Fehlende Unterkünfte:Wie die Stadt die vielen Wohnungslosen unterbringen will

Lesezeit: 4 min

Obdachloser

Die Kältequartiere der Stadt sind nur noch bis Ende März geöffnet, dann müssen die Wohnungslosen wieder um Plätze buhlen - oder draußen schlafen.

(Foto: dpa)

Es wird in München immer schwerer, die Schwächsten der Gesellschaft mit Wohnungen zu versorgen. Die Behörden versuchen es dennoch - mit neuen Ideen.

Von Inga Rahmsdorf

Ein Zimmer in Neuaubing mit Gemeinschaftsbad kostet 1100 Euro Miete im Monat. Eine Unterkunft im Baucontainer 280 Euro. In einem anderen Mietvertrag ist das Wort Wohnung durchgestrichen und durch Hobbyraum ersetzt worden. Im Kellergeschoss, für 600 Euro.

Die Mietverträge, die Savas Tetik von seinen Klienten kopiert und gesammelt hat, übertreffen noch einmal alle Angebote, die man auf den üblichen Immobilienportalen für München findet. Einfache Unterkünfte zu horrenden Preisen. Und der Markt für solche Angebote wächst stark an in München, sagt Tetik. Der Sozialarbeiter vom Informationszentrum in der Sonnenstraße berät EU-Migranten aus Osteuropa, es sind vor allem Tagelöhner aus Bulgarien. Sie stehen ganz hinten an in der langen Schlange auf dem Münchner Wohnungsmarkt.

München wächst, bezahlbarer Wohnraum ist ein knappes Gut. Doch Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Und wer daran verzweifelt, eine Bleibe zu finden, der unterschreibt am Ende alles und zahlt mehr, als er eigentlich kann. Dabei geht es nicht nur um ein Dach über dem Kopf.

Einen Ort zu haben mit Privatsphäre, an dem man schlafen kann, an dem Kinder Hausaufgaben machen können und an dem man gemeldet ist - das ist auch Voraussetzung für eine Teilhabe an der Gesellschaft. "Wenn man sich in Gedanken immer schon fragt, wo man nächste Woche leben wird, dann kann man sich auf nichts konzentrieren, nicht lernen, nicht arbeiten und keine Ausbildung machen", sagt Tetik. Die Wohnungsnot erschwere die Integration. Und das gilt nicht nur für die Tagelöhner.

12 500 Menschen bewarben sich 2015 auf 3200 Sozialwohnungen

Schon für den Münchner mit mittlerem Einkommen, besonders für Familien, ist es schwierig eine Wohnung zu finden. Je weiter unten man in der Einkommensskala steht, desto weniger Angebote gibt es und desto größer ist der Andrang bei der Wohnungsbesichtigung. Wer dann noch alleinerziehend ist, Migrant oder Flüchtling, und nur brüchiges Deutsch spricht, der hat fast keine Chance auf dem freien Markt. Ihm bleibt noch, sich auf eine Sozialwohnung zu bewerben - wenn man denn dafür alle Auflagen erfüllt und beispielsweise bereits fünf Jahre in München lebt.

Doch auch da reicht das Angebot bei weitem nicht aus, die Wartelisten sind lang. Im vergangenen Jahr haben sich 12 500 Menschen für eine Sozialwohnung beworben, davon wurden 70 Prozent als höchst dringlich eingestuft. Doch nur 3200 Wohnungen konnten vergeben werden. Hinzu kommt die Herausforderung durch die wachsende Zahl der Flüchtlinge. 2015 musste die Stadt Unterkünfte für 15 000 Asylsuchende auftreiben und dieses Jahr sind weitere notwendig. Und wenn die Flüchtlinge anerkannt sind, und sie die Leichtbauhallen und Gemeinschaftsunterkünfte verlassen müssen, werden sie sich auf die Suche nach Wohnungen machen. Wie will die Stadt das künftig alles schaffen?

Das ist eine Frage, mit der sich Rudolf Stummvoll, Leiter des Amts für Wohnen und Migration, wohl täglich auseinandersetzen muss. Wohnungsnot, das sei zunächst erst einmal kein neues Thema in München, sagt er. Aber heute müsse man andere Antworten suchen als früher, neue Ideen. "Und unser Ziel ist, dass auch Menschen mit geringem Einkommen die Chance haben, in München zu leben."

Unterkünfte für Obdachlose reichen nicht - es bleiben teure Pensionen

Die Stadt wächst jährlich um etwa 25 000 Menschen. Zudem steigt auch die Zahl der Wohnungslosen seit acht Jahren stetig an, derzeit sind es etwa 5400 Personen. Ein Großteil von ihnen ist vorübergehend untergebracht, etwa 500 leben auf der Straße. Weil aber in den Einrichtungen die Plätze nicht ausreichen, muss die Stadt dabei auch auf Pensionen zurückgreifen. Etwa 400 Euro aufwärts zahlt sie dort für ein Bett im Monat, Preis steigend. Eigentlich nur eine Notlösung.

Birgit Zimmermann bekommt den Druck zu spüren. Die Sozialpädagogin arbeitet beim Evangelischen Beratungsdienst für Frauen. "Viele Frauen halten völlig beengte und überfüllte Verhältnisse über Jahre hinweg aus", sagt sie. Weil ihnen nichts anders übrig bleibe. Häufig leben die Frauen mit ihrer Familie oder anderen Erwachsenen in einem kleinen Zimmer in einer Pension. Gerade für Kinder sei das auf Dauer sehr belastend.

Auch Franz Herzog hat beobachtet, dass es immer länger dauert, bis Menschen den Weg von der Straße zurück in eine Wohnung schaffen. Er leitet die Teestube "komm" vom Evangelischen Hilfswerk, in der Herzog und seine Kollegen Wohnungslose beraten und betreuen. "Wenn die Verweildauer auf der Straße oder in den Einrichtungen länger dauert, als sie eigentlich sein müsste, weil die Menschen schon fit genug sind, aber keine Wohnung finden, dann wächst der Frust. Sie erkranken und es wird auch schwieriger, sie mit unseren Beratungsangeboten zu erreichen."

Die SPD-Stadtratsfraktion hat am Freitag beantragt, zu überprüfen, ob die Teestube mehr Personal braucht. Denn der steigende Andrang führe die Mitarbeiter bereits an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Die Stadt hat diesen Winter auch ihr Kälteschutzprogramm aufgestockt, mehr als 1000 Betten stehen all denjenigen zur Verfügung, die sonst auf der Straße schlafen müssten, weil sie keinen Anspruch auf andere Hilfe haben. Derzeit nutzen etwa 500 Menschen jede Nacht das Angebot. Doch am 31. März schließt das Kälteschutzprogramm. Dann ziehen die Menschen wieder auf die Straße.

Benachteiligte Randbezirke wie die französischen Banlieues sind Gift für Integration

Stummvoll bleibt trotzdem optimistisch. Vor allem ausgelöst durch den Druck der steigenden Zahl von Flüchtlingen sei nun eine breite Diskussion entstanden, mit der Forderung: Wohnen für alle. Es gebe zwar keine Patentlösung, aber viele Ansätze. Wie die Idee, den Parkplatz am Dantebad mit kleinen Wohnungen zu überbauen.

Wie den Plan der Stadt, eigene Bürgerheime zu bauen, um weniger auf Pensionen angewiesen zu sein. Wie die Absicht, großräumig um München herum auch Wohnungsbau voranzutreiben. Zu managen sei die Herausforderung aber nur im gemeinsamen Schulterschluss mit den Bürgermeistern und Landräten der gesamten Metropolregion und mit einer Politik auf Augenhöhe, sagt Stummvoll.

Nicht nur die Kommune befasst sich mit dem Thema. Auch immer mehr Architekten, Stadtplaner und Soziologen setzen sich damit auseinander, wie man bezahlbaren Wohnraum schaffen kann. Und sie warnen davor, dass es nicht nur darum geht, schnell und viel zu bauen, sondern auch darum, wie die Unterkünfte in ihr Umfeld integriert werden und wie sie das Stadtbild prägen. Denn abgehängte und benachteiligte Randbezirke, wie die französischen Banlieues, sind Gift für die Integration und ein sozialer Sprengstoff. Davon sind alle überzeugt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema