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Freisinger Klimaaktivisten:"Die positiven Erfahrungen mitnehmen"

Umweltproteste wie dieser von September 2019 sind derzeit undenkbar. Die Aktivisten hoffen aber, dass die derzeitige Solidarität bestehen bleibt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Debatte um den Klimawandel ist wegen Corona ins Hintertreffen geraten. Die Aktivisten setzen nun auf Präsenz in sozialen Netzwerken statt auf Streiks - und hoffen, dass die gegenwärtige Solidarität präsent bleibt.

Noch vor wenigen Wochen war der Klimawandel das beherrschende Thema gesellschaftlicher Debatten, auch im Landkreis Freising. Die Corona-Krise hat das nun verdrängt. Straßen und Plätze als Ort öffentlichkeitswirksamer Kundgebungen sind tabu, Demonstrationen auf unbekannte Zeit untersagt. Vertreter von "Fridays for Future" (FFF), der Mahnwache Klimagerechtigkeit und von Greenpeace müssen sich neu ausrichten. Sie geben sich optimistisch: Die Corona-Krise berge Chancen für eine nachhaltige, verzichtsorientierte Gesellschaft.

1800 Menschen demonstrierten beim bislang größten Klimastreik in Freising vor einem halben Jahr. Seit der Ausbreitung von Covid-19 ist das undenkbar. Zuletzt sollte am Freitag vor der Kommunalwahl gestreikt und ein Forderungskatalog an die Kommunalpolitiker im Landkreis vorgestellt werden. "Wir versuchen, in den Social-Media-Kanälen mehr Präsenz zu zeigen", sagt FFF-Sprecherin Klara Wrusch. "Auch wenn das Coronavirus die Aufmerksamkeit auf sich zieht." Die Forderungen zu Themen wie emissionsfreier Mobilität, nachhaltigem Bauen und Landwirtschaften wolle man stärker aufbereiten, aber auch Webinare, also Online-Seminare, organisieren und Wissen vermitteln. Mehr Bildung und Austausch also neben zuletzt vorherrschendem politischem Druck.

Der Klimaschutz macht einen Schub - wenn auch unfreiwillig

Der Klimaschutz im Landkreis erlebt derzeit unfreiwillig einen kräftigen Schub, angesichts zunehmender Einschränkungen des öffentlichen Lebens, der Mobilität - insbesondere des Flugverkehrs, wie Manfred Weinhöpl von der Moosburger Greenpeace-Kreisgruppe betont - und Mahnungen zum Verzicht auf nicht unmittelbar notwendige Güter und Dienstleistungen. Als Klimaerfolg wollen Aktivisten das aber nicht verbucht sehen. Zu stark überschatteten die Auswirkungen des Virus diesen "Nebeneffekt", wie Maximilian Trautner von der Mahnwache Klimagerechtigkeit Freising es formuliert.

In den vergangenen Tagen hat sich landkreisweit eine Vielzahl an Nachbarschaftsinitiativen gebildet, vorhandene Ehrenamtsstrukturen bündeln Kräfte. Solidarität im Zeichen der Krise, insbesondere mit Risikogruppen, lautet das Stichwort. Die Bereitschaft, insbesondere das Tempo der Reaktionen, "hat alle positiv überrascht", sagt Trautner. Er sieht darin auch langfristige Chancen für den Umbau der Gesellschaft. "Wir wollen das Positive aus dieser Krisenbewältigungserfahrung mitnehmen. Die Mechanismen sind ja oft ähnlich."

Die Prioritäten könnten sich dauerhaft verschieben, hofft Wrusch

Wrusch verweist auf Parallelen: Die derzeitige Solidarität mit den Älteren sei vergleichbar mit jener, die man sich in der Bekämpfung des Klimawandels mit Jüngeren wünsche. Nachbarschaftshilfen seien "genauso im Nachhaltigkeitsmanagement wichtig", sagt Trautner, "wir müssen die Erfahrungen, die die Menschen jetzt machen, in den Köpfen präsent halten". Entstehende Netzwerke müssten als tragfähige Strukturen für die Zukunft betrachtet werden. "Ich hoffe, dass diese Zeit, in der ein kollektiver Verzicht angeordnet wird, auch im Kampf gegen den Klimawandel hilft", sagt Wrusch, "dass Ideen zum Postwachstum zum Beispiel wichtiger werden."

Weinhöpl ist skeptischer, was den nachhaltigen Effekt derzeitiger Verhaltensänderungen anbelangt. "Wenn wir durch die Krise durch sind, wird das Ganze wahrscheinlich wieder kompensiert, dann stehen wir wieder am selben Punkt wie davor", glaubt er. "Andererseits zeigt sich gerade, dass es geht, wenn die Politik nur durchgreift, das ist natürlich eine Erkenntnis."

Wrusch beobachtet auch: "Die Coronakrise lockt Menschen auf bewährte Wege, der Nachhaltigkeitsgedanke ist noch nicht so fest verankert". Wer durch Supermärkte geht, erkennt derzeit eine Tendenz, dass die teueren, zugleich ökologisch nachhaltigeren Produkte nicht so stark nachgefragt sind wie andere. Dass der Klimawandel als solcher in den Hintergrund getreten ist, nicht nur durch die Absenz öffentlichkeitswirksamer Großveranstaltungen, das ist den Aktivisten bewusst. Auch, dass seine Folgen "gerade noch nicht so sehr an die Haustür klopfen" wie die unmittelbaren Folgen der Corona-Krise, sagt Maximilian Trautner. Manfred Weinhöpl ergänzt: "Die Frage ist auch: Wie viel Platz ist dafür gerade in den Köpfen der Menschen?"

© SZ vom 23.03.2020/nta
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