Gasthaus Domagk Dieses Wirtshaus kommt ohne Fritten-Mayo-Orgie aus

Kostprobe Gasthaus Genossenschaftsrestaurant Domagk.Vegetarisches Gericht Gemüsebulgur mit Haloumi Käse. Foto:catherina Hess

(Foto: Catherina Hess)

Das Gasthaus Domagk überzeugt mit einer leichtfüßigen bodenständigen Küche. Die hat aber auch ein paar kleine mediterrane Geniestreiche parat.

Von Carolus Hecht

Manchmal erwärmen Kleinigkeiten das Herz. So köstlich die Zitronengras-Kokos-Suppe schmeckte, so gerne haben wir sie auch gelöffelt. Denn der Löffel des schlicht schönen Eselsrücken-Bestecks schöpft wahrhaftig rund und voll die delikate Flüssigkeit, während man sonst Dünnes eher mit einer Art Suppensurfbrett schlabbern muss. Und wenn man zum Beispiel mittags auf dem Freisitz des Kooperativ-Gasthauses Domagk im fernen Schwabinger Norden Platz nimmt, kommt unverlangt sofort die Karaffe mit bestem Münchner Leitungswasser auf den Tisch, um das zu bekommen man sonst mit manchem Wirt streiten muss. Wenn's abends gemütlich wird, ist sogar die Stoffserviette obligat.

Zugegeben: Man ist besonders erwartungsfroh, wenn man einer neuen Idee von Renata Neukirchen begegnet. Sie war es, die das Blaue Haus als Kantine der Kammerspiele zu einem kulinarischen und sozialen Publikumsmagneten gemacht und einstens die "Cooperative beschützende Arbeitsstätten (CbA)" gegründet hat, in der Behinderte schon lange zuvor ein traumhaftes "Conviva"-Restaurant im Münchner Südwesten betrieben.

Sternekoch fürs Gemüse

Paul Ivic ist der neue Küchenchef im fleischlosen Nobel-Restaurant Tian. In Wien hat er bereits die Gourmet-Auszeichnung. Von Franz Kotteder mehr ...

"Gasthaus im Quartier e. G." ist der förmliche Name des kulinarischen Gehäuses in dem genossenschaftlichen Wohnprojekt "WagnisArt" zwischen Mittlerem und Frankfurter Ring, dem riesigen Neubauareal, wo noch die Kräne surren, wo es nach Putz riecht, wo sich Genossenschafter gegen die wütende Bauspekulation rundum stemmen. Denen soll das Gasthaus Domagk Heimat geben (mit 500 Euro kann man Sozius werden). Gelingt das mit einer naturnahen, sehr frischebetonten, gesundheitsbewussten Küche, ohne die üblichen Fritten-Mayo-Orgien? Denn die Wirtin hat den alten Tugenden ihrer vorhergegangenen, hoch erfolgreichen Taten keineswegs abgeschworen (lediglich die Obsorge für Behinderte als Beschäftigte ist nicht mehr Bestandteil des Unternehmens).

Der Küche gelingt manchmal ein kleiner Geniestreich

Natürlich gibt es auch das schweinerne Schnitzel mit Pommes frites für die Kleinen, für die Großen mit erstaunlich kernigem Kartoffel-Gurken-Salat. Und natürlich die knusprigen Fleischpflanzl. Sonst macht leichtfüßige Bodenständigkeit mit mediterranem Einschlag die vorbildlich kleine Karte fast täglich zu einer kleinen Schatztruhe. Der Melonen-Feta-Salat mit geräuchertem Bauernschinken und geröstetem Fladenbrot weist da in gewisser Weise den ideellen Weg. In den heißen Zeiten dieses Sommers nahmen wir wieder gerne den Löffel zur Hand, für die Rote-Bete-Apfel-Kaltschale mit Kresse, ganz ohne den leisen Muff der roten Rübe. Da dominierten die Salate mal mit gebackenem Käse, mit Maishähnchenbrust, oder kräuterreich ganz ohne fleischliche Beigabe mit Parmesan und Croutons.

Das Genossenschaftsrestaurant Domagk liegt zwischen Mittlerem und Frankfurter Ring. Foto: Catherina Hess

(Foto: Catherina Hess)

Niemals fehlte auf der Karte die Pasta: Spinat-Tortellini mit Kirschtomaten und Rucola für festere Esser, Tagliatelle mit Pinienkernen von luftiger Delikatesse. Manchmal gelingt der Küche ein kleiner Geniestreich wie mit den kälbernen Involtini mit Tomaten-Lauch-Risotto, die stets alsbald verschnabuliert waren, sodass den halben Abend lang nur noch die wärmste Empfehlung der Gäste für die leer ausgehenden Nachzügler blieb.

Und Fisch ist immer zu haben. Mal der kräftige in Vollkornbröseln gebackene Rotbarsch auf Kartoffel-Sauerrahm-Püree, mal das Forellenfilet aus der Münchner Nachbarschaft mit Kartoffel-Gemüse-Stampf, Meerrettichsauce und Gelber Bete. Das war unserer Erforschung nach in diesem Sommer mit 15,70 Euro das teuerste Gericht. Ringsum wachsen Wohnungen und Büros in den Himmel, da ist das Mittagsmenü zwischen 8 Euro und 11,50 hoch willkommen, wahlweise mit Suppe, Salat oder Nachtisch oder auch mit allem dreien. Wobei manchmal das süße Hinterdrein wahre Kindheitssehnsüchte wiedererweckt: Grießpudding mit Kirschgrütze, locker, lecker - säuerlich süße Erinnerung. Mascarponecreme und Mandelkrokant zu den Erdbeeren. Und die Sorbetvariation aus Mango, Johannis- und Himbeeren und frischem Obst machte den Sommer luftig.

Man schenkt Augustiner aus. Und beinahe vorbildlich ist die Weinauswahl. Über die Sorten, die in München gerade so angesagt sind, hinaus, mit vielen fast ausschließlich trockenen, saftigen Alternativen Mittel-, West- und Südeuropas ist die Karte durchaus originell sortiert. Allein schon der Hauswein, ein sizilianisch-genossenschaftlicher Inzola (weiß) sowie der dunkle Nero d'Avola aus dem selben Keller legte wahrhaft Ehre ein. Die Preise liegen am unteren Rand des Münchenüblichen, die Flaschenpreise erheblich darunter, entrichteten wir doch für zwei würzige Kreszenzen aus dem Trentino als teuerster Flasche jeweils 39 Euro.

Wiewohl (noch) kaum Grün in diesem Neubau-Arrondissement, sitzt es sich bei einem leisen Lüftchen stets heiter vorm Haus. Innen herrscht die formale firlefanzfreie Strenge, wie man sie von der Wirtin früheren Gasträumen kennt. An manchem Abend lesen Dichter, man spielt Jazz, und die Familien der Baugenossenschaft rundum scheinen das Gasthaus Domagk als ein kühl neutrales, gleichwohl wohnliches Zweitzuhause anzunehmen. Den Ausflug ins bis vor Kurzem noch wüste Nordschwabing jedenfalls lohnt es allemal. Nur Achtung: Selbst neuere Stadtpläne und so manches Navi kennen die Fritz-Winter-Straße, in dem das Gasthaus liegt, noch nicht. So neu ist das alles hier.