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Kommentar:Großes Freiluft-Labor

Noch weiß keiner, wie sich die Partikel, die aus Flugzeugtriebwerken geblasen werden, auf die Gesundheit der Menschen rund um den Airport auswirken.

Wer seine Hand mal kurz auf eine heiße Herdplatte legt, dem passiert nichts. Lässt er sie länger drauf liegen, riskiert er Brandblasen. Trinkt jemand mal über den Durst, hat er am nächsten Tag einen dicken Schädel. Treibt er das Spiel über Jahre, riskiert er eine Leberzirrhose. All dies ist alltagserprobt, durch Erfahrungen untermauert oder gar medizinisch bewiesen. Der Mensch hat die Wahl, ob er sich diesen Gefahren aussetzen mag oder nicht. Manchmal aber hat er keine Wahl. Etwa wenn er in der Nähe eines Flughafens lebt. Der Lärm ist akustisch wahrnehmbar, was da aber aus den Triebwerken herausgepustet wird, ist bisweilen auch mit Messgeräten nicht exakt nachweisbar. So wie zum Beispiel Ultrafeinstaub.

Der hat bis vor einiger Zeit offiziell gar nicht existiert, weil die Partikel nicht nachweisbar waren. Das sind sie jetzt, Konsequenzen sind aber noch nicht gezogen. Keiner weiß, wie sich die Partikel auf die Gesundheit eines Menschen auswirken. Beim herkömmlichen Feinstaub ist das längst bekannt. Wissenschaftler vermuten, dass in Deutschland jährlich 40 000 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung sterben.

Unterhalb von Ein- und Abflugschneisen schnellt die Partikelzahl von Ultrafeinstaub in die Höhe. Das haben Messungen ergeben. Dies legt die Vermutung nahe, dass Menschen, die in Pulling, Massenhausen, Berglern oder Eitting leben, einer erhöhten Dosis von Ultrafeinstaub ausgesetzt sind. Aus medizinischer Sicht müsste man schon deshalb auf den Bau einer dritten Startbahn verzichten, um die Belastung für die Bevölkerung in der Umgebung des Flughafens nicht weiter in die Höhe zu schrauben. Es sei denn, man betrachtet die Flughafenregion als riesiges Labor, in dem die Toleranz der Bewohner gegenüber Schadstoffen unter Realbedingungen getestet wird.

© SZ vom 20.07.2017/zim

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