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Katastrophenschutz im Landkreis Freising:Alle in einem Boot

In Nachbarschaft zur Lerchenfelder Schwabenau sorgt das Wasserwirtschaftsamt für einen neuen Deichverteidigungsweg.

(Foto: Marco Einfeldt)

Großeinsätze werden vom Landratsamt koordiniert, die Hilfsorganisationen arbeiten Hand in Hand. Zur Vorbereitung auf den Ernstfall finden regelmäßige Übungen statt.

Von Peter Becker, Freising

Kommt das Wasser mal daher geschossen, kommen alle Rettungsmaßnahmen zu spät. Diese Erfahrung haben im Landkreis Freising zuletzt die Einwohner von Tegernbach gemacht. Über 100 Liter Wasser pro Quadratmeter haben sich über das Dorf in der Hallertau innerhalb kurzer Zeit ergossen. Ansonsten unscheinbare Bäche und Gräben mutierten zu reißenden Strömen, liefen in Keller und Geschäfte. Ein paar Kilometer weiter südlich in Freising fiel dagegen kein einziges Tröpfchen vom Himmel. Die Meldestufe zum Katastrophenalarm wurde damals nicht erreicht. Aber mit Hochwasserkatastrophen haben die Menschen entlang Isar und Amper schon ihre Erfahrungen gemacht. Die Stadt Freising zuletzt im Jahr 2013, als wegen einer Überschwemmung, verursacht durch die Moosach und ihre Zuflüsse, Teile der Innenstadt unter Wasser standen.

Dem Landrat gebührt es, bei lang anhaltenden Starkregenereignissen den Katastrophenfall auszurufen. Wird die Katastrophe durch den Landrat festgestellt, übernimmt die untere Katastrophenschutzbehörde die Einsatzleitung und steuert die Maßnahmen der im Katastrophenschutz beteiligten Hilfsorganisationen, der Feuerwehren, der Polizei und des Technischen Hilfswerks. Dadurch soll sichergestellt werden, dass es zu keinerlei Kompetenzstreitigkeiten kommt und der Einsatz zentral von einer Stelle geleitet wird, sagt dazu das zuständige Landratsamt. Die Mitglieder der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) treffen sich im Landratsamt und beraten das weitere Vorgehen.

"Die Strukturen funktionieren wunderbar"

Wichtige Fachberater sind dabei Michael Wüst vom THW und Kreisbrandrat Manfred Danner. Am Brennpunkt selbst befindet sich ein örtlicher Einsatzleiter, der die ehrenamtlichen Kräfte der herbeigeeilten Hilfsorganisationen einteilt. Dazu zählen beispielsweise die Feuerwehren, das Technische Hilfswerk, das Rote Kreuz und die Johanniter. Mit im Boot sind alle freiwilligen Hilfsorganisationen sowie die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege. "Die Strukturen funktionieren wunderbar", lobt Eva Zimmerhof, Pressesprecherin des Landratsamts, die mit ihrem Kollegen Robert Stangl ebenfalls dem FüGK angehört. "Die Hilfsorganisationen arbeiten Hand in Hand. Es ist ein gutes Miteinander." Da gebe es keine Rivalitäten.

Das Landratsamt weist daraufhin, dass laut Katastrophenschutzgesetz auch Privatpersonen oder Privateigentum zur Bewältigung einer Krise herangezogen werden können. Wird es im Katastrophengebiet allzu arg, kommt zuletzt die Bundeswehr angerückt. Dies geschieht, wenn die untere Katastrophenschutzbehörde am Landratsamt diese von der Bezirksregierung anfordert. "Das greift gut ineinander", schildert Zimmerhof ihren Eindruck.

Die Einsatzkräfte spielen regelmäßig Katastrophen-Szenarien durch

Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, spielen die Einsatzkräfte regelmäßig verschiedene Szenarien durch. Im Oktober 2018 fuhren Mitglieder des FüGK nach Pfullendorf in Baden-Württemberg, um dort in einer Kaserne das Zusammenspiel mit der Bundeswehr zu üben. In diesem Szenario schlüpften die Freisinger in die Rolle des FüGK von Neuburg an der Donau. Dort war vorgeblich der Fluss über die Ufer getreten, das Hochwasser überschwemmte Häuser, Deiche mussten verstärkt und ein Seniorenheim evakuiert werden. In der Folge brach ein Damm, an andere Stelle musste ein Teil gesprengt werden.

Kommt dieses Szenario einem möglichen Einsatz an der heimischen Isar oder Amper noch relativ nah, war die Übung 2019 an der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung in Ahrweiler weitaus ungewohnter. Die Freisinger FüGK saß dabei in Rheinland-Pfalz und musste sich in einen Katastrophenfall an der Nordseeküste hineinversetzen. Menschen waren dort von Wassermassen eingeschlossen worden und es galt, sie zu retten. 800 Touristen mussten in Sicherheit gebracht werden. In so einem Szenario gibt es viele Schauplätze. "Da gilt es, schnell gute Lösungen zu finden und kühlen Kopf zu bewahren", beschreibt Eva Zimmerhof die Situation. Vieles spielt sich zwar nur virtuell ab, doch am Ende sind trotzdem alle zufrieden, wenn die Übung ohne den Verlust von imaginären Menschenleben vonstatten ging.

Fake News beobachten

Den Pressesprechern des Landratsamts kommt dabei noch eine besondere Rolle zu. Sie müssen im Auge behalten, was in den sozialen Medien passiert und eventuell auf Fake News reagieren, die vielleicht für Panik, zumindest aber für Verunsicherung unter der Bevölkerung sorgen könnten. Die gilt es auch über Gefahren zu informieren, wenn längst der Strom ausgefallen ist - beispielsweise über Lautsprecherdurchsagen von Polizeiautos aus.

Das Wasserwirtschaftsamt betreibt präventiv laut Auskunft des Landratsamts regelmäßig ein Hochwasserrisikomanagement mit den Kommunen. Hierbei würden Probleme in den einzelnen Kommunen detailliert angesprochen und Maßnahmen sowie Alarmpläne unter die Lupe genommen. Durch diese Maßnahme bleibe die Hochwasservorsorge stets aktuell und gerate nicht in Vergessenheit. Das ist wichtig. Denn Katastrophenschützer sprechen von einer so genannten "Hochwasserdemenz": Liegen die Überschwemmungen eine Weile zurück, werden sie einfach vergessen.

Gemeinden an Amper, Isar und Glonn wären im Hochwasser-Fall besonders betroffen

Im Landkreis Freising sind die Überschwemmungsgebiete von Abens, Isar, Galgenbach und Schleiferbach, Glonn, Mauerner Bach, Moosach, Sempt, Strogen und Strogenkanal festgesetzt worden. Bauvorhaben sind dort nur in Sonderfällen möglich. Wer will, kann sich die Karten der Überschwemmungsgebiete im Landkreis Freising auf den Homepageseiten des Landratsamts zu Gemüte führen.

Ausgehend von den Hochwassergefahrenkarten für ein extremes Hochwasserereignis wären im Landkreis Freising die Gemeinden an Amper, Isar und Glonn besonders vom Hochwasser betroffen, informiert das Landratsamt. Ein besonderes Augenmerk sei auf die Zusammenflüsse von Glonn und Amper in Allershausen, von Amper und Isar in Moosburg und auf die Moosach in Freising zu legen. Gerade bei vergangenen Hochwasserereignissen habe sich gezeigt, dass die Lage in Moosburg beim Zusammenfluss von Isar und Amper und dem Amper-Überleitungskanal sowie in Freising an der Moosach im Auge behalten werden müsse.

© SZ vom 22.07.2021/beb/ilos
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