Eisdielen:Warum Angeber-Eis nervt

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Eisdielen: Unwiderstehlich nicht nur für Kinder - ein kühles Eis im heißen Sommer.

Unwiderstehlich nicht nur für Kinder - ein kühles Eis im heißen Sommer.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Viele Münchner Eisdielen wollen komisch sein - und das um jeden Preis. Ein Plädoyer für eine neue Einfachheit.

Von Franz Kotteder

Neulich meinte die Tochter: Am besten wäre doch eine Mischung aus Schokoladen-, Erdbeer- und Vanilleeis. Kein Problem, dachte sich der langsam in die Jahre kommende Vater, da gehen wir an die Kühltruhe des Supermarkts und holen die Familienpackung, Marke Fürst Pückler.

War dann natürlich wieder nichts. Fürst Pückler ist anscheinend so was von Seventies! Was der Königlich-Preußische Hofkoch Louis Ferdinand Jungius 1839 für den Parkgestalter Hermann von Pückler-Muskau als besondere Delikatesse erfunden hat, nämlich ein Sahneeis aus drei Schichten, ist mittlerweile fast ganz aus der Mode gekommen. Dafür gibt es in den Kühltruhen jetzt exotische Kombinationen wie Bayerisch-Créme-Maracuja oder Pistazie-Weiße-Schokolade oder Maple-Walnuts mit Ahornsirup und dergleichen.

Ja, selbst die Industrie-Eisproduzenten sind wagemutig geworden. Das ist der Ausfluss einer Bewegung, die vor schätzungsweise zehn Jahren begonnen hat. Damals waren immer mehr kleine Eisdielen auf die Idee gekommen, das übliche Zweierlei aus Fruchteis und Milcheis etwas aufzupeppen und neue Kundschaft anzuziehen, indem sie immer neuere und abgedrehtere Geschmacksrichtungen entwickelten. Was anfangs noch als hübsches Experiment erschien, wuchs sich im Laufe der Zeit allerdings zu einer regelrechten Unsitte aus: Komisch sein um jeden Preis.

Das Paradebeispiel dafür ist ein Laden in der Maxvorstadt. "Der verrückte Eismacher", so nannte Matthias Münz sich und seine Eisdiele in der Amalienstraße 77. Der schlaue Nachwuchs-Gelateur, der eigentlich Tourismusmanagement studiert und seine Bachelorarbeit über Eisdielen geschrieben hatte, war auf den Trichter gekommen, dass man mit seinen Eissorten auffallen musste.

Besonders in Schwabing, wo es vergleichsweise viele Eisdielen gibt. Und der Erfolg bestätigte ihn. Die Leute standen Schlange in der Amalienstraße, um so ausgefallene Sorten wie Zitrone-Paprika, Mozzarella-Basilikum oder Gorgonzola zu probieren. Im Grunde ist bei Eis eben alles möglich: Die Leute probieren es schon aus reiner Neugier.

Überhaupt ist Inszenierung wichtig, gerade in München. Kommt man zum Beispiel an der Eisdiele Ballabeni vorbei, an der Theresienstraße gegenüber vom Museum Brandhorst, dann sieht man an heißen Tagen eine lange Schlange von Menschen, die sich entlang von silberglänzenden Kordelständern, verbunden mit rubinroten Kordeln, aufreihen, als gelte es, in Cannes den Roten Teppich zu beschreiten. Schon allein deshalb glauben wohl viele, dass es bei Ballabeni das beste Eis der Stadt gibt. In Wirklichkeit ist es sehr ordentlich, aber das ganze Theater drumherum ist doch etwas peinlich.

Ein Speiseeispreisdeckel für Bürgermeister Josef Schmid

Das alles ging einher mit saftigen Preissteigerungen. Wer sich aus seiner Jugend noch an das Eiscafé Portofino erinnert, in dem man für 20 Pfennig eine ordentliche Kugel bekam, sieht sich jetzt mit ganz anderen Dimensionen des Preiswesens konfrontiert: In der Münchner Innenstadt kommt man schon mal auf 1,60 Euro pro nicht übermäßig großer Kugel. Da ist man bei vier Kugeln schon nahe am Gegenwert eines Schweinsbratens (wenn auch in der Regel keines guten) in einem bayerischen Wirtshaus, draußen auf dem freien Land.

Wer das übertrieben findet, der kann ja ganz einfach vier Kugeln mit Schweinsbratengeschmack ordern. Irgendwo bei Münchens durchgeknallten Gelatai, wie der italienische Begriff für Eisverkäufer lautet, findet sich so etwas bestimmt. Gibt ja auch Eis vom Augustinerbier, beim verrückten Eismacher natürlich. Auch zu einem dermaßen satten Preis, versteht sich, dass (umgerechnet auf einen Liter) im Vergleich dazu jede Wiesnmass das reine Schnäppchen wäre. Hier wäre mal ein neuer Ansatzpunkt für den Zweiten Bürgermeister Josef Schmid (CSU): Der Speiseeispreisdeckel, damit könnte er sich in puncto Familienfreundlichkeit ganz neu aufstellen.

Unverkennbar ist jedenfalls der Trend hin zu immer weiterer Diversifizierung in Sachen Speiseeis. Nicht, dass man unbedingt zurückgehen sollte zu den Zeiten, als man nur grob zwischen Wasser- und Milcheis unterschied. Aber manchmal hat man auch den Eindruck, dass der Drang, etwas ganz Besonderes herzustellen, vor allem auch dazu dient, deutlich mehr dafür verlangen zu dürfen. Weil man es halt kann. Nicht weil man muss. Kaum zu glauben, stimmt aber: Selbst in Berlin gibt es Eis. Aber man sollte mal versuchen, dort für eine mittelgroße Kugel 1,60 Euro zu verlangen. Das wird sicher spaßig.

Früher reichte es, wenn man sich beim Wein auskannte

Aber möglicherweise ist so etwas ja auch ein Banausenargument. Qualität hat selbstverständlich ihren Preis. Eis mit Nüssen zum Beispiel ist derzeit gerade etwas teurer. Das liegt daran, dass die Ernten nicht so toll waren und die Rohstoffe deshalb mehr kosten. Es stellt sich dann aber doch die Frage, wer von der Münchner Kundschaft den ganz speziellen Geschmack von Pistazien aus Iran richtig wertschätzen kann? Oder ob's Pistazien aus Süd-Andalusien nicht grad so gut getan hätten?

Das sind natürlich despektierliche Fragen, weil Genießer nun mal eine Erklärung dafür haben wollen, warum ihnen etwas besonders gut schmeckt, und wieso sie besser genießen können als andere. Früher reichte es, wenn man sich beim Wein ein bisschen auskannte. Etwas später musste man sich schon beim Olivenöl als Connaisseur erweisen. Heute aber schwört jeder auf sein spezielles Salz aus der Kalahariwüste und selbstverständlich auch auf den Eismacher seines Vertrauens.

Wenn man aber ehrlich ist, gehen einem diese ganzen Spinnereien inzwischen ziemlich auf die Nerven. Nichts gegen lustige Experimente, die dürfen schon sein - aber ist man mit einem guten Schokoladen-, Vanille- oder Erdbeereis, nur mal so als Beispiel, nicht genauso glücklich, so lange es noch nach richtiger Schokolade, richtiger Vanille oder richtigen Erdbeeren schmeckt und nicht nach künstlichen Geschmacksstoffen?

Ein bisschen weniger Angeber-Eis, dafür aber gute Qualität, das wäre schon schön. Es wird Zeit für eine neue Einfachheit, auch in der Eisdiele. Und dann müsste das Eis vielleicht auch nicht jedes Jahr um ein Zehnerl teurer werden.

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