Organisierte Kriminalität:Lachgas für die Jungs aus Utrecht

Lesezeit: 3 min

Eine Gangsterbande wartet in ihrem Stützpunkt in Poing vergeblich auf einen Kurier und sein Sprengmaterial für Geldautomaten.

Von Andreas Salch, München/Poing

"Wo bleibst Du? Die Jungs aus Utrecht warten auf dich", lautete die SMS, die Clancy N. am 29. Mai 2018 von seinen mutmaßlichen Komplizen erhielt. Er konnte sie nicht mehr lesen. Die Ermittler der Polizei jedoch schon. Sie hatten sein Handy sichergestellt. Clancy N. fuhr an jenem 29. Mai mit einem schwarzen VW Golf von den Niederlanden aus nach Deutschland. Auf dem Navi war als Zielort Poing eingegeben. Der VW Golf, mit dem der 26-Jährige unterwegs war, fiel Fahndern auf der Autobahn A 3 bei Aschaffenburg auf. Die Kennzeichen des Wagens waren als gestohlen gemeldet, wie sich bei einer Überprüfung herausstellte.

Außerdem waren sie falsch angebracht. Das vordere Kennzeichen befand sich am Heck des Pkw, das hintere an der Fahrzeugfront. Ein misslicher Fehler. Darüber hinaus entdeckten die Ermittler in dem Golf ein fast komplettes Equipment, wie es für das Sprengen von Geldautomaten benötigt wird: Sauerstoffflaschen, Durckmanometer, Stemmeisen, Gasleitungen - nur die Zündeinrichtung fehlte. Clancy N. hätte die brisante Fracht für seine Auftraggeber, einer laut Staatsanwaltschaft "hochkriminellen Organisation", in einer Wohnung in Poing abgeben sollen. Dort hatten Mitglieder der Bande sich offenbar einen Stützpunkt für ihre Raubzüge in München und der Region eingerichtet.

Auch wenn Clancy N. wohl eine eher untergeordnete Rolle spielte, kannte das Amtsgericht Ebersberg kein Pardon. Es verurteilte den 26-Jährigen im August vergangenen Jahres wegen Vorbereitens einer Sprengstoffexplosion zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft. Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung legten dagegen jetzt vor dem Landgericht München II Berufung ein. Die Anklagebehörde mit dem Ziel, dass N. zu einer höheren Strafe verurteilt wird. Der Anwalt des 26-Jährigen sagte, sein Mandant wolle keinen Freispruch, aber eine "mildere Strafe - er wusste, was er macht." Vor dem Amtsgericht Ebersberg habe der 26-Jährige "die Sache schön geredet", räumte Rechtsanwalt Patrick Ottmann ein.

Die Bande soll im Frühjahr 2018 vier Geldautomaten gesprengt haben

Die "Jungs aus Utrecht", die in Poing vergebens auf ihren Kurier warteten, sollen allein im Frühjahr 2018 vier Geldautomaten gesprengt haben. Einen in München, einen in Grünwald zwei in Ottobrunn. Dort erbeuteten die "Plofkraaker", niederländisch für Knallknacker, allein bei einem Coup am 25. April 2018 nicht weniger als 350 000 Euro. Im Oktober des selben Jahres wurden vier Mitglieder der Bande gefasst, als sie in Germering einen Geldautomaten in die Luft jagen wollten. Sie wurden inzwischen zu zum Teil langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Einem der Männer gelang bei der Tat in Germering die Flucht zu Fuß. Auch er sitzt mittlerweile hinter Gittern und wartet auf seinen Prozess vor dem Landgericht München II Ende dieses Monats.

Clancy N., der von einer der niederländischen Karibikinseln stammt und 2015 in die Niederlande kam, hatte die Bande zu Beginn des Jahres 2018 in Utrecht angeworben. Er sei mit einem Mann, von dem er nichts Näheres wisse, bei einem Joint ins Gespräch gekommen, berichtete N. jetzt vor Gericht. Für den Transfer der Ausrüstung, die die "Plofkraaker" zum Sprengen der Geldautomaten brauchten, seien ihm 800 Euro angeboten worden - davon 300 Euro als Anzahlung, so N. Man habe ihm gesagt, er solle "Lachgas nach München bringen." Ob ihm das nicht komisch vorgekommen sei, 800 Euro für den Transport von Lachgas von den Niederlanden nach Deutschland, hakte der Vorsitzende Richter nach. "Ich habe nicht nachgedacht. Ich hatte nicht genug zu essen." Kurze Zeit bevor er sich anwerben ließ, hatte N. seinen Job und seine Wohnung verloren. Nach einem Gespräch mit seinem Verteidiger räumte er schließlich doch ein, dass ihm das Angebot "komisch vorgekommen" sei.

Eine "hochkriminelle Organisation"

Oberstaatsanwalt Kai Gräber hielt N. in seinem Plädoyer unter anderem zugute, dass kein Schaden entstanden sei und die Tat lange zurückliegt. Zu Lasten des 26-Jährigen wertete der Anklagevertreter, dass dieser Mitglied einer "hochkriminellen Organisation" gewesen sei. Überdies habe der Transport der Gasflaschen eine enorme Gefahr dargestellt. Bei einem Unfall hätte es auf der Autobahn zu einer Explosion kommen können, sagte Gräber und forderte drei Jahre Haft wegen Vorbereitens einer Sprengstoffexplosion. Rechtsanwalt Patrick Ottmann sagte, der Angeklagte sei ein "leichtverführbarer Mensch" und "kein Bandenmitglied, allenfalls ein Kurier." Ottmann plädierte für eine Freiheitsstrafe von "nicht mehr als einem Jahr und zehn Monaten", ausgesetzt zur Bewährung.

Das Gericht verurteilte Clancy N. schließlich zu zwei Jahren und vier Monaten Haft. Das Urteil des Amtsgerichts Ebersberg - zwei Jahre, zehn Monate - sei zwar "durchaus passend", sagte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsbegründung. "Gewisse Dinge" aber hätten sich seit der Verurteilung im August 2021 "verbessert". Unter anderem liege nunmehr ein Geständnis vor. Eine Bewährungsstrafe wäre nicht in Betracht gekommen. Auch keine Haftstrafe von weniger als zwei Jahren. Es gehe darum, an "mögliche Täter das Signal auszusenden", dass die Beteiligung am Geldautomaten-Sprengen zu Haftstrafen führt. An Clancy N. gewandt sagte der Richter zuletzt: "Von Kurierfahrten aller Art sind Sie hoffentlich geheilt." Das Urteil ist rechtskräftig.

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