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Wintereinbruch:Wo Obdachlose Unterschlupf finden

Kälteschutzräume Bayernkaserne

Spartanisch, aber sauber und warm: eines der kleineren Zimmer des Kälteschutzprogramms in der ehemaligen Bayernkaserne.

(Foto: Florian Peljak)
  • Die Stadt hat gemeinsam mit Wohlfahrtsverbänden rechtzeitig zum Kälteeinbruch ihr bislang größtes Hilfsprogramm für schutzbedürftige Wohnungslose aktiviert.
  • Allein am vergangenen Wochenende suchten weit mehr als 300 Menschen die Kälteschutzräume in der Bayernkaserne auf.

Die Nacht war eisig, es hat gefroren. Eine kleine Pfütze an der Schwanthalerstraße ist mit einer feinen Eisschicht überzogen. An der Ecke stehen drei Männer, die Mantelkragen über die Ohren gezogen. In der Nacht zum Montag hatten sie es wenigstens warm, sie konnten wie 260 weitere wohnungslose Männer im Münchner Kälteschutz unterkommen, auch Dutzende Frauen fanden am vergangenen Wochenende in Haus 12 auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne Unterschlupf vor dem Frost.

Tagsüber stehen viele von ihnen wieder im südlichen Bahnhofsviertel auf der Suche nach irgendeinem Job. Doch auch hier gibt es seit Kurzem die Möglichkeit, sich aufzuwärmen und sogar einer legalen Arbeit nachzugehen anstatt für einen Hungerlohn auf dem Schwarzmarkt zu schuften. Das Münchner Kälteschutzprogramm, das Infozentrum "Schiller 25" und nun auch das Beratungscafé für arbeitssuchende Tagelöhner: Die Stadt hat gemeinsam mit Wohlfahrtsverbänden wie dem Evangelischen Hilfswerk und der Arbeiterwohlfahrt München rechtzeitig zum Kälteeinbruch ihr bislang größtes Hilfsprogramm für schutzbedürftige Wohnungslose aktiviert.

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Im Kälteschutz auf dem Gelände der Bayernkaserne können nun so viele Menschen kostenlos übernachten wie nie zuvor. Nach einem umfangreichen Umbau eines der Gebäudekomplexe stehen dort nun bald 1000 Schlafplätze für Obdachlose zur Verfügung, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. Anton Auer steht am Montagnachmittag in einem neu hergerichteten Schlafsaal von Haus 12. "Die Anzahl der Menschen, die hier übernachten, nimmt täglich zu", sagt Auer, der beim Evangelischen Hilfswerk als Bereichsleiter zuständig ist für das Kälteschutzprogramm.

Am vergangenen Wochenende, als die Nachttemperaturen erstmals in diesem Herbst unter den Gefrierpunkt fielen, suchten "weit mehr als 300 Personen" das Notquartier im Münchner Norden auf. Die meisten davon sind Männer, aber es gibt auch zahlreiche Frauen, auch mit Kindern, die sonst kein Dach über dem Kopf haben. Meist sind es Menschen aus Rumänen und Bulgarien, die in ihrer Heimat nicht überleben könnten und hier versuchen, notdürftig über die Runden zu kommen oder sogar ein geregeltes Einkommen zu finden.

Noch sind die Räume des Kälteschutzes an diesem Nachmittag leer, nur zwischen 17 Uhr und 9 Uhr morgens können sich die Obdachlosen hier aufhalten. Nach einer Registrierung im "Schiller 25" erhalten sie einen Berechtigungsschein, um in Haus 12 kostenlos übernachten zu können. Es gibt Räume mit sechs bis 14 Betten, aber auch einen großen Saal mit Stockbetten für 24 Menschen.

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Frauen mit Kindern haben selbstverständlich einen eigenen Gebäudetrakt. Und sie müssen sich auch nur einmal in der Woche in der Schillerstraße anmelden. In einem der Zimmer schlafen derzeit eine Frau aus Rumänien mit einem zweimonatigen Säugling und eine Ungarin mit ihren sieben Monate alten Zwillingen. Sie sind gerade nicht in ihrem beengten, aber sauber aufgeräumten Raum. Die Zwillinge haben Fieber und sind im Krankenhaus, die Rumänin und ihr Baby können sich in einer Tageseinrichtung in Haidhausen aufhalten und erhalten dort auch Essen.

Anton Auer ist mittlerweile ins Dachgeschoss von Haus 12 gestiegen. Dort hämmern und sägen seit einigen Wochen Arbeiter des Kommunalreferats, um weitere Zimmer bis Mitte Dezember fertigzustellen. Es gibt neue Duschen, die Zimmer sind hell. Kein Luxus, es sind explizit Notunterkünfte. Aber "München hat beim Kälteschutz Vorbildfunktion in Deutschland", sagt Auer. Seit 2012 gibt es ihn in dieser Form, und der Bedarf an Betten steigt rasant. Im Winter 2013 zählte das Evangelische Hilfswerk 22 000 Übernachtungen, im vergangenen Winter waren es 48 000. Insgesamt 3065 Menschen wurden zwischen 1. November 2014 und 31. März dieses Jahres gezählt - so lange hat der Kälteschutz jährlich geöffnet, auch wenn die Temperaturen kurzfristig etwas steigen.

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