Poetry-Slam in Freising:Schimmelndes Salz und perfekte Mütter

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Poetry-Slam in Freising: Als aggressiv dekorierende Umzugsnomadin stellte sich Isabell Baacke dem Freisinger Publikum vor.

Als aggressiv dekorierende Umzugsnomadin stellte sich Isabell Baacke dem Freisinger Publikum vor.

(Foto: Marco Einfeldt)

Im Freisinger Lindenkeller treten acht Wortakrobaten beim Poetry-Slam gegeneinander an - am Ende kann Emir Taghikhani das Publikum mit seinen skurrilen Texten am meisten begeistern.

Von Charline Schreiber, Freising

Im Lindenkeller sind diese Woche wieder acht Poetry-Slammer in einem Wettstreit der Worte gegeneinander angetreten. In einer Kombination aus nachdenklichen, aber vorwiegend humorvollen Texten sorgten die Kandidaten für einen kurzweiligen Abend. Auf die obligatorische Einstiegsfrage der Moderatoren Ko Bylanzky und Philipp Potthast, wer schon einmal einen Poetry-Slam besucht habe, streckten über die Hälfte der 70 Gäste ihre Hand nach oben. Es gab aber auch Einzelne, die sich zum ersten Mal zu einem Slamabend getraut haben.

Für die Neulinge erklärte Bylanzky die Regeln noch einmal ganz genau: Die Dichter dürfen nur selbstgeschriebene Texte vortragen und dabei die Auftrittszeit von fünf Minuten nicht überschreiten. Hilfsmittel, wie Kostümierungen oder Bühnenbilder, sind nicht erlaubt, es gilt die "No-Probs"-Regel. Das Publikum wählte aus den Kandidatinnen und Kandidaten, aufgeteilt in zwei Hälften, mit der Lautstärke seines Applauses einen Gruppensieger, der im Finale ein weiteres Mal antrat.

Wenn man nachts jemandem die Decke klaut, ist man dann ein Entdecker?

Den Abend eröffnen durfte Aron Mirwald, Lokalmatador, der sich das erste Mal mit seinem Text in einen Wortwettstreit wagte. Mit einer Anekdote aus seinem Freundeskreis ging Mirwald der Frage nach, wie man sich nach einem Toilettengang am besten reinigt. "Wasser oder Papier?" Ein unkonventionelles Thema, das mit Applaus belohnt wurde. Im Anschluss gehörte die Bühne Markus Becherer, zwei Mal rheinland-pfälzischer Landesmeister und erst vor kurzem nach München gezogen. Menschliche Erfindungen und die Dringlichkeit von Fragen waren in Reimen der Schwerpunkt seines Textes. Warum läuft die Nase, wenn Füße riechen? Und wenn man nachts jemandem die Decke klaut, ist man dann ein Entdecker? So verwandelte Becherer den vielleicht bekanntesten Songtext aus der Sesamstraße in "Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt stumm".

Die dritte Slammerin, Isabell Baacke, trat zuvor auf Bühnen nur mit Musik auf, brachte an diesem Abend aber das Publikum zum Schmunzeln, indem sie ihre Karriere als aggressiv dekorierende Umzugsnomadin beschrieb. Die lautesten Lacher konnte aber Emir Taghikhani einfahren, der sich selbstironisch seinen Nachnamen vornahm und bekannte, wer bereits an der Aussprache zur Verzweiflung getrieben wurde. Mit einem tosenden Applaus wählte das Publikum Taghikhani zum Gruppensieger der ersten Hälfte.

Drei Finalisten, denn: "Regeln sind da, um gebrochen zu werden"

Die zweite Gruppe durfte Leah Weigand, amtierende Hessenmeisterin, mit einem berührend-poetischen Text über ihren verstorbenen Großvater einleiten. Mit der Konservierung des Vergänglichen legte Weigand Schweigen über das Publikum, das erst ganz am Ende mit Applaus durchbrochen wurde. Lea Loreck slammte, im Kontrast zu Weigand, lauthals über die Erfahrungen, die sie als Mutter eines "Corona-Babys" mit anderen, augenscheinlich perfekten Müttern gemacht hat. Sie selbst sei froh, wenn sie "überhaupt mal eine Hose an hat". Mit einem politischen Slam über "den Nazi-Freund am Küchentisch" thematisiert Lokalmatadorin Antonia Riedmair das fragwürdige Weltbild eines Familienfreundes, das sie in ihrem Text anprangert.

Als letzter Slammer der zweiten Hälfte machte der Münchner Yannik Sellmann, der mit neuer Brille die Bühne betrat, satirisch auf die "militantischen Verhältnisse" bei einem bekannten Brillenhändler aufmerksam. In der Applausentscheidung der zweiten Runde war zwischen Weigand und Sellmann akustisch kaum ein Unterschied zu hören. Ein Zuschauer schlug kurzerhand vor, beide zu Gruppensiegern zu küren. "Regeln sind da, um gebrochen zu werden", fand auch Potthast und erlaubte an diesem Abend deshalb gleich drei Finalisten.

Der Sieger wird mit einer Flasche Whiskey entlohnt

Sellmann, der beruflich Autor für ein Comedy-Format ist, legte in seinem finalen Text offen, wie schwierig es für ihn war, beruflich lustig zu sein, wenn in ihm etwas "bröckelt". Leah Weigand dichtete eine wortgewandte Liebeserklärung an einen Menschen. Dem stand Taghikhani, beruflich Lebensmitteltechnologe, mit einem komödiantischen Text und der Frage "Kann Salz schimmeln?" entgegen. Der Applaus entscheidet letztlich für Emir Taghikhani, der mit einer Whiskeyflasche entlohnt wurde.

Der nächste Poetry-Slam im Lindenkeller findet am 8. Dezember statt. Auch dann gibt es für Wortakrobaten aus Nah und Fern wieder die Möglichkeit, im Wortwettstreit gegeneinander anzutreten.

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