürfte er das Zeitliche gesegnet haben. Eine Kugel hat ihn hinweggerafft. Zu Lebzeiten aber war er eine Berühmtheit, ja, es gab Menschen, die eigens wegen ihm in den Biergarten gegangen sind. Hansl war ein Edelhirsch, und er war der Publikumsliebling im Königlichen Hirschgarten in Nymphenburg.

Wer heute den wunderbaren Biergarten mit seinen 8000 Sitzplätzen besucht, kann immer noch Hirsche, zumeist Damwild, bewundern. Aber diese treiben in einem Gehege ihr Wesen, mit dem Gastronomiebetrieb und dem gemütlichen Zusammenhocken am Biertisch haben die Tiere nichts mehr zu tun.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war das anders: Bis dahin spazierten die Hirsche zwischen den Biertischen herum, so als seien sie selbst Gäste oder zumindest Kellner. Genau genommen waren die Tiere sogar vor den Zechern da, denn Kurfürst Karl Theodor hatte 1780 seinem Obristjägermeister Theodor Freiherr von Waldkirch befohlen, auf dem Gelände, auf dem man zuvor eine Maulbeerplantage zur letztlich erfolglosen Seidenraupenzucht angelegt hatte, einen "churfürstlichen Thiergarten" mit etwa 100 Dam- und Edelhirschen einzurichten.

Von 1790 an durften dann auch die Münchner Bürger den Hirschgarten besuchen, was sie umso lieber taten, als die zur selben Zeit auf dem Areal errichtete Gaststätte die notwendigen Erfrischungen bereit hielt. Sogar Arthur Schopenhauer, der große Philosoph, sah sich als 16-Jähriger in diesem Nymphenburger Wildgehege um und schrieb in sein Tagebuch: Die Hirsche "sind so zahm, dass sie bei dem Wirtshause, welches am Walde liegt, herumlaufen und sich bisweilen aus der Hand füttern lassen".

Einen ähnlich friedfertigen Charakter hatte auch Hansl, zumindest in seinen jüngeren Jahren. Näheres über sein Schicksal weiß die Nachwelt aus einem Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten vom 21. Juni 1930, den der Neuhauser Hauptschullehrer August Leiß - damals schrieben noch gebildete Menschen in der Zeitung - verfasst hat.

Leiß leitet seinen Bericht mit einer lokalpatriotisch intonierten Charakterstudie Hansls ein, die auch dessen Herkunft aus den königlichen Rotwildrudeln berücksichtigt: "Die älteren von uns haben ihn alle noch gekannt, den berühmten Edelhirsch Hansl draußen im Hirschgarten. Der stammte noch aus den Zeiten, da alles Wild unter Allerhöchstem Schutz stand, und das wusste er auch und trug sein Geweih so stolz wie ein Hartschier seinen Helmbuschen. Seine weitläufigen Verwandten, die Damhirsche, sah Hansl als echter Bayer nur verächtlich von der Seite an und verstand nicht, wie man einen Königlich Bayerischen Hirschgarten mit solch ausländischem Volk besiedeln konnte."

Als Königlich Bayerischer Hirsch entwickelte Hansl bald einen exquisiten Geschmack, was zur Folge hatte, dass er zunehmend am Tisch der Biergartengäste mitaß. Hansl, so berichtet Leiß "schaute einen so treuherzig an wie ein Gebirgsbauer den reichen Sommerfrischler", und da so einem Blick niemand widerstehen konnte, erbettelte er Brot, Zuckerstückchen und - was ihm das Liebste war - Bier.

"War Hansl auch tief gesunken, sterben sollte er doch wie ein rechter Hirsch"

Viel spricht dafür, dass der Alkohol, wie das ja häufig der Fall ist, Hansls Geist übel zusetzte und das ehedem so zutrauliche Tier in einen Rüpel verwandelte. Der Hirsch, schreibt Leiß missbilligend, "stahl den Kindern die Semmeln und Brezn gleich aus der Hand, und man durfte noch froh sein, wenn er nicht ein paar Finger mit erwischte".

Beim Bier war dann gar kein Halten mehr. Sobald Hansl einen herrenlosen Krug mit einem Noagerl witterte, warf er diesen um und schleckte die Lache vom Biertisch. Eines Tages aber war das Maß voll. Es war die Zeit, als ein "weißkopfiger Barde" mit seiner Gitarre täglich die Biergartengäste beschallte.

Die in München übliche Hingabe an die Sangeskunst, die auch im Biergarten gepflegt wurde, machte sich Hansl auf perfide Weise zunutze. Sobald er merkte, dass einer der Trinker vom Gesang des Barden abgelenkt war, schlug er eiskalt zu: "Hat den Gästen das Brot aus den Taschen wegstibitzt und sogar die halb oder ganz vollen Maßkrüge umgeworfen und das Maul hingehalten, wo das edle Nass heruntergelaufen ist."

Es versteht sich, dass der Hirsch zur späteren Biergartenstunde sternhagelvoll war: "Nachher ist er dann immer arg übermütig geworden, hat Sprünge wie ein junger Geißbock gemacht und auf jegliche Hofetikette gepfiffen. Ja, er belästigte unziemlich Kinder, Frauen und Greise und einen ihm unsympathischen Fremden hat er in den Sand geboxt."

Dies war der Moment, in dem sogar die treuesten Freunde des Königlichen Hirschen auf Distanz gingen. Auch bei der Obrigkeit hatte Hansl jeglichen Kredit verspielt. Man beschloss, seinem ruchlosen Treiben ein Ende zu machen. Um es deutlich zu sagen: Er wurde zum Tod durch Erschießen verurteilt. Damals gab es noch keine Bürgerinitiative, die sich rettend vor den Hirsch geworfen hätte.

Zum Trost sei hinzugefügt: Die Hinrichtung vollzog sich, wenn man Leiß glauben darf, in angemessener Würde: "Nein, war Hansl auch tief gesunken, sterben sollte er doch wie ein rechter Hirsch. Man wartete also bis zum Winter, wo er wochenlang keinen Tropfen Alkohol zu schmecken kriegte - und dann an einem herrlichen Morgen ward er kreuz und quer über die freien Flächen des Parkes gejagt, dass der Schnee unter seinen Hufen staubte - dann fiel ein Schuss - aus war's!"

© SZ vom 02.09.2017/mkro
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