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Prozess:"Ich habe die Wohnung angezündet"

Vor Gericht gesteht ein 37-Jähriger, Feuer im Schlafzimmer seiner Eltern gelegt zu haben. Laut Anklage gab es Streit über das TV-Programm.

Von Andreas Salch

Es war kurz nach 22 Uhr in der Nacht des 28. August 2019, als ein explosionsartiger Knall die nächtliche Ruhe in der Hechtseestraße in Ramersdorf zerriss. Im Schlafzimmer einer Dachgeschosswohnung eines Mehrfamilienhauses war es zu einer Verpuffung gekommen. Die Wucht war so groß, dass das Schlafzimmerfenster samt Rahmen auf die Straße geschleudert wurde. Zwei Nachbarn alarmierten die Feuerwehr und rannten anschließend in das brennende Anwesen. Es spielten sich dramatische Szenen ab. Die beiden Männer traten Wohnungstüren ein, um die Bewohner zu warnen. Zum Zeitpunkt des Feuers befanden sich sechs Menschen in dem Haus. Wie durch ein Wunder kam keiner von ihnen ums Leben. Zwei erlitten eine Rauchvergiftung. An dem Haus entstand ein Sachschaden von fast 600 000 Euro. Die Feuerwehr musste das Dach öffnen, um Glutnester zu bekämpfen.

Zlatan K. saß während der Löscharbeiten in der Nähe des Anwesens auf einem Bordstein und machte sich schwere Vorwürfe: "Mein Gott, was hast du gemacht", habe er sich gefragt, berichtet der 37-Jährige am Mittwoch vor dem Schwurgericht am Landgericht München I. Schließlich sei er aufgestanden und zu einem Polizisten gegangen, sagt Z. zu Richter Norbert Riedmann. Er habe dem Beamten gesagt: "Ich habe die Wohnung angezündet. Ich bin der gewesen, der das gemacht hat."

Gegen 22 Uhr in jener Nacht des 28. August vergangenen Jahres hatte Zlatan K. voller Wut die Wohnung seiner Eltern verlassen. Er hatte sich mit seiner Mutter heftig gestritten, da sie angeblich immer allein über das Fernsehprogramm entscheidet. Zlatan K. lief zu einer Tankstelle in der Nähe, füllte sich eineinhalb Liter Benzin in eine PET-Flache, kaufte sich noch ein Feuerzeug und ging zurück zur Wohnung seiner Eltern. Dort verschüttete er das Benzin in deren Schlafzimmer, zündete es an und lief danach aus dem Haus. Dies ist zumindest der Sachverhalt, von dem die Staatsanwaltschaft ausgeht. Sie hat unter anderem Anklage wegen versuchten Mordes, besonders schwerer Brandstiftung sowie wegen des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion erhoben.

Zlatan K. sagt, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft seien eine Unterstellung. "Das stimmt alles so nicht." Ja, das Feuer habe er gelegt, räumt der 37-Jährige ein. Aber nicht weil er sich darüber geärgert habe, dass seine Mutter bestimmt, welcher Sender im Fernsehen läuft. "Ich wollte Selbstmord machen", behauptet K. Er leide an Depressionen. "Ich habe schon erwartet, dass es in diese Richtung geht", erwidert Richter Riedmann. Es gibt auch den "erweiterten Selbstmord", sagt er zu Zlatan K. Geraume Zeit vor der Tat hatte der 37-Jährige, der an einer schweren Darmkrankheit leidet, erfahren, dass er Krebs hat und sterben wird. Die Staatsanwältin hakt nach. Warum er nach seiner Festnahme nicht gesagt habe, dass er in Wirklichkeit vor gehabt habe, Suizid zu begehen. "Ich will nicht und wollte auf keinen Fall in die Psychiatrie", erwidert K.

Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage davon aus, dass der 37-jährige, der zuletzt als Koch arbeitete, seine Eltern und die anderen Bewohner "heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen" habe töten wollen. Was tatsächlich der Grund für die Tat war, bleibt zunächst unklar an diesem ersten Prozesstag. Einmal sagt Zlatan K., er habe das Feuer gelegt, weil er seine Schmerzen und "diese Depressionen weghaben" wollte. Auf die Frage der Staatsanwältin nach dem Motiv beteuerte K., er habe seinen Vater sogar gewarnt, wenn er und die Mutter nicht endlich "aufhören", werde er in der Wohnung Feuer legen. "Aufhören womit?", will die Staatsanwältin wissen. "Mit den Streitereien", entgegnet Zlatan K.

Hinweis der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

© SZ vom 24.09.2020/aner
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