Flüchtlinge in Serbien "Ohne Freiwillige würden hier vermutlich Menschen erfrieren"

In Preševo stehen die Flüchtlinge, die aus Mazedonien und Griechenland gekommen sind, stundenlang an, um sich in Serbien registrieren zu lassen.

(Foto: Raphael Knipping)

Raphael Knipping aus Eichenau bei München unterstützt Flüchtlinge auf der Balkanroute. Hier erklärt er, warum Grenzzäune nichts bringen.

Interview von Erich C. Setzwein, Fürstenfeldbruck

Die Bilder von Tausenden Flüchtlingen auf der Balkanroute sind in den Medien präsent, der Eichenauer Raphael Knipping sieht sie jeden Tag live. Der 22-Jährige arbeitet freiwillig in der Flüchtlingshilfe - zurzeit in Serbien.

SZ: Wie sehen Sie die Situation der Flüchtlinge auf der Balkanroute?

Raphael Knipping: Ich befinde mich derzeit in Preševo an der serbisch-mazedonischen Grenze. Das ist ungefähr zehn Kilometer von der mazedonischen Grenze entfernt. Hier befindet sich eines der Registrierungscamps, bei denen die Flüchtlinge sich eine Art serbisches 72-Stunden-Visum holen müssen, um legal in Serbien reisen zu dürfen. Leider ist diese Registrierungsstelle hoffnungslos überfordert und die Leute stehen teilweise acht Stunden in einer Schlange auf der Straße. Ohne Schutz vor Regen oder Kälte. Gerade nachts kommt es hier zu dramatischen Szenen, es kommen sehr viele Familien mit kleinen Kindern hier an.

Was spielt sich da ab?

Es wird immer kälter und viele Menschen sind vom Regen durchnässt und drohen zu unterkühlen. Wir haben eine begrenzte Anzahl an gespendeten Winterjacken und Schals und Mützen, die wir in Notfällen verteilen können. Aber nur zu frieren, ist noch kein Grund, eine Jacke zu bekommen, da wir viel zu wenige haben. Viele müssen neben der Warteschlange campieren. Ohne freiwillige Helfer würden hier vermutlich Menschen erfrieren. Das UNHCR hilft nur in Notfällen mit Decken aus. Oft kann man Menschen auch nur mit Informationen helfen, da viele frustriert in der Schlange warten ohne zu wissen, für was sie anstehen und wie es mit ihnen weitergeht.

Was hat Sie motiviert, dorthin zu reisen?

Motiviert haben mich die Bilder und Nachrichten aus Ungarn und Artikel 1 des Grundgesetzes.

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Also "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Wie verändern die Erfahrungen an der Balkanroute Ihr politisches Denken und caritatives Handeln?

Ich war immer ein Fan von der Idee eines Europa ohne Grenzen und Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten. Dass diese zwei hart erarbeiteten Werte jetzt aufgrund von Menschen, die aus Not zu uns fliehen, in Frage gestellt werden und in Gefahr sind, finde ich unerträglich. Ohne freiwillige ehrenamtliche Helfer wäre an keinem der Orte, die ich bis jetzt besucht habe, eine gewisse Menschenwürde gewährleistet gewesen. Ob in München am Hauptbahnhof, in Wien am Hauptbahnhof, an der ungarisch-kroatischen oder jetzt an der serbisch-mazedonischen Grenze.

Staatliche Hilfe war an keinen Orten wirklich vorhanden. Mein caritatives Handeln hat sich dadurch verändert, weil ich gesehen habe, wie große Hilfsorganisationen vor Ort arbeiten beziehungsweise nicht arbeiten! Das Rote Kreuz war an allen Orten bis jetzt präsent, aber leistet quasi keine Hilfe. Ärzte ohne Grenzen und Humedica tun ihr Bestes und retten aktiv Leben. Zumindest weiß ich jetzt, wem ich etwas spenden möchte oder eher nicht.

Sie machen auch Fotos unterwegs, werden die veröffentlicht oder wie teilen Sie Ihre Eindrücke mit?

Ich arbeite mit Bartl von Laffert zusammen, ein junger Journalist und guter Freund. Wir haben erst kürzlich eine Veröffentlichung auf bento.de mit meinen Bildern und seinem Text gehabt. Aber ich habe auch in Zukunft vor, visuell über das Thema und meine Erlebnisse zu berichten. Möglicherweise in Form eines Infoabends oder weiterer Veröffentlichungen.

Welche Reaktionen gibt es darauf?

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Die Reaktionen sind hauptsächlich positiv. Natürlich gibt es auch die üblichen Hetzkommentare rechter Spinner mit Aussagen wie "linksversiffter Gutmensch" oder "Möchtegern-Weltverbesserer". Aber das sehe ich nicht als Angriff auf mich, sondern als Zeichen, dass diese Menschen dringend Hilfe brauchen, um wieder in unsere Gesellschaft integriert zu werden.

Können Sie sich vorstellen, zum Beispiel in Eichenau in der Flüchtlingshilfe mitzumachen?

Ich habe noch nicht in Eichenau mitgeholfen, weil ich das Gefühl habe, in meinem Alter und mit meinen derzeitigen Ressourcen hier vor Ort mehr bewirken und helfen zu können. Natürlich möchte ich auch zukünftig aktiv sein. Wie das dann genau aussieht, weiß ich jetzt noch nicht.

Nach all dem, was Sie gesehen haben: Mit welchen Argumenten würden Sie sich in die derzeitige Debatte über Flüchtlinge im Landkreis einbringen?

Wir sollten endlich akzeptieren, dass Menschen zu uns kommen. Wenn man die Nachrichten verfolgt, neigt man dazu, nur noch in Zahlen zu denken. Kommen jetzt 800 000 oder 1 000 000? Man vergisst, dass jeder einzelne ein Mensch mit denselben Problemen und Bedürfnissen wie man selber ist. Diese Leute wollen so schnell wie möglich arbeiten, ein neues Leben beginnen. Am besten sofort.

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Wenn sich im Bamf (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Anm. d. Red.) 200 000 Anträge stapeln und die Leute Ewigkeiten in Lagern ohne Privatsphäre warten müssen und nicht arbeiten dürfen, wundert man sich, dass manche "randalieren". Allgemein wäre es schön, Flüchtlinge nicht als Angriff zu sehen, wie es Begriffe wie Flüchtlingsansturm oder Flüchtlingswelle suggerieren. Sie sind kein Angriff, sondern eine Chance. Für uns alle. Lasst sie uns wahrnehmen.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Wir verschwenden so viel Zeit und Geld in sinnlose Diskussionen über Grenzzäune, Transitzonen oder andere Wege, den "Zustrom" zu begrenzen. Glauben wir wirklich, die Flüchtlinge machen sich mit einem Boot auf den Weg über das Mittelmeer, um dann an einem Grenzzaun zu sagen: "Okay dann gehe ich halt wieder nach Syrien in den Krieg zurück"? Diese Menschen haben keine Perspektive und werden sich nicht aufhalten lassen. Wenn wir sie aufhalten, wird es zu humanitären Katastrophen kommen, wie es sich nach der Grenzschließung Ungarns jetzt schon anbahnt.

Wie wäre es zum Beispiel mal damit zu akzeptieren, dass diese Menschen so oder so kommen. Man sollte sich die Mühe machen, die Anträge schneller zu bearbeiten, Leute schneller arbeiten zu lassen oder endlich in sozialen Wohnungsbau zu investieren. Wir wundern uns, dass der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet, wenn zum Beispiel Kinder keinen Schulsport in der Turnhalle mehr machen können, weil dort jetzt Flüchtlinge wohnen. Das ist nicht die Schuld der Flüchtlinge, sondern die Schuld der Politik, die seit Jahren verschlafen hat und jetzt völlig überfordert ist.

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