Zwischen Welten:Unser aller Verantwortung

Zwischen Welten: SZ-Kolumnistin Emiliia Dieniezhna.

SZ-Kolumnistin Emiliia Dieniezhna.

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))

Unsere SZ-Kolumnistin erlebt in ihrem Umfeld eine gewisse Müdigkeit, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht. Warum sie dafür Verständnis hat und wie sie trotzdem für die weitere Unterstützung plädiert.

Von Emiliia Dieniezhna

Vorige Woche hat eine Nachricht die Runde gemacht, wonach es eine Firma in der Nähe von München gibt, deren Erzeugnisse über die Slowakei und Hongkong nach Moskau geliefert würden, wo sie trotz der EU-Sanktionen vermutlich zum Bau von Waffen genutzt werden. Für viele Experten ist das nicht überraschend. Auch ich habe mich nicht darüber gewundert, weil ich dieses Thema durch meine Mitarbeit bei der Nicht-Regierungs-Organisation NAKO verfolge. Leider liegt es nahe, das russische Waffen oder auch Drohnen, die mit europäischen Komponenten gefertigt wurden, gegen die Ukraine eingesetzt werden.

Gleichzeitig stelle ich in meiner Umgebung fest, dass es schwieriger wird, über solche Nachrichten zu sprechen. Ich höre immer öfter, dass die Menschen zwar großes Mitleid mit der Ukraine haben, aber es inzwischen hier so viele wirtschaftliche Probleme gebe, die gelöst werden müssten. Die Ukraine weiter zu unterstützen, werde deshalb zunehmend schwieriger.

Ich kann das, offen gestanden, durchaus verstehen. Ich wohne ja selbst in Bayern und sehe, wie viel der Strom kostet und wie teuer Lebensmittel geworden sind. Auch die Kosten für die Kinderbetreuung sind gestiegen. Und Eltern, die arbeiten müssen, brauchen eine Kita. Nicht ganz einverstanden mit ich mit dem Argument, dass Deutschland mit dem Krieg eigentlich nichts zu tun habe. Ich finde schon, dass es unsere gemeinsame Verantwortung ist, zu verhindern, dass Export-Verbote umgangen werden. Das könnte mit bürgerschaftlichem Engagement gelingen, indem wir darüber sprechen und so das Thema in einen öffentlichen Diskurs bringen.

Wie EU-Sanktionen zugunsten der Waffenproduktion umgangen werden, dazu recherchiert auch die NAKO. Seit vielen Jahren arbeite ich dort schon mit und bin auch jetzt wieder als Redakteurin für sie tätig. Als NAKO-Repräsentantin wurde ich von der deutsch-ukrainischen Plattform "Kyjiwer Gespräche" vorige Woche eingeladen, in der Ukrainischen Freien Universität in München zu sprechen. Die Hochschule ist eine private Exil-Universität, die seit 1945 ihren Sitz in München hat. Seit 1978 ist sie eine Universität mit Promotions- und Habilitationsrecht.

Dort also hatte ich die Ehre, meine zwei wichtigsten Thesen zu äußern. Erstens, die Sanktionen gegen die russische Rüstungsindustrie sind effektiv und verringern die militärische Schlagkraft Russlands. Zweitens, man muss mit den Herstellern von Gütern, die über Umwege nach Moskau gelangen, ins Gespräch kommen. Sie sollen erkennen, wie wichtig es ist, die Identität der Kunden und Lieferketten zu überprüfen.

Warum das alles so bedeutend ist, hat ein neuer Raketenangriff auf Kiew gezeigt - genau an dem Tag, an dem ich in der Universität sprach. Mehr als 50 Personen wurden verletzt, darunter auch viele Kinder. Die Wohnung einer Freundin wurde zerstört, aber sie und ihre Tochter haben zum Glück überlebt.

Emiliia Dieniezhna, 35, flüchtete mit ihrer damals vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Sie arbeitet ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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