Neues Angebot in Zorneding:Ganz unterschiedlich und doch auf einer Wellenlänge

Lesezeit: 4 min

Neues Angebot in Zorneding: An drei verschiedenen Tischen kommen die Besucher miteinander ins Gespräch - ganz ohne Berührungsängste.

An drei verschiedenen Tischen kommen die Besucher miteinander ins Gespräch - ganz ohne Berührungsängste.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Beim ersten Sprachcafé in Zorneding verstehen sich die Teilnehmer bestens. Das liegt nicht allein an ihren guten Fremdsprachenkenntnissen.

Von Carolina Divertito, Zorneding

"Mütze, Mütze, wohin gehst du allein?" Dieser Satz war der erste deutsche Satz, den Natalia Surodina, Chefredakteurin der Wochenzeitung MK-Deutschland, gelernt hat. "Mein Vater hatte den Krieg noch miterlebt", erzählt sie, "und ist immer wieder an einem deutschen Arbeitslager vorbeigekommen. In der Familie waren sie vier Kinder, hatten aber nur eine Mütze, die mein Vater immer auf dem Kopf trug, als er an den Arbeitslagern vorbei ging. Sie verdeckte sein halbes Gesicht." Sie lacht kurz auf und beugt sich leicht vor, damit sie die Leute am Tisch besser verstehen. "Und jedes Mal wenn er an den Deutschen mit seiner übergroßen Mütze vorbei ging, riefen sie ihm hinterher: Mütze, Mütze, wohin gehst du allein?" Die Menschen am Tisch lachen und murmeln den Satz selber vor sich hin.

Natalia Surodinas Geschichte ist aber nur eine von vielen, die im neuen Sprachcafé in Zorneding erzählt werden. Das Licht fällt durch die großen Fenster auf die über dreißig Gäste, die sich an diesem Abend hier getroffen haben, um sich in drei verschiedenen Sprachen über ihre Lebenserfahrungen und lustige Anekdoten auszutauschen. Die zum Großteil älteren Besucher des Cafés haben sich auf drei Tische aufgeteilt: an einem wird Englisch, an einem Italienisch und an einem Deutsch gesprochen.

In Zorneding leben Menschen aus mehr als 80 Ländern

Die lockeren Gespräche werden geleitet durch jeweils eine Moderatorin, es wird interessiert nachgefragt, Kulturen werden verglichen. Anfänge von Freundschaften entstehen. "Das war das Ziel", sagt Aleksandra Smirnova, Integrationsbeauftragte in Zorneding und Organisatorin des Sprachcafés, "diese Menschen zusammenzubringen." Für sie ist es wichtig, dass sich die Leute im Sprachcafé nicht nur auf sprachlicher Ebene verstehen, sondern vor allem auf einer sozialen Ebene.

Mitgeholfen, diese Idee in die Tat umzusetzen, hat Ulrich Fischer, Inhaber der Café-Bar Herzog am Herzogplatz, die als Veranstaltungsort dient. Jeden zweiten Dienstag können sich hier jetzt Menschen aus verschiedenen Kulturen treffen und unterhalten. Dass die Gäste eine schöne Zeit im Café haben werden, wünscht sich auch Zornedings Bürgermeister Piet Mayr (CSU) zum Start des Angebots. "Wir wissen, dass Sprache ein großer Schlüssel zur Kultur ist", sagt er bei der Eröffnung und weist darauf hin, dass in Zorneding mehr als 80 Nationalitäten beheimatet seien.

Neues Angebot in Zorneding: Integrationsbeauftragte und Initiatorin Aleksandra Smirnova begrüßt zusammen mit Zornedings Bürgermeister Piet Mayr die Gäste.

Integrationsbeauftragte und Initiatorin Aleksandra Smirnova begrüßt zusammen mit Zornedings Bürgermeister Piet Mayr die Gäste.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Schnell kommen die Gespräche in Gang, die Gäste sind heiter und kontaktfreudig. Eine Besucherin beschreibt die Atmosphäre als "warm, offen und harmonisch". Am englischen Tisch moderiert Susan "Sue" Baumann, 58, das Gespräch zwischen elf Leuten, die größtenteils aus Zorneding stammen. Sie selbst ist die ersten Jahre ihres Lebens in England aufgewachsen, kam dann aber mit acht Jahren nach Deutschland. Heute unterrichtet sie Deutsch und macht sich an diesem Abend ihre Lehrerfahrung zu Nutze. Drei am Tisch sind Muttersprachler, der Rest hat Englisch in der Schule oder in Sprachkursen gelernt.

Baumann unterbricht die Sprechenden bei Fehlern nicht, sondern schiebt ihnen Zettel zu. Sie reden über ihre Leben, die Arbeit, erzählen sich lustige Anekdoten über Fehler, die Übersetzungs-Apps gemacht haben und zu welcher Situation das geführt hat oder diskutieren darüber, ob Computer eine Seele haben oder nicht. Helene Klupsch und Kurt Kronschnabl wollen an diesem Abend an ihrem Englisch weiterfeilen und Kontakte knüpfen, während die Muttersprachler Susan Baumann, Barbara Willis aus den Vereinigten Staaten und Chin von den Philippinen froh sind, wieder mit Menschen in ihrer Muttersprache sprechen zu können. Stefan Keskari ist durch ein Missverständnis hergekommen. Er dachte, dass man ukrainische Flüchtlinge in diesem Café treffen könnte und er wollte ihnen seine Hilfe anbieten. 2015 hat er bereits Flüchtlinge aus Äthiopien unterrichtet und er hätte erneut gern geholfen - aber es macht ihm auch Spaß, sich an den Gesprächen zu beteiligen.

Am "deutschen Tisch" wird auch viel Russisch gesprochen

Am italienischen Tisch sind insgesamt neun Personen, die meisten von ihnen haben ihre Italienischkenntnisse aus Sprachkursen mitgebracht. Die 55-jährige Mirella Melissano moderiert das Gespräch und freut sich. Angelika Prötzel und Gertrude Hollert wollen ihr Italienisch weiter verbessern, während andere einfach gerne mehr über die italienische Kultur wüssten. Den deutschen Tisch, besetzt von anfangs sechs Leuten, könnte man wohl auch als russischen Tisch bezeichnen. Zufälligerweise sind alle Russen bis auf das Pärchen und eine junge Frau aus der Ukraine sowie eine Frau aus Kasachstan, die jedoch auch Russisch können. Manche von ihnen kannten sich bereits und sind befreundet. Grünen-Gemeinderätin Giulia Hillebrand moderiert anfangs das Gespräch, das sich um Lebenserfahrungen und Familie dreht. Viele der Teilnehmer sind bereits seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland, sehnen sich jedoch nach Kontakt und wollen ihr Deutsch zusätzlich noch optimieren.

Die 22-jährige Regina Moroshan ist vor etwa eineinhalb Monaten mit ihrer Familie aus Kiew nach Deutschland geflüchtet, und auch wenn ihr Deutsch noch nicht gut genug ist, um aktiv am Gespräch teilzunehmen, genießt sie die angenehme Atmosphäre um sich herum, wie sie sagt. Sie erzählt auf Englisch, "Servus" sei ihr erstes deutsches Wort gewesen. Draußen wird es langsam dunkel, das Gespräch kehrt sich von deutsch in russisch um, Weingläser werden geleert, Lachen erfüllt den Raum. Der Redestoff und die Freude scheinen kein Ende zu nehmen, und so kann man sagen, dass Aleksandra Smirnovas Ziel, Menschen zusammenzubringen, erreicht wurde. Oder wie es Regina Moroshan sagt: "Wenn Menschen, die so unterschiedlich sind, die sich nie im normalen Alltag treffen würden, sich eben treffen und es einfach Klick macht... Es ist wundervoll."

Das nächste Sprachcafé in der Café-Bar Herzog, Herzogplatz 17, findet am 10. Mai statt. Beginn ist um 18 Uhr.

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