bedeckt München

Therme Erding:Stillstand nicht erlaubt

Therme Erding

Urlaub unter Palmen - die allerdings nicht weit weg, sondern in der Erdinger Therme stehen. Bis 25. Juni war die Therme geschlossen. Auch in der Schließungszeit ruhte der Betrieb nicht völlig.

(Foto: Renate Schmidt)

102 Tage blieb die Therme Erding wegen Corona geschlossen. Und auch jetzt darf sie nur mit stark reduzierter Gästezahl geöffnet haben. Laut Betreiber Jörg Wund sind rund 15 Millionen Euro Schaden entstanden.

Von Gerhard Wilhelm

Ob nur für Stunden oder für einen Kurzurlaub, für viele bedeutet die Therme Erding eine Auszeit vom Alltag. Entspannen unter Palmen bei sommerlichen Temperaturen, schwitzen in der Saunawelt oder Spaß haben in den zahlreichen Rutschen im Erlebnisbadbereich. An Spitzentagen sind in die "größte Therme der Welt" bis zu 10 000 Gaste gekommen, und ihnen standen 35 Saunen und Dampfbäder, 27 Rutschen und 34 Pools und Wasserbecken offen. Dann kam Corona. Und von einem Tag auf den anderem musste die Therme schließen - für 102 Tage, ehe sie mit umfassendem Hygienekonzept und maximal 4100 Besuchern wieder aufmachen durfte. Die Therme selber beschränkt sich aber auf 3500. Thermen-Betreiber Jörg Wund schätzt den wirtschaftlichen Schaden auf rund 15 Millionen Euro bisher, denn hinter der schönen Welt der Tropen steckt ein immenser personeller und technischer Aufwand, der nur begrenzt zurückgefahren werden konnte.

430 000 Quadratmeter Gesamtfläche hat heute die Therme, die 1999 eröffnet und mehrmals erweitert wurde. 185 000 sind für den Gast. 1,8 Millionen Gäste kamen 2019. Und was die Besucher sehen, kommt dem Traum von Urlaub in den Tropen sehr nahe. Der große Strand mag fehlen, aber es gibt 450 Großpalmen, 300 davon alleine im Wellenbad, das 1160 Kubikmeter umfasst. Dazu Saunen und Wellnessangebote, rund 3000 Liegen und jede Menge Wasser, 33 bis 40 Grad warmes Thermalheilwasser aus 2350 Meter Tiefe. Rund sechs Millionen Kubikmeter Wasser fassen alle Becken.

Thermen-Betreiber Jörg Wund.

(Foto: Renate Schmidt)

Wer den Aufwand für so viel Paradies sehen will, der muss eine Etage tiefer steigen, in die Katakomben. Dort dominieren Beton und Technik, damit es auch im Winter in der Therme 33 Grad warm ist. Das Wasser muss ständig umgewälzt werden, damit Schwebstoffe und sonstige Gegenstände, die nichts im Wasser zu suchen haben, herausgefiltert werden. "Ich glaube, die Allermeisten können sich nicht vorstellen, was dahinter steckt, die Illusion eines Paradieses soll auch nicht zerstört werden", sagt Jörg Wund.

Wer gedacht habe, dass man das Bad einfach schließen könne, sei von Experten schnell eines anderen belehrt worden. "Wenn wir alles einfach abgeschaltet hätten, wäre nach zwei, drei Wochen kaum mehr eine Klappe gegangen, die Filter würden verkeimen und eine Wiederinbetriebnahme wäre ganz, ganz langwierig bis zu unmöglich gewesen oder nur mit riesigen Reparaturen. Es war wirtschaftlicher, die Anlage reduziert, mit weniger Wärme, Tag und Nacht durchlaufen zu lassen", sagt der Betreiber. Die Zwangspause habe man genutzt, um zu reparieren und auszubessern, oder auch um 21 Palmen umzusetzen.

Die Palmen sind ein Beispiel dafür, dass Technik nicht immer einen Menschen ersetzen kann. Die Palmen sind die Welt von "Palmenflüsterer" Jürgen Büttner. Der Gast sieht bis zu 13 Meter hohe Palmen, alle sehr grün. Was er nicht sieht: Sie stecken in tiefen Betonröhren, die in den Katakomben enden und dort sensorisch überwacht werden. "Herr Büttner lebt für die Palmen und liebt sie. Er weiß, wie es den Pflanzen geht vom Ansehen, er ist besser als jedes Bewässerungssystem oder Computer, der im Keller steht." So habe der Computer zwar mal okay gemeldet, aber tatsächlich hatten die Palmen wegen verkalkter Rohre zu wenig Wasser. Das sah Büttner.

Der größte Teil der Therme läuft aber automatisch. 18 Techniker sind laut Wund im Einsatz, damit alles funktioniert. Zum Beispiel die Wellen. Sie werden mittels zweier Ventilatoren erzeugt, die einen Luftdruck aufbauen, der Wasser rhythmisch verdrängt. Wellen mit bis zu drei Meter Höhe könnten erzeugt werden. Aber die würden über die Balustraden am Bad schlagen, deshalb beschränkt man sich auf maximal 2,5 Meter. Die Steuerung: per Computer. In den Katakomben findet man kilometerlange Röhren, Leitungen, Schaltkästen und auch 19 zwei Meter hohe Mehrschichtfilter. Durch jeden strömen durchschnittlich 211 Kubikmeter Wasser - in der Stunde. Dazu kommen jede Menge Servicekräfte, Gastronomie oder Fachkräfte, die täglich die 2,7 Kilometer langen Rutschen auf Beschädigungen kontrollieren. Für die Rutsche "Kamikaze" benötigen die Mitarbeiter sogar einen Kletterkurs. Bei 60 Grad Gefälle geht es fast senkrecht 34 Meter in die Tiefe.

Doch dann kam das Virus, das Bad wurde geschlossen, der Großteil der Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. "Die Rücklagen von vielen Jahren wurden durch die Schließung aufgezehrt. Das Geld war nicht für Covid-19 vorgesehen. Aber zum Glück haben wir in der Vergangenheit eine Rücklage bilden können", sagt Wund. Der Juli sei jetzt der erste ganze Betriebsmonat gewesen nach Corona. "Wir sparen kräftig, zwölf bis 15 Prozent von den Kosten. Am Betrieb wird nicht gespart, aber an Sachen, die man sich sonst geleistet hätte." 30 Prozent weniger Gäste bedeuten laut Wund auch 30 Prozent weniger Einnahmen. 30 Prozent der Kosten einsparen, gehe aber nicht.

"Das ganze Kalenderjahr 2020 wird dem Virus zum Opfer fallen. Die Verluste, die wir gemacht haben, werden wir nie einholen. Es wird ein großer Kampf werden, dass vielleicht am Schluss eine schwarze Null steht. Das ist zumindest das Ziel", sagt der Thermenbetreiber. August werde sicher ein guter Monat dank der Ferien, September schätzt Wund als ruhiger ein, entscheidend werde Dezember, 26. Dezember bis "Drei König". "Wir waren vorher an manchen Tagen an der Lastgrenze, deshalb wollten wir erweitern. Heute haben wir ein anderes Problem. Wir rechnen nur noch mit 1,1 Millionen Besucher im nächsten gesamten Geschäftsjahr."

Für die Gäste sei die geringere Gästezahl angenehm, aber an eine Erweiterung brauche er gar nicht zu denken in der Situation. Jede Bank würde ihm derzeit wohl einen Kredit ablehnen. "Das Virus wird Auswirkungen auf Jahre haben. Auch 2021 werden wir mit dem Virus leben müssen, bis wir eine Impfquote von 60 bis 70 Prozent erreicht haben, was wir uns alle wünschen. Erst dann wird so was wie Normalität wieder sukzessiv einkehren. Aber erst, wenn die Besucherzahlen bei 1,6 Millionen angekommen sind, können wir an Erweiterungen denken, an ein Parkhaus, Gästehaus", sagt Wund. Erfolgreich sei bereits aber das eigene Hotel Victory. Im Juli kam man auf mehr als 70 Prozent Auslastung. "Die Leute wollen Urlaub machen, raus, und nutzen die regionalen Angebote."

Wenn es keinen weiteren Lockdown gibt, will man eventuell im Spätherbst wieder weiteres Personal einstellen. 1000 Beschäftigte sind es mit den eigenen rund 750, den Gaststättenbetreibern und Reinigungskräften, die direkt vom Wohl der Therme abhängen. Mit allen Zulieferern schätzt Jörg Wund sogar auf 2000.

© SZ vom 08.08.2020/syn
Kristall trimini Kochel

Corona-Auflagen für Thermen
:Der neue Sauna-Knigge

Nicht wedeln, wenigstens 60 Grad und Trennwände zwischen den Duschen: Das sind nur einige der Vorschriften, die Betreiber von Wellnesstempeln erfüllen müssen. Für viele Betriebe dürfte sich das nicht rechnen.

Von Matthias Köpf und Viktoria Spinrad

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite