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Flüchtlinge in Bayern:Syrische Familie trifft sich in Erding wieder

Nach zwei Monaten Flucht aus Syrien ist die Familie von Rita Frieß (hinten) in Deutschland angekommen. Wie es nun für sie weitergeht, ist ungewiss.

(Foto: Renate Schmidt)

Rita Frieß hat Syrien vor Jahren verlassen - nun sitzt die Familie ihres Onkels auf ihrem Sofa. Doch der Besuch ist nur kurz.

Als Albert Altaweel im Meer vor der griechischen Insel Kos trieb und um sein Leben und das seiner Familie fürchtete, hat er seiner Tochter das Schwimmen beigebracht. Altaweel sprang mit Diana, 8, im Arm aus einem Flüchtlingsboot. Während rechts und links von ihm Menschen um Hilfe schrien, für manche die Hilfe zu spät war, ließ er Diana immer wieder für ein paar Sekunden los. Er sagte: "Jetzt üben wir zusammen." Er dachte: Bitte, lass uns nicht sterben. 53 Tage ist das her.

Es ist still im Wohnzimmer von Rita Frieß in Erding, als Altaweel diese Geschichte am vergangenen Mittwoch erzählt. An diesem lauten, fröhlichen Abend.

Seit dem 5. September hat Frieß gehofft, dass es diesen Abend einmal geben würde. Damals verließen ihr Onkel, seine Frau Faten und die Töchter Sandra und Diana die syrische Hauptstadt Damaskus mit der Aussicht auf ein Leben ohne Krieg. Seitdem haben sie jeden Tag telefoniert: Als die erste Überfahrt nach Europa scheiterte. Als sie in der Türkei festsaßen. Als sie durch Serbien, Kroatien, Slowenien wanderten, viele Tage und Nächte lang. Nun sitzen alle zusammen am gedeckten Tisch, der warme Duft von Knoblauch und Zwiebeln, Bulgur und eingelegtem Gemüse erfüllt den Raum. Im laufenden Fernseher besiegt der FC Bayern den FC Arsenal.

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Ein Märchen, das noch nicht zu Ende erzählt ist

In Deutschland im Herbst 2015 ist so ein Wiedersehen in Erding wahrscheinlich eine gewöhnliche Geschichte. Doch für Rita Frieß, 45, ist das alles wie ein Märchen, das sie noch nicht ganz begreifen kann. Ein Märchen, das noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Am nächsten Morgen wird sie sich erst mal wieder verabschieden müssen von ihrer Familie, für deren Ankunft sie wochenlang gekämpft hat.

Albert Altaweel, 55, ein wuchtiger Mann mit weißen Haarkranz und ansteckendem Lächeln, sitzt entspannt auf dem Sofa seiner Nichte. Er trägt einen warmen Pullover und eine Jeans, Spenden der Nachbarn, Frieß hatte sie noch nicht bei der Flüchtlingshilfe abgegeben, als hätten sie auf ihren Onkel gewartet. Altaweel erzählt die Geschichte, die seine Familie nach Erding geführt hat, ruhig und konzentriert auf arabisch. Das wichtigste betont er in brüchigem Englisch, den Rest übersetzt seine Stieftochter Sandra, 21.

Die Geschichte beginnt mit seiner eigenen, die viel verrät über die Verzweiflung, die Millionen Syrer gerade antreibt, ihr Land zu verlassen. Ihr Onkel, sagt Frieß, sei ein belesener Mann. Interessiert, nie mit einfachen Antworten zufrieden. Er war die Bezugsperson in ihrer Kindheit, die sie bei ihrer Großmutter in Damaskus verbrachte. Er habe ihr oft Geschichten vorgelesen, sagt sie - bis er eines Tages nicht mehr da war: Frieß war 13, als ihr Onkel verhaftet wurde.

Er hatte Antworten wissen wollen auf Fragen, die er in Syrien nicht stellen sollte - als Oppositioneller gegen den damaligen Diktator Hafiz al-Assad. 20 Jahre lang habe Altaweel kein Buch gelesen, das war im Gefängnis verboten, sagt er. 20 Jahre, über deren genaue Hintergründe er im Erdinger Wohnzimmer lieber nicht reden möchte. Er sagt kaum etwas Schlechtes über das gnadenlose Assad-Regime. Er sagt: "Der Preis für unseren Traum von Demokratie war zu hoch." Arabischer Frühling? "Bei uns ist seit fünf Jahren Winter."

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