Kleines Theater Haar:Göttliche Gaudi

SIEGFRIED
Götterschweiß und Heldenblut
Ein Germanical
von Gabi Rothmüller, Manfred O. Tauchen und Alexander Liegl
ab jetzt wieder mit dem Ur-Siegfried Severin Groebner

Illustres Personal: "Siegfried - Götterschweiß und Heldenblut" wartet auf mit Alexander Liegl, Thomas Wenke, Gabi Rothmüller, Severin Groebner, Constanze Lindner, Aron Altmann (von links) und einem Lindwurm.

(Foto: Gila Sonderwald/oh)

"Siegfried" im Livestream: ein deftiges Germanical rund um Liebe, Gier und Verrat, das auf dem Nibelungenlied sowie Wagners Opernzyklus beruht. Mit von der Partie: der Kirchseeoner Alexander Liegl.

Von Anja Blum

Das gute alte Nibelungenlied und grelle Travestie? Richard Wagner nebst ausgelassenem Cha-Cha-Cha? Wer bei solcherlei gewagten Kombinationen die Stirn runzelt, tut das freilich nicht ganz zu Unrecht - könnte sich am Samstag, 7. März, aber einem möglicherweise horizonterweiternden Spektakel widmen: einem "Germanical" rund um den schier unbezwingbaren Siegfried, ein Abend, an dem jede Menge Götterschweiß und Heldenblut fließen. Dem Musical zugrunde liegen tatsächlich das mittelalterliche Epos sowie Wagners Opernzyklus - doch es macht aus Versatzstücken dieser Hochkultur eine deftige Gaudi mit Drachen, Zwergen, Jungfern und allerhand anderem außergewöhnlichen Personal. Und wie so oft geht es um Sex and Crime, Hass, Neid, Liebe, Gier, Macht und Verrat - ein Stoff, der nie aus der Mode kommt.

Für das "Germanical" verantwortlich zeichnen der Satiriker Manfred O. Tauchen, die Regisseurin Gabi Rothmüller und der Kabarettist Alexander Liegl. Die drei Münchner sind bereits seit ihrer Neuinszenierung des Watzmann-Musicals von Wolfgang Ambros ein erprobtes Team, als sie nach einem neuen Stoff fahndeten, "mit dem man Spaß haben kann", stießen sie auf die Nibelungen - und ließen fortan die Germanen rocken. Die Lieder dazu stammen aus der Feder von Aron Altmann. Kreiert wurde das Siegfried-Musical 2003 für das Lustspielhaus, wo es bereits nach dreijähriger Spielzeit Kultstatus erlangte. 2017 gab es ein Revival, die jüngste Aufführung war vor einem Jahr - dann kam Corona. Nun feiert das Heldenspektakel also erneut ein Comeback, und zwar als Livestream. Gespielt und gefilmt wird im Kleinen Theater in Haar, eine Bühne, die sich pandemie-bedingt ganz dem digitalen Format verschrieben hat.

"Die Veranstaltung war schon geplant, wurde im Gegensatz zu vielen anderen Terminen aber nur ein einziges Mal verschoben - und nun freuen wir uns sehr auf diesen digitalen Testballon", erzählt Liegl, der als gebürtiger Kirchseeoner und ehemaliges Mitglied des Ebersberger Kabarettensembles Gruppo di Valtorta dem Münchner Osten eng verbunden ist. Das Kleine Theater besitzt das Konzept, die Technik, das Team und den Platz für solch ein Unterfangen - und doch ist man sehr gespannt auf diesen "Siegfried": "Für uns alle bedeutet diese Produktion eine besondere Herausforderung, da sie technisch mit hohen Anforderungen daherkommt", so Bühnenchef Matthias Riedel-Rüppel. Aber auch für die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne werde das Agieren unter Corona-Bedingungen "sehr speziell" sein. Freilich sei Kunst mit Publikum immer schöner als ohne, sagt Liegl, doch da bei dem Germanical neun Menschen auf der Bühne miteinander ihren Spaß hätten, mache er sich in diesem Fall keine großen Sorgen. "Dank Corona-Tests werden wir eine Blase sein, die spielt, bis es kracht", sagt der Kabarettist und lacht. Schließlich soll dieser "Siegfried" die lustigste Heldenverehrung sein, seit es Lindenblätter gibt.

Das genreübergreifende Ensemble besteht aus Schauspielern, Kabarettisten und Musikern und bietet viele bekannte Gesichter der bayerischen Kabarettszene. Es kämpfen, gieren, schmachten, wüten und singen: Severin Groebner als Held Siegfried, Constanze Lindner als Kriemhild, Thomas Wenke gibt sowohl Göttervater Wotan als auch die Walküre Brünhilde, Bandleader Aron Altmann fungiert als Hagen, Alexander Liegl mimt König Gunter sowie Zwerg Alberich und Gabi Rothmüller spielt Göttergattin Fricka. Dazu musiziert heldenhaft eine Band alias Zwergentruppe in klassischer Rockbesetzung: Sänger und Bassist Aron Altmann, Stephan Auer an den Keyboards, Gitarrist Frank Schimann sowie Uli Jenne als Drummer - und Jungfer.

Zusammen erzählen die neun Akteure die Geschichte des unvergessenen Siegfried, in der König Gunter, seine Schwester Kriemhild, der finstere Hagen und Brünhilde, die Walküre, wild durcheinander paktieren. Zwischen Leidenschaft, Gier, Triumph, Verzweiflung und Hass werden sie hin und her geworfen, versuchen dabei, ihrem Leben ein wenig Größe zu geben und etwas Glück zu erhaschen. Diese Geschichte ist freilich nicht neu - sogar ziemlich alt. Doch hat man nicht das Gefühl, dass die Gier nach Reichtum und Macht heute so frisch ist wie vor zwölfhundert Jahren? Und wenn dann die Helden erstochen sind, die Götter ihre Dämmerung erleben und die Oberschicht wieder mal nichts kapiert hat, geht alles wieder von vorne los... Insofern bot die pandemische Gegenwart dem Ensemble freilich einige Gelegenheiten, das Programm zu aktualisieren: "So manche Pointen haben wir entsprechend zugespitzt", sagt Liegl, gerade beim Verhältnis von Herrschern und Untertanen. "Man soll ja merken, dass die Vorstellung live ist."

Zurück zum Heldenepos und zur Oper: "Wir haben uns aus diesen Vorlagen einfach die interessantesten Sachen rausgepickt", erklärt Alexander Liegl, so dass letztlich jeder mit dem Abend etwas anfangen könne, sowohl der Wagnerianer, als auch in Sachen Nibelungen völlig Unbeleckte. Ziel des Musicals sei es, "Hehres mit den Mitteln der Kunst zu brechen - aber auf anständige Weise. Auch durchgeknallter Trash muss immer gut gemacht sein!" Nur dass es hier eben nicht um das dreigestrichene C gehe, sondern in erster Linie um Komik.

Auch Liegl singt an diesem Abend - "erträglich und verständlich muss es sein" - wobei für ihn persönlich der Mix aus Schauspiel, Gesang, Comedy und Musik eine beliebte Spielwiese ist: "Ich trete ja immer schon mit einem kreativen Gemischtwarenladen an", sagt der Autor, Mime und Kabarettist, der nach wie vor zum Inventar des Alten Kinos in Ebersberg gehört. Etwas ganz Besonderes ist der "Siegfried" für den gebürtigen Kirchseeoner trotzdem, und zwar wegen des Ensembles. "Ich liebe es, mit anderen Menschen auf der Bühne zu stehen, und wenn es dann eine so tolle, große Mannschaft ist wie hier, ist das einfach das Tollste, das I-Tüpfelchen, quasi."

Ob das ganze Spektakel aber auch via Bildschirm funktioniert, wird sich am Samstag in Haar erweisen. "Wir freuen uns auf jeden Fall, endlich mal wieder spielen zu dürfen und warm zu werden", sagt Liegl. Denn die Hoffnung besteht, dass der "Siegfried" nun wieder öfter zu sehen sein wird, sei es online oder vor kleinerem Publikum. "Aber jetzt müssen wir erst einmal abliefern." Mögen die Götter mit ihnen sein.

"Siegfried - Götterschweiß und Heldenblut", am Sonntag, 7. März, um 19 Uhr im virtuellen Saal des Kleinen Theaters in Haar: "KTH.Digital". Infos und Tickets unter https://kleinestheaterhaar.de/. Die Veranstaltung steht 48 Stunden bereit.

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