Einkaufen in der Großstadt:Und was passiert, wenn die Baustelle für die Stammstrecke kommt?

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Einkaufen in der Großstadt: Das Kaufhaus ist auch eine Art Nahversorger für Dinge, die Supermärkte nicht führen und sonst nur Spezialgeschäfte.

Das Kaufhaus ist auch eine Art Nahversorger für Dinge, die Supermärkte nicht führen und sonst nur Spezialgeschäfte.

(Foto: Catherina Hess)

Gerade überlegt Versen, die Schmuckabteilung neu aufzuziehen. Er zielt auf Lustkäufe. "Schmuck ist eine hoch emotionale Sache. In unserer Gesellschaft haben viele Menschen von allem reichlich, dann geht es oft um die Frage: Was möchte ich mir leisten?" Dass demnächst die Juwelenräuber von den Pink Panthern hier einfallen, ist aber eher unwahrscheinlich. Das Schmuckangebot soll sich wie das gesamte Sortiment im Bereich "Mittelpreis mit Tendenz ins Höherpreisige" bewegen, wie Versen sagt. "Wir müssen es vermeiden, abgehoben zu wirken."

Hinter der Betreiber-GmbH der zwei Kaufring-Häuser in Haidhausen und Fürstenried stecken ungefähr zwei Dutzend Privatpersonen als Gesellschafter, auch hier solide Verhältnisse also. Nach der Insolvenz der deutschlandweiten Kaufhauskette Kaufring vor 15 Jahren gab es die Überlegung, die Marke abzustreifen, aber eine Befragung der Kunden ergab: besser so lassen. So gibt es Kaufring bis heute, aber nur noch in München.

Seine Existenz verdankt das Haus auch der Rolle als Nahversorger für Dinge, die eine Drogerie oder ein Supermarkt nicht führen und sonst nur Spezialgeschäfte, wenn es sie denn zufällig im Viertel gibt: den Schulranzen, das Holzspielzeug oder den Schraubenzieher. Da ist zum Beispiel die kleine Baumarktecke. Hier gibt es nicht regalmeterweise Auswahl pro Produkt, aber es gibt, was man so braucht im Mietwohnungsalltag.

Und es riecht dabei nach Duftkerzen, das Regal grenzt direkt an. Nur drei Schritte weiter beginnt bereits die Haushaltswarenabteilung: vom Spargelschäler zum Bügeleisen, vom Staubsauger zum Fußabstreifer. Im Baumarkt oder im Groß-Kaufhaus liegen solche Artikel 200 Meter oder fünf Stockwerke auseinander.

Es ist eine Nische, in der dieses Kaufhaus überlebt - weil es offenbar ordentlich geführt wird und weil es keine echte Konkurrenz im direkten Umfeld gibt. Nun aber kommt eine gewaltige Störung auf dieses Biotop zu: die Großbaustelle für die zweite S-Bahn-Stammstrecke auf dem Orleansplatz, also direkt vor der Tür. Die Arbeiten sollen nach derzeitiger Planung im dritten Quartal 2018 beginnen und sieben Jahre dauern. Anfang 2019 wird dann eine Lärmschutzwand errichtet, zehn bis 15 Meter vor dem Kaufhaus und vier Meter hoch. Trotzdem werden Lärm und Staub zu spüren sein.

"Es wird uns mit voller Wucht treffen", sagt Versen. Er will versuchen, mit mehr Marketing und noch besserem Sortiment dagegenzuhalten. "Ich gehe davon aus, dass der Standort hier nicht in die roten Zahlen rutscht, aber ich kann es nicht garantieren. Und zum Glück haben wir ja das zweite Standbein in Fürstenried." Aber kann es für das Unternehmen im Extremfall auch existenzbedrohend werden? Versen überlegt einen Moment und antwortet: "Ich glaube nicht." Er sagt es mit entschlossener Stimme.

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