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Prozess in München:Kurzschluss wegen Corona? Mordprozess wegen Geisterfahrt

Mordprozess nach Geisterfahrt

Laut Anklage hat der Mann im April 2020 einen Transporter nahe Krailling absichtlich in den Gegenverkehr gelenkt.

(Foto: dpa)

Alfred B. lenkt im April 2020 seinen Transporter in einen entgegenkommenden Kombi. Dessen Fahrer, ein dreifacher Familienvater, stirbt noch am Unfallort. Vor Gericht spricht B. über den Auslöser.

Von Florian J. Haamann

Plötzlich seien sie wieder da gewesen, die Bilder der Menschen an Beatmungsgeräten auf den Intensivstationen. Die Flut an erschütternden Corona-Nachrichten, die überall zu sehen und zu lesen sind. Die Toten. Die Angst, sich selbst, die Partnerin, die Eltern mit diesem damals noch weitgehend unbekannten Virus anzustecken. Und dieser Gedanke, der Alfred B. in den Tagen zuvor immer wieder gekommen war: Ich will in dieser Welt nicht mehr leben.

In diesen Sekunden, Anfang April 2020, ist er auf der Straße zwischen Gauting und Germering unterwegs, der Tacho zeigt etwa 100 Stundenkilometer. B. löst seinen Gurt, tritt auf das Gaspedal und reißt das Lenkrad nach links. Wenige Sekunden später kollidiert sein Transporter frontal mit einem entgegenkommenden Kombi. Dessen Fahrer, ein 64-jähriger dreifacher Familienvater, stirbt noch am Unfallort. Alfred B. überlebt schwer verletzt. Und muss sich nun vor dem Münchner Landgericht wegen Mordes und gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr verantworten. Für sein Verhalten hat der Elektriker nur eine Erklärung: Kurzschluss.

Zum Prozessauftakt am Dienstag ist es B., der seine Version des Geschehens darstellen darf. Nach einem geschäftigen Vormittag mit Einkauf, Besuch bei den Eltern, einer Pause auf dem eigenen Balkon mit der Verlobten, um das schöne Wetter zu genießen, sei er ins Auto gestiegen, um es mal wieder zu bewegen. Ein bisschen ziellos umher sei er gefahren, durch seinen Wohnort Germering, dann Richtung Gauting, die lange, gerade Verbindungsstraße mit den vielen Bäumen links und rechts. Vor Gauting habe er gewendet, um zur Tankstelle zu fahren. Doch dann kommen die fatalen Gedanken, die ein Leben beendeten und mindestens eines zerstörten.

Der Angeklagte betont immer wieder, wie leid ihm tue, was er der Familie angetan hat

Die Pandemie habe ihn schon die ganze Woche belastet, er habe deswegen auch mit seiner Verlobten gestritten. Er steigere sich zu sehr rein, so ihr Vorwurf, ihr sei die Arbeit wichtiger als die Gesundheit, sein Konter. Erstmals in seinem Leben seien ihm Suizidgedanken gekommen, erzählt der 57-Jährige. Drei bis vier Mal in dieser Woche. Aber er habe sie immer wieder beiseite geschoben, sich abgelenkt, sie abgetan. Und auch nicht konkreter über ein wie, wann und wo nachgedacht, versichert er. Viel zu absurd sei ihm der Gedanke an sich vorgekommen. Er und seine Partnerin hätten viele Pläne gehabt, reisen, heiraten in Las Vegas, gerade hatte er sich ein neues Auto, einen Mustang, bestellt. Auch berufliche Sorgen gab es nicht, seit 40 Jahren arbeitet B. im gleichen Betrieb. Seit dem Tattag habe er diese Gedanken nicht mehr gehabt, er hoffe darauf, irgendwann sein Leben normal weiter führen zu können.

Die Frage, die das Gericht nun klären muss ist, ob die Entscheidung wirklich ein Kurzschluss war oder bewusst vorher getroffen worden ist. An die Folgen, das Leid, das er verursachen könnte, habe er überhaupt nicht gedacht, sagt B. Immer wieder bricht er bei seiner Aussage in Tränen aus, beteuert, wie leid ihm das alles tue, das Leid, das er der Familie des Opfers angetan habe.

Wenn Sie selbst depressiv oder von Suizid-Gedanken geplagt sind, erreichen sie den Krisendienst Psychiatrie Oberbayern rund um die Uhr unter der Nummer 0800/6553000

© SZ vom 09.06.2021/van, mmo
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