Ultrafeinstaub "Die FMG weiß, was man den Nachbarn über den Zaun schmeißt"

Im Gegensatz zu den Flugzeugen kann man Ultrafeinstaub weder sehen noch hören.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Freisinger Bürgerverein kritisiert den Münchner Flughafen dafür, beim Thema Ultrafeinstaub wegzusehen. FMG-Sprecher Jahnke fordert wissenschaftlich fundierte Messmethoden und -reihen. Sonst werde man nicht tätig.

Von Johann Kirchberger, Freising

Man sieht sie nicht, man hört sie nicht. Aber sie sind da. Die Ultrafeinstaubpartikel, die vom Freisinger Bürgerverein gemessen werden. Wolfgang Herrmann, der zusammen mit Oswald Rottmann schon an die 60 Messfahrten durchgeführt hat, berichtete bei der Mitgliederversammlung des Vereins, dass selbst in zehn Kilometer Entfernung zum Flughafen Werte festgestellt worden seien, die sieben bis acht Mal höher als normal seien, wenn der Wind vom Flughafen komme. Die FMG wisse um diese Belastungen spätestens seit dem Jahr 2015, als ihr eine Studie aus der Schweiz übermittelt worden sei, sagte Herrmann. Aber die FMG führe lieber ihre "Luftgüte"-Messungen durch, an Standorten, die dafür nur bedingt geeignet seien und verbreite Meldungen, die gute Luft vortäuschen sollen.

Das sagt die FMG

"Wir zweifeln an, dass dies das richtige Messgerät ist", sagt FMG-Sprecher Horst Jahnke. Es sei es für den Einsatz im Innern und für Heizungsanlagen vorgesehen. Zudem messe es alle Partikel, bei Pulling auch die der A 92. Wie viele Partikel von Fliegern und wie viele von Autos seien, müsse nachgewiesen werden. Das einfach zu vernachlässigen, wie es der Bürgerverein tue, sei spekulativ. Er fordert wissenschaftlich fundierte Messmethoden und -reihen. Solange es die nicht gibt, wird die FMG nicht tätig. Eine Studie des Umweltbundesamt solle aber 2019 Klarheit über die Ultrafeinstaubproblematik an Flughäfen bringen. Dann werde man reagieren, versichert Jahnke. Zu den Anwohnern in den Orten Pulling und Berglern verweist er auf die 62 Millionen Euro, die die FMG seit dem Flughafenbau investiert habe. Häuser in lärmbelasteten Zonen seien schallgeschützt worden. Deren Instandhaltung sei nun Angelegenheit der privaten Eigentümer. clli

Die Mess-Werte der FMG repräsentierten nicht die Belastung nach dem Immissionsschutzgesetz, sagte Herrmann. Als Beispiel für die tatsächliche Luftverschmutzung nannte er einige Messergebnisse des Bürgervereins. Bei Ostwind, wenn die bei Verbrennung von Kerosin entstehenden Feinststäube über dem Flughafen voll erfasst würden, habe man etwa in Pulling 25 000 Partikel pro Kubikzentimeter gemessen, bei Westwind nur etwa 3000. Gemessen habe man auch beim Aufgemuckt-Fest in Attaching. Dort seien an der Lee-Seite, also dort, wo der Wind hingeht, bei Gewitterböen bis zu 100 000 Partikel registriert worden, auf der Luv-Seite nur 2500. Die FMG kenne diese Problematik genau, fasste Herrmann zusammen, "die FMG weiß, was man den Nachbarn über den Zaun schmeißt", aber sie handle nicht.

Die FMG ignoriere die Ergebnisse des Mainzer Kardiologen Münzel, sagt der Bürgerverein

Ist der Flughafen ein guter Nachbar?, hatte Vorsitzender Reinhard Kendlbacher zu Beginn der Veranstaltung gefragt, und verneinte diese Frage nach Herrmanns Ausführungen entschieden. Wider besseres Wissen verweise die FMG auf fehlende Messverfahren für Ultrafeinstaub und behaupte, "unser Messgerät ist nur für Innenräume geeignet". Schmunzelnd meinte Kendlbacher, dass auch im Airport-Center hohe Belastungen festgestellt worden seien, und da sei ja ein Dach drüber. Angesichts der Tatsache, dass die FMG nicht messe, was sie messen solle, zweifle er immer mehr an der Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen, sagte Kendlbacher. Ignoriert würden von der FMG auch die Feststellung des Mainzer Kardiologen Thomas Münzel, der bei seinem Vortrag in Freising festgestellt habe, dass Lärm und Ultrafeinstaub sich potenzieren und einen "besonders gefährlichen Cocktail bilden".

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Als Konsequenz forderte Herrmann von der FMG, "schauen Sie nicht länger weg, messen sie". Von der Politik forderte er "Gesundheit vor Profit, keine Subventionen für den Flugverkehr, keine Kurzstreckenflüge bis 500 Kilometer und keine dritte Startbahn". Denn je näher der Flughafen "an uns heranrückt", ergänzte Kendlbacher, "umso größer wird die Gefahr für unsere Gesundheit".

Notwendig ist ein zweites Messgerät, das mit Spenden gekauft werden soll

Aufgabe des Bürgervereins, der mittlerweile 60 Mitglieder hat, sei es, "die unsichtbare Gefahr sichtbar zu machen", sagte Kendlbacher. Notwendig sei dazu ein zweites Messgerät, das mit Spenden gekauft werden soll. Die Postkartenaktion des Vereins, bei dem die Landtagsabgeordneten jeden Monat mit Fakten gegen den Bau einer dritten Startbahn versorgt würden, falle zwar in die Kategorie "kleine Nadelstiche". Aber sie zeige, "wir sind da und wir schlafen nicht". Auch die Sendung "Jetzt red i" wertete Kendlbacher als Erfolg. "Mir war'n guat", sagte auch Bürgermeisterin Eva Bönig. 290 000 Zuschauer hätten laut BR diese Sendung gesehen und die wüssten jetzt, "was bei uns los ist, dass wir die besseren Argumente haben". Nachlesen kann man das und vieles mehr jetzt auch auf der Homepage des Vereins, die Gerhard Müller-Starck vorstellte, unter "bv-freising.de".

Weiter berichtete Reinhard Kendlbacher, dass die FMG sich nach wie vor weigere, in Pulling oder Berglern 25 Jahre alte Lärmschutzfenster auszutauschen. Dabei habe Flughafenchef Michael Kerkloh doch erst kürzlich erklärt, es gebe nur wenige Lärmbetroffene und die würden "first-class" entschädigt.

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