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Vorstoß gegen das Insektensterben:"Das Thema hat Schwung"

Die ersten Kommunalpolitiker tragen sich im Freisinger Rathaus für das Volksbegehren ein. darunter Rosemarie Eberhard (Linke).

(Foto: Marco Einfeldt)

Christoph Moning vom Institut für Ökologie und Landschaft an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf hält das Volksbegehren "Rettet die Bienen" für sinnvoll. "Handlungsbedarf besteht definitiv", sagt er.

"Rettet die Bienen": An diesem Donnerstag startet das von der ÖDP ins Leben gerufene Volksbegehren Artenschutz. Bis zum 13. Februar geht es nun darum, 950 000 Wählerstimmen zu sammeln, um das bayerische Umweltgesetz verändern zu können. Die Initiatoren - neben der ÖDP sind das unter anderem die Grünen und der Landesbund für Vogelschutz - wollen damit den drastischen Artenschwund stoppen. Unter anderem fordern sie, dass bis 2030 mindestens 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet werden. Die SZ sprach mit Professor Christoph Moning vom Institut für Ökologie und Landschaft an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf über das emotional diskutierte Thema.

SZ: Herr Moning, werden Sie beim Volksbegehren auch unterschreiben?

Christoph Moning: Ja, ich habe das intensiv mit meinen Kollegen diskutiert und werde unterschreiben. Meiner Meinung nach ist dieser Vorstoß unterstützenswert - alleine schon, um Druck auf die Politik auszuüben. Handlungsbedarf besteht definitiv.

Christoph Moning vom Institut für Ökologie und Landschaft an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.

(Foto: Privat)

Momentan ist das Insektensterben ein großes Thema in der Öffentlichkeit. Glauben Sie, dass das Volksbegehren erfolgreich sein wird?

Das Thema hat Schwung. Aber ich bin mir nicht sicher, ob tatsächlich die notwendige Zahl an Wählerinnen und Wählern zustande kommt. Die Hürde, ins Rathaus zu gehen, ist relativ hoch: Man muss das in seinen Alltag einbauen, sich extra Zeit dafür nehmen... und das im Winter, einer ungemütlichen Jahreszeit.

Würden die geforderten Gesetzesänderungen tatsächlich die notwendigen Verbesserungen erzeugen?

Teilweise schon. Wesentliche Verbesserungen würden möglich sein, auch wenn sich nicht alle Inhalte umsetzen lassen werden. Beispielsweise bei den geforderten artenreichen Grünländern, diese würden ganz sicher einen positiven Effekt auch auf den Nährstoffeintrag in Gewässern haben. Unsere aktuellen Untersuchungen an Biberdämmen zeigen, dass auch durch Intensivgrünländer enorm hohe Stickstoffmengen in die Gewässer gelangen .

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Aber ist der Artenschwund tatsächlich schon so gravierend?

Was wir verlieren, ist die Masse an häufigen Arten. Da beobachten wir bereits einen Rückgang von bis zu 75 Prozent. Und der Verlust der Masse ist auch das eigentliche Problem, diese hat im Ökosystem beispielsweise als Nahrungsgrundlage eine Funktion. Und da beobachten wir regional, bayernweit und in ganz Deutschland einen dramatischen Rückgang. Der Verlust eines einzelnen, ganz seltenen Käfers dagegen ist weniger ein Problem für die Leistungen der Natur für die Gesellschaft.

Vor Kurzem fand an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf eine Tagung mit nationalen und internationalen Wissenschaftlern zum Thema "Insekten sterben ... Insekten-Vielfalt" statt. Gab es da auch neue Erkenntnisse?

Bei der Tagung wurde zunächst einmal das gesamte Wissen zum Insektensterben zusammengefasst. Einen neuen Beitrag gab es tatsächlich: Auch im Wald ist ein Rückgang an Insektenbiomasse zu beobachten, zwar ist er nicht so stark, aber es gibt dennoch Parallelen. Betroffen ist etwa ein Viertel der Biomasse im Wald. Der Artenschwund ist also offenbar nicht ein alleiniges Problem der Landwirtschaft. Das war auch uns in dieser Klarheit neu.

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Die konventionelle Landwirte sprechen von einseitigen Vorwürfen und überzogenen Forderungen, sie fühlen sich durch das Volksbegehren an den Pranger gestellt. Haben sie tatsächlich Schuld am Artenschwund?

Die konventionelle Landwirtschaft hat sicher einen großen Anteil. Aber die Schuldfrage ist diffizil, zu sagen, der konventionelle Landwirt ist der alleinige Verursacher, ist zu platt. Auch die Politik und der Verbraucher haben einen großen Anteil. Der Verbraucher reguliert den Markt mit seiner Nachfrage und seinem Konsumverhalten. Und die Politik hat unter anderem mit ihrer Agrarförderung ihren Teil beigetragen. Es sind eine Vielzahl von Faktoren, die eine intensive Landwirtschaft gefördert haben.

Und im Landkreis Freising? Wie ist da die Situation?

Im Landkreis finden wir ein durchschnittliches Bild, so wie generell in Bayern. Es gibt Tendenzen, dass Insekten und Vögel weniger werden, auch wir haben hier einen Schwund. Es gibt Licht und Schatten. Wir haben auf der positiven Seite beispielsweise eine Vielzahl an Ausgleichsflächen, mehr Totholz im Wald - aber wir haben eben auch eine intensive Landwirtschaft, die beispielsweise dramatische Rückgänge bei Tagfaltern und Vögeln verursacht hat.

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