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Flüchtlinge in Bayern:Wenn Wirklichkeit die Politik einholt

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Die Politik will Geld zur Koordination der ehrenamtlichen Hilfe zur Verfügung stellen. An vielen Orten gibt es die Vernetzung aber schon.

Tausende Menschen in ganz Bayern engagieren sich ehrenamtlich für Asylsuchende. In der Zeit der Not entsteht eine neue Kultur des Zusammenhalts.

Als in der Nacht auf Pfingstsamstag im oberbayerischen Schneizlreuth Flammen aus dem Dachgebälk eines ehemaligen Bauernhofs hinaufstoben, war Sara Wurzinger als ehrenamtliche Helferin des Bayerischen Roten Kreuzes mit zur Stelle, um Überlebenden des Brandinfernos beizustehen.

Wenige Monate später begegneten ihr früh morgens auf der Straße Flüchtlinge. "Die waren von den Schleusern einfach irgendwo entlang der Autobahn rausgeschmissen worden", sagt die 29-Jährige aus Bad Reichenhall. Die Bilder der weinenden Kinder hat sie nicht vergessen. Auch den Erwachsenen sei die Angst in den Augen gestanden. "Die fragten verzweifelt nach der Polizei oder dem nächsten Bahnhof", erinnert sie sich. Das war der Moment, in dem sich Sara Wurzinger sagte: "Das sind Leute aus Kriegsgebieten, die brauchen einfach Hilfe!"

Flüchtlinge in München Drehkreuz an der Hackerbrücke
Flüchtlinge

Drehkreuz an der Hackerbrücke

Der Zentrale Omnibusbahnhof in München spielt für Flüchtlinge eine wichtige Rolle bei der Weiterreise. Damit das nicht an fehlenden Kindersitzen scheitert, haben sich Freiwillige organisiert.   Von Inga Rahmsdorf

Wie Wurzinger hilft

Wurzinger, eine durchtrainierte Frau mit dunklen Haaren und energischen Gesichtszügen, gehört zu den schnellen Einsatzgruppen des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), die meist bei schweren Unfällen oder anderen "Großschadensereignissen" zum Einsatz kommen, um die professionellen Rettungskräfte zu entlasten.

Wie schon die Woche zuvor, wird sie auch an diesem Wochenende im Freilassinger Industriegebiet wieder acht bis zehn Stunden lang in einer ehemaligen Möbelhalle bereitstehen, wird mit den anderen freiwilligen Helfern den gesundheitlichen Zustand der eintreffenden Asylbewerber begutachten, kleinere Wunden und Hautabschürfungen versorgen oder bei grippalen Infekten das passende Hilfsmittel wissen.

Offizielle Vertreter des Freistaats, allen voran Sozialministerin Emilia Müller, sind voll des Lobes über Bayerns Asylhelfer. Es sei "wunderbar", was diese leisteten, ihnen gebühre "unsere große Wertschätzung und Anerkennung". Die warmen Worte kommen nicht von ungefähr: Ohne die vielen tausend freiwilligen Helfer in Bayern wäre es wohl längst zu einer humanitären Katastrophe gekommen - nicht nur entlang der Grenze zu Österreich, wo nun täglich Tausende Flüchtlinge eintreffen.

7490 Flüchtlinge

Allein am Donnerstag kamen 7490 Flüchtlinge von Österreich über die Grenze nach Deutschland. Am Mittwoch waren es knapp 6000 gewesen. Der Großteil, 4520 Menschen, reiste über die niederbayerischen Grenzübergänge bei Wegscheid, Neuhaus am Inn und Simbach sowie per Zug über den Passauer Bahnhof ein. 2950 Menschen kamen über Oberbayern. An den drei niederbayerischen Grenzübergängen warteten Freitagmorgen knapp 2000 Menschen auf ihre Einreise.

Warum das freiwillige Engagement so wichtig geworden ist

Eines ist klar: Das bürgerschaftliche Engagement fußt letztlich auch darauf, dass staatliche Stellen einer solchen Mammutaufgabe nicht gewachsen waren. Und die beginnt an Bayerns Grenzübergängen beim Reichen wärmender Decken und endet in den Gemeinden des Freistaats in ehrenamtlichen Integrationskursen oder in der Begleitung von Flüchtlingen bei der Wohnungs- und Jobsuche.

"Die Asylhelfer hier bilden eine noch nie da gewesene Bürgerbewegung", sagt Adi Hösle, der Leiter des Asylhelferkreises im schwäbischen Babenhausen. Hier kämen Menschen mit "enormen kreativen Potenzial" zusammen.

Da gebe es etwa Rentner, die sich zuvor mal abends im Garten zum Kartenspiel getroffen hätten, und die dann - als die Flüchtlinge kamen - ihr Grundstück geöffnet hätten, um mit ihnen gemeinsam den Garten zu kultivieren, Obst, Gemüse und Zierpflanzen anzubauen. "Dieses Projekt Weltgarten ist nun ein Ort der interkulturellen Kommunikation geworden", sagt Hösle.

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