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SZ-Balkonien:Der Discounter kann einpacken

Fast wie ein Fotomodel verharrte die Schwebfliege vor der Sonnenblume, bis das Foto aufgenommen war.

Asphalt, Autos und Garagen zum Trotz: Die Kirsch-Tomate schmeckt.

In dieser Woche ist die für Wirtschaft zuständige Redakteurin, die auch über gute Kontakte zum grünen Campus in Weihenstephan verfügt, ins Grübeln geraten. Direkt neben dem Artikel auf der SZ-Homepage, in dem die Kollegin stolz von den ersten Tomaten berichtet, die auf dem Balkon der Freisinger Redaktion langsam heranreifen, lockt ein Discounter mit leuchtend roten Tomaten, knackigen Karotten und saftigen Radieserl. Traut den Schreibtisch-Menschen in der Redaktion denn keiner zu, dass sie im Garten und auf dem Balkon ebenfalls Ansprechendes und zugleich Nützliches vollbringen können? Muss man ihnen so unmittelbar vor Augen führen, wie eine gute Gemüse-Ausbeute aussehen kann?

Zugegeben, auch die Fotos, die eine Kollegin aus einem benachbarten Landkreis geschickt hat, machen ein wenig neidisch. "Wie geht es eurem Blüh-Balkon?", fragt sie. "Vor meinem Bürofenster summt es tüchtig." Bienen, Hummeln und sogar ein Schmetterling tummeln sich auf ihrem Oregano. Angesichts der Tatsache, dass beim Freisinger Projekt "SZ-Balkonien" noch jedes Insekt persönlich begrüßt wird, glaubt man, fast so etwas wie Schadenfreude herauszulesen (oder sind es nur gärtnerische Minderwertigkeitskomplexe, die zu so einer Schlussfolgerung verleiten?). Allerdings hat besagte Kollegin einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil, das muss an dieser Stelle gesagt sein: Ihr Topf steht vor einer blühenden Klee-Wiese, das mehrstöckige Gebäude in Freising umgeben Asphalt, Autos, Garagen. Also ein extra Fleißpunkt für Freising.

Modelhaft verharrte eine Schwebfliege vor der Sonnenblume

Die Redaktion konzentriert sich nunmehr ganz auf ihre Erfolgsmeldungen, ohne sich weiter irritieren zu lassen: Ja, es war definitiv eine Biene, die sich von der Sonnenblume im Brennnesseltopf hat anlocken lassen. Leider flüchtete sie, Aug in Aug mit dem Fotoapparat, bevor der Auslöser aktiviert werden konnte. Als weniger schüchtern erwies sich ein etwas kleineres Geschöpf, bei dem es sich laut erster Recherche um eine Schwebfliege handeln muss. Sie verharrte modelhaft vor dem Sonnenblumengelb, bis das Foto im Kasten war. Aufgegangen ist auch die Guerilla-Taktik der Kulturchefin: Aus der Seed-Bombe sprießen erste Pflänzchen.

Ach ja, und noch ein Erfolgserlebnis: Die Wirtschaftsredakteurin hat sich kurzerhand die erste rote Kirschtomate geschnappt und ganz schnell in den Mund gesteckt, bevor ihr sie jemand streitig machen konnte. Schon was Besonderes, so ein Tomätchen frisch vom Pflänzchen ... Da kann so ein Discounter doch einpacken.

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