Telentiade 2019 Annika Wohner wechselt zum FC Bayern

Die Poingerin ist für den Nachwuchspreis der SZ nominiert. Mit 16 Jahren steht sie vor einer Zukunft in München - wie einst eine alte Bekannte.

Von Korbinian Eisenberger, Poing/München

In ihrem Zimmer in Poing hat Annika Wohner ein Paar Fußballschuhe stehen, mit denen seit Jahren kein Ball mehr getreten wurde. Sie gehören einer Freundin, die ebenfalls aus Poing stammt, ihr Haus steht eine Ecke weiter. Die einstige Trägerin dieser Schuhe heißt Alisa Sewald und galt vor acht Jahren als große Nachwuchshoffnung im deutschen Frauenfußballs. Sie war damals gerade von Poing zum FC Bayern gewechselt, doch die Schuhe mit den drei Streifen brachten ihr kein Glück. Eine schwere Verletzung beendete ihre Fußballprofi-Karriere noch bevor sie begonnen hatte. Der Traum einer jungen Poingerin war zerplatzt.

Die Geschichte von damals hilft, um zu verstehen, wie ambitioniert das aktuelle Vorhaben von Annika Wohner ist. Mit 16 Jahren steht sie derzeit an einem ähnlichen Punkt, wie einst Sewald. In den Nachwuchsteams der Frauen-Nationalmannschaft hat Wohner bereits die Kapitänsbinde getragen und Tore erzielt. Zur neuen Saison wechselt sie nun zum FC Bayern München, seit gut zwei Monaten trainiert sie bereits mit der zweiten Mannschaft der Münchner mit. In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob sie den Sprung ins Profi-Geschäft schafft. Derzeit sieht es gut aus, doch wer weiß, was alles dazwischen kommt.

Einen Telefontermin mit der 16-jährigen zu finden ist durchaus herausfordernd. Am Donnerstagabend um kurz vor neun ruft sie aus den Auto an, auf der Heimfahrt vom Training der Bayern nach Poing. "Heute haben wir Spielformen trainiert, da darf man oft auf's Tor schießen." An den anderen Tagen trainiert sie bei ihrem bisherigen Team, der SpVgg Landshut, dort spielt sie seit Jahren in der Bubenmannschaft. "Die Jungs spielen viel körperlicher und dynamischer", sagt sie. Bei den Frauen ist davon weniger zu spüren. "Die Mädls spielen mehr mit Kopf und Taktik."

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Der erste große Rückschlag

Während sie erzählt, steuert Mama Heike den Wagen. Zum Training bei den Bayern fährt sie ihre Tochter immer selbst, für die Trainings und Spiele im 60 Kilometer entfernten Landshut gibt es eine Fahrgemeinschaft mit zwei Mitspielern, so muss Heike Wohner "nur" jedes dritte Mal fahren. Der Lohn für all den Aufwand: die jüngste Berufung des DFB ins Uefa-Vier-Länder-Turnier in Portugal. Oder wenn es im Juni zum Vorbereitungslehrgang des DFB nach Schweden geht, auch da ist Annika Wohner nominiert.

Im Gespräch geht es um Tricks und Tore, doch es gibt auch andere Themen. Wohner stand heute nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern drückte auch acht Stunden lang die Schulbank. In Physik stand eine Klausur an, nicht gerade ihre Paradedisziplin, "doch es lief trotzdem ganz okay", sagt sie. Nächstes Jahr stehen die Abiturprüfungen an, danach wolle sie studieren. Uni und Fußball also.

Es lief vieles rund bisher, auf dem Weg in den Profibereich. Doch je weiter nach oben es geht, desto schwieriger wird es. Wohner kommt jetzt in jenen Bereich, wo nicht mehr nur Leistung zählt, sondern auch das Glück. Im Herbst schien es sie zu verlassen: Ein Muskelbündelriss im Fuß zwang sie zu einer längeren Pause. Bei Alisa Sewald führte eine Verletzung am Sprunggelenk einst zu einer zweijährigen Leidenszeit, die damit endete, dass sie nicht mehr Fußball spielen konnte. Annika Wohner hatte Glück im Unglück. Nach zwei Monaten konnte sie wieder spielen, kämpfte sich zurück, im Verein und beim DFB. So lebt der Traum weiter. "Fußballprofi werden ist mein Traum", sagt sie. Seit ihrer Verletzung läuft es wieder rund. Sie sagt aber auch: "Es braucht ein zweites Standbein", und fügt hinzu: "In jedem Fall." Also selbst dann, wenn es mit der Profikarriere klappt.

Es geht nun nicht mehr nur um Verletzungen und Erfolge, sondern um ein größeres Thema - im Fußball und auch sonst. "Vom Gehalt als Profifußballerin kann man gut leben", sagt sie. "Aber wenn man aufhört, wird es schwierig." Im Männerbereich habe man dann in aller Regel ausgesorgt, sagt sie. "Bei den Frauen sieht das ein bisschen anders aus." Annika Wohner klingt jetzt kaum mehr wie eine 16-jährige Schülerin. Durchs Telefon hört man das Ticken des Blinkers. In zehn Minuten sind Mama und Tochter daheim in Poing. Gleich noch das Europa-League-Halbfinale der Frankfurter bei Chelsea schauen? Annika Wohners hat andere Abendpläne: "Ich kucke mir lieber noch mein Schulzeug für morgen an."

Mit der Talentiade 2019 zeichnet die Süddeutsche Zeitung zum zehnten Mal die Leistung junger Sporttalente (bis Jahrgang 2000) aus München und den umliegenden Landkreisen aus sowie die hervorragende Nachwuchsarbeit ihrer Vereine. Wir suchen deshalb ab sofort junge Sportlerinnen und Sportler, die in den vergangenen beiden Jahren - unabhängig von Sportart, Meisterschaften oder Titeln - besonderes sportliches Engagement gezeigt haben. Vergeben werden unter anderem neun Förderpreise à 1500 Euro. Bewerbungen und Vorschläge unter sz.de/talentiade. Die Bewerbungsphase endet am Dienstag, 18. Juni. Bis dahin setzt die wöchentliche Rubrik der SZ Ebersberg "Der Sport im Ort" aus.

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