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Ultrafeinstaub-Messungen in der Region:Freising ist kein Luftkurort

Mit dem Stillstand am Flughafen waren die Bedingungen für die UFP-Messungen ideal.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Stadt hat den Bürgerverein mit Ultrafeinstaub-Messungen beauftragt, weil der Corona-bedingt eingebrochene Flugverkehr dafür eine einmalige Chance bot. Das Ergebnis: Auch die Autoabgase sorgen für erhöhte Werte.

Von Kerstin Vogel, Freising

Seit 2017 misst der Freisinger Bürgerverein im Umland des Münchner Flughafens die Belastung mit Ultrafeinstaubpartikeln (UFP) und wird seither nicht müde, die gesundheitlichen Gefahren zu hoher Konzentrationen zu unterstreichen und Grenzwerte ebenso wie Maßnahmen zur Vermeidung einzufordern. Wurden die Aktiven des Vereins anfangs noch belächelt und die Ergebnisse ihrer Messungen zumindest seitens der CSU-geführten Staatsregierung stets angezweifelt, findet ihre Arbeit andernorts zunehmend Bestätigung.

So kündigten die an der bayerischen Regierung beteiligten Freien Wähler im Februar dieses Jahres die geforderten offiziellen UFP-Messungen am Flughafen an. Die Universität Bayreuth, die vom kommenden Frühjahr an auf dem Gebiet der Stadt Freising Ultrafeinstaub messen wird, will ihre Ergebnisse mit denen des Bürgervereins vergleichbar machen - und zuletzt haben nun auch UFP-Messungen des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie rund um den Frankfurter Flughafen die Ergebnisse und Interpretationen des Freisinger Bürgervereins bestätigt, wie der Vorsitzende des Vereins, Reinhard Kendlbacher, am Mittwoch im Planungsausschuss des Freisinger Stadtrats nicht ohne eine gewisse Genugtuung wissen ließ.

Die aktuelle Situation ist für Messungen ideal

Dabei gehört die Stadt Freising ausdrücklich nicht zu den Zweiflern, im Gegenteil. Sie hat den Bürgerverein auf Antrag der Fraktion der Grünen zuletzt sogar mit Messungen beauftragt - weil der Corona-bedingt eingebrochene Flugverkehr am Münchner Flughafen mit Blick auf die Luftqualität in der Stadt eine einmalige Chance bietet: Wenn jetzt festgestellt werden kann, wie stark und wo das Stadtgebiet ohne Flugverkehr mit Ultrafeinstäuben belastet ist, wird man bei einem Wiederanlaufen des Betriebs auftretende zusätzliche Belastungen belegen können.

Die Ergebnisse dieser Messungen hat der zweite Vorsitzende des Bürgervereins, Wolfgang Herrmann, den Mitgliedern des Planungsausschusses nun vorgetragen - und sie belegen, was der Umweltreferent des Stadtrats, Manfred Drobny, so formuliert: "Die Stadt Freising ist auch ohne den Flughafen nicht eben ein Luftkurort." Aber: Die Daten belegen dem Bürgerverein zufolge auch, dass es mit Flugbetrieb im Erdinger Moos eben noch schlimmer wird.

Jeweils vier Messfahrten hatten die Vereinsaktiven am 5. Juni und am 20. Juli zu verschiedenen Tageszeiten durchgeführt, die Strecke pro Messfahrt war jeweils 30 Kilometer lang, sie dauerte eine bis knapp anderthalb Stunden. Zwei weitere Messfahrten folgten am 2. Oktober. An den beiden Tagen im Juni und Juli sei der Straßenverkehr der dominierende Faktor für die UFP-Belastungen im Stadtbereich gewesen, fasste Herrmann die Ergebnisse zusammen. Zu temporär erhöhten Werten würden vor allem ältere Kleinlastwagen mit Dieselmotor, ältere Busse des ÖPNV, Lastwagen älterer Bauart und Mopeds mit Zweitaktmotor beitragen. Auf stark befahrenen Straßen, vor allem auf solchen mit Schwerlastverkehr, seien teilweise UFP-Konzentrationen gemessen worden, die durchschnittlich um den Faktor zwei bis drei höher lagen als auf Straßen mit weniger Verkehr. Außerdem seien überall dort höhere Konzentrationen aufgetreten, wo sich der Verkehr staue, so Herrmann.

Der Wind treibt den Ultrafeinstaub nach Freising

Festgestellt hat der Bürgerverein Herrmann zufolge außerdem, dass für die Belastung durch die UFP das Wetter eine entscheidende Rolle spielt. Bei Wind aus westlichen Richtungen werden demnach am Flughafen ausgestoßene Abgase in Richtung Freising verfrachtet, was etwa in den Wohngebieten in Lerchenfeld zu einer erheblichen Erhöhung der durchschnittlichen Belastung führte. Die Messfahrt am 20. Juli um 22 Uhr habe eindrucksvoll gezeigt, dass im Abwind des Flughafens trotz stark reduziertem Flugbetrieb bereits deutlich erhöhte Belastungen auftreten könnten, so Herrmann: "Diese werden durch den ungefilterten Abbrand großer Mengen Kerosins beim Landeanflug, Starten und besonders beim Rollen auf den Vorfeldern verursacht."

Um den direkten Vergleich zwischen den Messfahrten jetzt und bei wieder gestiegenem Flugaufkommen herstellen zu könne, empfehle der Bürgerverein nun weitere Messfahrten auf gleicher Route - "vorzugsweise bei Wetterlagen mit Wind vom Flughafen", so Herrmann. Dass auch die Flughafenbetreiber etwas unternehmen könnten, darauf habe das Hessische Landesamt in einer Mitteilung zum Thema "Weniger Feinstaub durch Corona" hingewiesen, sagte Herrmann. Das sei auch Forderung des Vereins: "Mit dem Schleppen der Flugzeuge auf den Vorfeldern und durch den Einsatz schwefelarmen Kerosins gibt es schnell wirkende Möglichkeiten zur Reduzierung ultrafeiner Partikel."

© SZ/nta
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