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Erhöhung der Mindeststundenzahl:Grundschullehrer reagieren empört

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Lehrer von Grund-, Mittel- und Förderschulen müssen künftig mindestens 24 Unterrichtsstunden pro Woche halten. Für manche Lehrer im Landkreis Freising bedeutet das eine Arbeitszunahme von 60 Prozent (Symbolbild).

(Foto: dpa)

Die Erhöhung der Mindeststundenzahl könnte für ältere Teilzeit-Kräfte zum Problem werden, befürchtet die BLLV-Kreisvorsitzende Kerstin Rehm. Für einige bedeutet das eine Arbeitszeitanhebung um 60 Prozent.

Die vom bayerischen Kultusministerium erteilte Weisung, wonach Grundschul-, Mittelschul- und Förderlehrer vom kommenden Schuljahr an mindestens 24 Wochenstunden Unterricht halten müssen, hat auch im Landkreis zu Empörung geführt. Probleme, erklärte Kerstin Rehm, Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), hätten vor allem ältere Teilzeitkräfte. "Sie haben jahrelang 15, 16, Stunden gehalten und müssen künftig 24 Wochenstunden plus eine Arbeitszeitkontostunde arbeiten." Für manche Kollegin bedeute das eine Arbeitszeiterhöhung von über 60 Prozent.

Ein weiterer Diskussionspunkt: Das Geld für die Arbeitskontostunde bekommen die Pädagogen erst einmal nicht. Wann die Rückgabephase beginnt, wird derzeit noch ausgearbeitet. "Das heißt, wenn Sie als ältere Lehrerin in drei Jahren krank oder in Pension sind, sehen Sie davon nie etwas", so Rehm. Ausgenommen von der Mehrarbeit sind Lehrkräfte mit Kindern unter 18 und solche, die älter als 58 Jahre sind. Würde die Mehrarbeit sofort vergütet, hätten die Lehrer wenigstens einen positiven Effekt, so Rehm. Sie könne sich nur wundern, "das Land Bayern blüht derzeit, die Steuereinnahmen sprudeln, das Geld dafür müsste doch da sein."

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Gerne hätte die Freisinger SZ mit Schulleiterinnen und -leitern der betroffenen Schularten gesprochen. Doch die dürfen nicht. "Wir sind gehalten, uns nicht dazu zu äußern", sagte eine Schulleiterin. Ein Kollege erklärte, es gebe nicht direkt einen Maulkorb, aber eben Zuständigkeiten. Auf jeden Fall müsse das Schulamt seine Zustimmung zu den jeweiligen Aussagen geben.

Bis zu zehn Stunden pro Woche mehr arbeiten

Einer, der sich trotzdem traute, ist Josef Eschlwech von der Grundschule zwei in Neufahrn. "Ich bin nur noch sieben Monate im Dienst, dann gehe ich in Pension", sagte er. Auch Eschlwech betonte, nicht die eine Stunde Mehrarbeit für Vollzeitkräfte sei das Problem, sondern "die Anhebung des Mindeststundenmaßes für alle Lehr- und Fachlehrkräfte". Viele Teilzeitkräfte müssten jetzt plötzlich bis zu zehn Stunden pro Woche mehr arbeiten. Und das, obwohl alle gute Gründe für die Teilzeit hätten, etwa die eigene Gesundheit oder die Familiensituation. Auch der spätere Beginn des Ruhestands mit 65 statt 64 Jahren komme nicht gut an. Allerdings, so Eschlwech, könne man nicht alles dem seit einem Jahr amtierenden Kultusminister Michael Piazolo in die Schuhe schieben, "und das sage ich nicht, weil ich auch bei den Freien Wählern bin", betonte Eschlwech, der im Neufahrner Gemeinderat sitzt. Vor drei, vier Jahren gab es sogar für gute Absolventen noch Wartezeiten, "und jetzt das Gegenteil, es gibt keine Lehrer mehr. Das ist schwer vermittelbar."

Dass es tatsächlich ein Vollzeitjob ist, 25 Schulstunden pro Woche zu halten, betonen alle. Denn die Aufgaben, die Lehrer und Lehrerinnen am Nachmittag leisten müssen, würden immer mehr und vielfältiger. Eine Auswahl: Verpflichtend auszustellende Wochenpläne, Info-und Elternabende, Gespräche mit Eltern, Ärzten, Jugendsozialarbeitern oder Schulbegleitern von Inklusionskindern. Hinzu kommen Team-Absprachen für Proben und anderes, Arbeitsblätter müssen vorbereitet, Hilfsmittel gebastelt und erstellt werden und dann natürlich die täglichen Korrekturen. "Und da müssen Sie die Schüler miteinbeziehen, also auch schreiben: 'Michael, du hast dein Schriftbild verbessert, Michael, vergleiche diese Aufgabe doch mal mit der Aufgabe von gestern'...", schilderte Kerstin Rehm, die selbst jahrelang die Grundschule in Haag geleitet hat.

Für 24 Wochenstunden rechnet man 24 Stunden für Vor- und Nachbereitung

Weitere Pflichtaufgaben sind die Förderpläne für schwache Schüler und eine ganze Latte an Dokumentationen. "Jedes Pflaster, das ich ausgebe, muss ich dokumentieren dazu Schüler-Beobachtungen schreiben, etwa 'Hans kibbelte mit dem Stuhl, Hans pikste seinen Nachbarn ins Ohr'. Und nebenbei haben Sie einen Lehrplan, und Sie wissen, Sie müssen das schaffen, denn die nächste Klasse baut darauf auf." Nicht umsonst würden zu 24 Wochenstunden Unterricht noch einmal 24 Stunden an Vor- und Nachbereitung sowie Dokumentation eingerechnet.

Dazu kommt die Bezahlung, die für Grundschullehrer im reichen Bayern besonders mager ausfällt. So müssen sie mit maximal 29 Wochenstunden Unterricht im Vergleich zu Mittelschullehrern mit bisher maximal 27 Stunden und Gymnasial- und Realschullehrern mit 23 bis 24 Wochenstunden schon jetzt am meisten arbeiten, erhalten aber am wenigsten Geld. Die Einstufung in A 13, wie an Realschulen und Gymnasien, sei angesagt, betonte Kerstin Rehm. Bisher sind Grundschullehrer in der Besoldungsgruppe A 12. Das bedeutet bei 28 Stunden in Vollzeit in der Endstufe mit rund 53 Jahren 4942 Euro brutto. Zum Vergleich: A 13 brächte 5492 Euro brutto.

Rehm ist überzeugt, dass der Schuss nach hinten losgeht. Denn es sei gut möglich, dass viele Teilzeitkräfte gesundheitliche Gründe geltend machen und die künftig vorgeschriebenen Stunden nicht leisten. 95 Prozent der Grundschullehrkräfte seien Frauen, viele hätten Kinder erzogen, betreuten jetzt oft Angehörige. Rehm sieht in der Neuerung eine "Respektlosigkeit des Kultusministers gegenüber den Lebensälteren und ihrer bisherigen Leistung. Wenn sie 30 Jahre alt sind, schaffen sie die 24 Wochenstunden Minimum, aber wenn sie 54 sind, nicht mehr unbedingt."

© SZ vom 20.01.2020/nta
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