Ultrafeinstaub im Flughafenumland:Messdaten zeigen erhöhte Belastung

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Ultrafeinstaub im Flughafenumland: Großer Bahnhof für ein kleines Messgerät (von links): Benno Zierer, Manfred Pointner, Wolfgang Herrmann, Helmut Petz, Tobias Eschenbacher und Reinhard Kendlbacher wollen mehr über Ultrafeinstaub wissen.

Großer Bahnhof für ein kleines Messgerät (von links): Benno Zierer, Manfred Pointner, Wolfgang Herrmann, Helmut Petz, Tobias Eschenbacher und Reinhard Kendlbacher wollen mehr über Ultrafeinstaub wissen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Bürgerverein nimmt eine weitere, die sechste, Messstelle für Ultrafeinstaub rings um den Flughafen München in Betrieb. Inzwischen werden die Messungen wissenschaftlich begleitet.

Von Kerstin Vogel, Freising

Wie einen Beharrlichkeit ans Ziel bringt, dafür ist der Bürgerverein Freising mittlerweile ein beeindruckendes Beispiel. Am Donnerstag hat die Initiative im Ortsteil Attaching ihr sechstes Messgerät für Ultrafeinstaub (UFP) offiziell in Betrieb genommen. Gemessen wird schon seit Mitte Mai auf dem Gelände des BC Attaching - und die Ergebnisse bestätigen alle Befürchtungen: Die Daten zeigen eine mehr als zehnfach erhöhte Belastung mit Ultrafeinstäuben, wenn der Wind vom Flughafen herüberweht - und das, obwohl der Betrieb im Erdinger Moos nach dem Corona-Lockdown erst zur Hälfte wieder hochgefahren ist. "Da ist noch so einiges zu erwarten", warnte Wolfgang Herrmann, der für den Bürgerverein die Daten auswertet.

Der Standort auf dem Attachinger Sportgelände ist für den Bürgerverein von großer Bedeutung. Denn zwischen dem bisherigen Freisinger Messstandort an der Stadtgärtnerei und dem Flughafen liegt die Autobahn A 92. Die hier ermittelte UFP-Belastung ist nicht eindeutig zuzuordnen. In Attaching dagegen ist klar: Wenn der Wind vom Flughafen weht, stammt das, was in den Messgeräten ankommt, ausschließlich von dort, wie Herrmann erklärte.

Anfangs von höherer Stelle belächelt, sind die UFP-Messungen des Bürgervereins inzwischen wissenschaftlich anerkannt. Das von ihm aufgebaute Netzwerk mit Stationen in Eitting, Hallbergmoos, Freising, Achering, Massenhausen und jetzt Attaching ist Teil eines vom Umweltministerium finanzierten Forschungsprogramms zur Ermittlung der Ultrafeinstaubbelastung durch den Flugverkehr - unter wissenschaftlicher Leitung des Helmholtz-Zentrums München, das die Daten an eine Forschungsgruppe der Universität Bayreuth weitergibt. Analysiert werden neben der Ultrafeinstaub-Konzentration auch die Größenklassen der UFP sowie deren chemische Bestandteile.

Herrmann erhielt am Donnerstag höchstes Lob für seine Arbeit: Er sei "sehr beeindruckt", sagte Josef Cyrys vom Helmholtz-Zentrum. Aus den Daten könne man "sehr gute Schlussfolgerungen ziehen". Man habe ein "natürliches Experiment" durchführen können, erklärte der Wissenschaftler, der Lockdown habe Bürgerverein und Forschern die Gelegenheit gegeben, Vergleiche zwischen der UFP-Belastung mit und ohne Flugbetrieb anzustellen.

Ermöglicht hat das im vergangenen Jahr unter anderem der Freisinger Kreistag, der angeführt von Landrat Helmut Petz die Bitten des Bürgervereins erhörte und der Initiative den Auftrag erteilte, tatsächlich offiziell zu messen. Finanziert wurde das 12 000 Euro teure Gerät - ein kleiner, orangefarbener Kasten - unter anderem mit Hilfe der Schutzgemeinschaft, der Stadt Freising und der BI Attaching.

Petz sprach in einem Grußwort vom Schulterschluss des Kreistags mit dem Bürgerverein und kritisierte, dass der Flughafen nach wie vor keine Messungen auf seinem Gelände zulasse. Dafür habe der Bürgerverein den Flughafen "mit Messstationen umzingelt", so Petz. Wie auch Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher bekräftigte der Landrat einmal mehr die Ablehnung einer dritten Startbahn. Beide äußerten die Überzeugung, dass der Bedarf dafür nicht mehr nachzuweisen sein wird. "Wir haben Rückenwind im Abwehrkampf", so Eschenbacher.

Der Bürgerverein würde sich von "der Politik" unterdessen wünschen, dass bekannte Schritte zur Minimierung der UFP-Belastung auch umgesetzt werden, etwa die Verwendung von schwefelarmem Kerosin oder, dass die Flugzeuge auf dem Rollfeld zwischen Startbahn und Terminal geschleppt werden, anstatt zu rollen. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Erich Irlstorfer, der die Gelegenheit ebenfalls für ein Grußwort nutzte, sagte dazu zwar nichts, stellte aber einen "Neuanfang" des Flughafens im Umgang mit den Anwohnern in Aussicht. In einem Gespräch habe er dem neuen, "unbelasteten" Flughafenchef Jost Lammers geraten, ehrlich und auf Augenhöhe Gespräche zu führen. Das Thema Flugverkehr dürfe nicht mehr allein unter dem Aspekt der Mobilität betrachtet werden, so Irlstorfer. Es müsse auch um Fragen von Gesundheit und Umwelt gehen.

Nachdem indes auch das Verhältnis zwischen den Startbahngegnern und Irlstorfer nicht ganz unbelastet ist, ließ die Kritik nicht auf sich warten. Irlstorfer selber habe noch 2017 Mitglieder des Bürgervereins abfällig als "selbsternannte Messexperten" bezeichnet, erinnerte Reinhard Kendlbacher. Der CSU-Politiker hätte ja auch fragen können: "Warum machen die das?", sagte der Vorsitzende des Bürgervereins und gab die Antwort selber: "Weil wir uns von der staatstragenden Partei im Stich gelassen fühlten." Noch deutlicher wurde Michael Buchberger von der BI Attaching: Es sei sehr wichtig, dass die Messungen von Wissenschaftlern unterstützt würden und nicht von staatlichen Stellen, betonte er. Letztere seien offenbar nur dazu da, "die heilige Kuh Flughafen zu schützen". Das sehe man aktuell wieder an der Umsetzung der Lärmaktionsplanung, kritisierte Buchberger: "Da steht nichts drin, was die Situation der Bürger verbessert." Die Menschen in Attaching jedenfalls fühlten sich "insbesondere von der christsozialen Politik im Regen stehen gelassen".

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