Brenner-Zulauf:Ohne uns

Lesezeit: 4 min

Scheitert das Dialogforum zum Bahnausbau südlich von Grafing? Mehrere Teilnehmer ziehen sich nun aus dem Gesprächsformat zurück. Ihre Begründung: Der Schienenkonzern ignoriere die Forderungen der Anlieger.

Von Wieland Bögel, Ebersberg

Brenner-Zulauf: Seit Dezember gibt es immer wieder Demonstrationen für den Ausbau der Bestandsstrecke Richtung Ostermünchen.

Seit Dezember gibt es immer wieder Demonstrationen für den Ausbau der Bestandsstrecke Richtung Ostermünchen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Dialog zwischen der Bahn und den Betroffenen einer möglichen Ausbaustrecke südlich von Grafing scheint bis auf Weiteres beendet. Am Freitag gaben die Teilnehmer am Dialogforum, unterstützt von zahlreichen Politikern aus dem Landkreis, bekannt, dass sie sich aus dem Gesprächsformat zurückziehen werden. Dieses war ursprünglich ins Leben gerufen worden, um die Interessen von Anliegern und Schienenkonzern in Einklang zu bringen - was laut den Verfassern des offenen Briefes indes nicht gelungen sei. Die Bahn habe sich nicht um Kompromisse bemüht.

Unterzeichnet ist der Brief von den Teilnehmern des Dialogforums: Thomas Bayer aus Emmering, Konrad Eibl aus Aßling, Alexander Höpler aus Kirchseeon, Josef Lenz aus Frauenneuharting und Florian Solfrank aus Grafing sowie den Vertretern des Bauernverbandes, Kreisobmann Franz Lenz, seinem Stellvertreter Martin Höher und Kreisbäuerin Barbara Kronester. Ebenfalls als Verfasser genannt werden Landrat Robert Niedergesäß (CSU) sowie die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus Emmering, Aßling, Bruck, Frauenneuharting, Grafing und Kirchseeon. Außerdem wird darauf verwiesen, sämtliche Parlamentarier aus dem Landkreis - namentlich die Landtagsabgeordneten Doris Rauscher (SPD) und Thomas Huber sowie Bundestagsabgeordneter Andreas Lenz und Europaabgeordnete Angelika Niebler (alle CSU) - "unterstützen unser Vorgehen und unsere Forderungen ausdrücklich".

Seit zwei Monaten gibt es Protest

Welche Forderungen das sind, haben die Vertreter der Gemeinden und des Landkreises in den vergangenen zwei Monaten, seit die Bahn die Grobtrassen für den Ausbau vorgestellt hat, schon des Öfteren deutlich gemacht. Hauptkritikpunkt ist, dass zwischen Grafing-Bahnhof und der Landkreisgrenze eine komplett neue Bahnstrecke gebaut werden soll, keine der Anfang Dezember präsentierten Versionen orientiert sich am Bestand. Die Bahn argumentiert, dies sei wegen der Anforderungen an die neue Strecke und des Geländes nicht möglich. So soll auf den neuen Gleisen vor allem der Güterverkehr von und zum Brenner abgewickelt werden, dafür muss die Strecke möglichst eben sein. Außerdem sollen auch Personenzüge mit bis zu 230 Kilometer pro Stunde dort fahren können, dazu seien aber die Kurven der Bestandsstrecke zu eng.

Was den Anliegern und Betroffenen aber nicht ausreicht. In dem aktuellen Brief kritisieren sie, dass es seitens der DB-Netz-AG, die für die Planung der Trassen zuständig ist, "auf die Ablehnung bislang keine Reaktion (gab), die als ernst gemeinte Auseinandersetzung mit unseren Argumenten verstanden werden kann". Die Bahn vertrete zwar weiterhin die Auffassung, "gemeinsam mit den Menschen der Region den besten Verlauf der Neubaustrecke" zu planen - diesem Anspruch komme die Bahn indes nicht nach: "Leider findet der Dialog aus unserer Sicht nicht auf Augenhöhe statt."

Der Vorwurf: Die Bahn gehe auf Kritik nicht ein

Konkret vermissen die Verfasser des Schreibens, dass die Bahn ihren Handlungsspielraum nutzt, "um, wie wiederholt von uns gefordert, weitere Alternativen am Bestand aufzugreifen". Denn, auch das wird deutlich betont: "Alle vier bisher vorgelegten Trassenvarianten sind nicht akzeptabel, da diese mit erheblichen Eingriffen in die Landschaft, großem Flächenverbrauch sowie vielen neu betroffenen Menschen verbunden wären." Daher lehne man alle vier grundsätzlich ab und fordere weiterhin die Ertüchtigung der schon vorhandenen Bahnlinie: "Wir sind der Auffassung, dass der sorgfältig geplante Ausbau der Bestandsstrecke unter Berücksichtigung sensibler Bereiche und optimalem Lärmschutz nach Abwägung aller Fakten die bessere Trasse darstellen kann."

Die Argumente der Bahn, was Geschwindigkeit und Kurvenradien angeht, seien nicht nachvollziehbar: "Es handelt sich um einen Brems- und Beschleunigungsabschnitt." Die geforderten 230 Kilometer pro Stunde würden daher dort ohnehin nicht gefahren werden können, nicht zuletzt deshalb, weil der Abschnitt zwischen Grafing-Bahnhof und Trudering nicht ausgebaut werden soll: daher sind in diesem "Bereich wesentlich geringere Befahrungsgeschwindigkeiten möglich". In einem mitverschickten sechsseitigen Fragenkatalog wollen die Verfasser zudem wissen, wie Personenzüge auf einer Strecke Tempo 230 fahren können, auf der laut Bahn zu 80 Prozent Güterzüge mit etwa der halben Geschwindigkeit unterwegs sein sollen.

Brenner-Zulauf: Vor allem Güterzüge, hier ein Foto aus Grafing-Bahnhof, sollen auf der Neubaustrecke unterwegs sein. Die angestrebte Höchstgeschwindigkeit von 230 Kilometer pro Stunde halten Kritiker daher für unrealistisch.

Vor allem Güterzüge, hier ein Foto aus Grafing-Bahnhof, sollen auf der Neubaustrecke unterwegs sein. Die angestrebte Höchstgeschwindigkeit von 230 Kilometer pro Stunde halten Kritiker daher für unrealistisch.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Abarbeitung dieses Katalogs machen die Unterzeichner auch zur Auflage, wieder ins Dialogforum einzutreten. In dem Katalog geht es unter anderem darum, wie sich die von der Bahn als für den Ausbau der Bestandsstrecke als hinderlich benannten Sachverhalte ausräumen lassen, etwa die nötigen Abstände zum Elkofener Friedhof und dem Flora-Fauna-Habitat Attel. Auch zu Verkehrsprognosen gibt es Fragen, etwa, welche Züge in welchem Verhältnis und in welcher Gesamtzahl zu welchem Zeitpunkt zwischen Ostermünchen und Trudering unterwegs sein könnten.

Zu diesem - von der aktuellen Trassenplanung unberührten - Abschnitt Richtung München gibt es ebenfalls Fragen, allen voran jene, welche die Bahn bisher geflissentlich zu beantworten vermieden hat: "Werden die vorhandenen S-Bahn-Gleise auch für den Brennernordzulauf verwendet?" Falls ja, soll die Bahn die Auswirkungen auf den Nahverkehr benennen, falls nein, erklären, wie man die zusätzlichen Züge auf den beiden Fernverkehrsgleisen unterbringen will - was für den Bereich der Neubautrasse dann wieder interessant wird: Denn gesetzt den Fall, dies ist westlich von Grafing bis München umsetzbar, "warum ist dies dann nicht auch zwischen Ostermünchen und Grafing auf den zwei vorhandenen Ferngleisen möglich?"

Die Bahn reagiert prompt

Bereits am Freitagnachmittag hat die Bahn auf den Brief der Dialogpartner reagiert. Deren angekündigten Ausstieg nennt DB-Gesamtprojektleiter Matthias Neumaier bedauerlich, er appelliert an die Verfasser des Briefes, an der für kommenden Dienstag geplanten Sitzung des Forums teilzunehmen, "um ausschließlich ihre Fragen zu besprechen". Einige davon seien im Übrigen bereits auf vergangenen Sitzungen behandelt worden - ob sie auch beantwortet wurden, lassen die Bahnvertreter in ihrer Reaktion indes offen. Bekräftigt wird außerdem die Auffassung, dass der Ausbau der Bestandsstrecke "mit erheblichen Belastungen für Mensch, Natur und Umwelt verbunden" wäre. Nicht zuletzt betroffen wären alle, die neben dieser Strecke wohnen, und damit nicht genug: "Neben schwerwiegenden umweltrechtlichen Aspekten wäre bei einem Ausbau der Bestandsstrecke der Abriss zahlreicher Wohngebäude sowie massive Eingriffe in Kulturgüter sowie in Denkmale unvermeidbar." Im Sinne der Transparenz halte man es seitens der Bahn für "wichtig, dass sich interessierte Kommunen weiterhin in die laufenden Planungen einbringen können (...), deshalb erhalten wir unser Gesprächsangebot aufrecht."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB