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Evangelische Kirche Grafing:Die erste Heimat der Protestanten

Heilandskirche Grafing

Die erste evangelische Kirche im Landkreis: die Heilandskirche.

(Foto: Stadtarchiv/oh)

Eine neue Infotafel in Grafing verweist auf die Heilandskirche, die 1924 errichtet und 1981 abgerissen wurde. Ihr Inventar kann man noch bewundern.

Von Anja Blum, Grafing

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die den Anstoß geben, sich einem bislang unbekannten Aspekt der Heimatgeschichte zu nähern. Und in diesen Fall ist es tatsächlich ein Stein, ein Erinnerungsstein: Mitten in Grafing verweist ein Sockel aus Muschelkalk auf die frühere Heilandskirche, das erste evangelische Gotteshaus im Ebersberger Raum.

Allein das ist ja schon bemerkenswert - wer sich ein bisschen mehr mit der Historie beschäftigt, dem eröffnet sich ein wahrlich aufschlussreiches sowie kurioses Kapitel der Grafinger Geschichte. Und dank Bernhard Schäfer, Museums- und Archivleiter, erschließt sich dieses nun nicht mehr nur Eingeweihten: Direkt über dem Sockel wurde am Montag eine neue Infotafel angebracht, die die Herkunft des schön behauenen Steines en passant erklärt.

Grafing Heilandskirche Der Altarraum mit der Kanzel und die Kanzel mit Korb, Fuß und Propheten-Darstellungen. (Fotos: Privat)

Einst diente der achtseitige Stein aus Muschelkalk der Predigt in der Heilandskirche, heute erinnert er am Straßenrand an die erste evangelische Kirche im Landkreis.

(Foto: Stadtarchiv/oh)

Der Erinnerungsstein ist zu finden in der Glonner Straße, gegenüber der heutigen evangelischen Kirche, am Eck einer Tagesstätte des Einrichtungsverbunds Steinhöring. Der Stein gehörte einst zur Innenausstattung der Heilandskirche, und zwar als Fuß einer Kanzel. 1981, als die Kirche abgerissen wurde, hing der achtseitige Gesteinsblock bereits zum Abtransport am Kran in der Luft, als die Aktion im letzten Moment gestoppt wurde: Der Architekt Carl Behmer hatte die Idee, den Kanzelsockel in das auf dem selben Grundstück geplante Gebäude zu integrieren.

Wer sich für die Geschichte der Heilandskirche interessiert, dem sei das Jahrbuch des Historischen Vereins für den Landkreis Ebersberg von 2014 (Band 17) empfohlen, denn darin befindet sich ein sehr lesenswerter Aufsatz von Eva Niederreiter-Egerer über "eine Kirche, die es nicht mehr gibt". Die Historikerin aus Grafing beleuchtet darin die abenteuerliche Entstehung des Gotteshauses, setzt sie in Verbindung zur Entwicklung der Protestanten in Bayern, schildert die liebevolle Ausgestaltung des Innenraums durch namhafte Künstler sowie das Ende des Gebäudes.

Grafings Archivleiter Bernhard Schäfer, Bürgermeister Christian Bauer und Pfarrer Axel Kajnath freuen sich über eine neue Infotafel.

(Foto: Christian Endt)

"Ihr Inventar wurde in alle Himmelsrichtungen verstreut"

Dieses nämlich ist nicht weniger spannend, eben weil die Heilandskirche trotz ihrer Zerstörung viele Spuren hinterlassen hat: "Ihr Inventar wurde in alle Himmelsrichtungen verstreut", erklärt der heutige evangelische Pfarrer Axel Kajnath bei der Präsentation der neuen Infotafel.

Nicht nur der Kanzelsockel fand eine neue Aufgabe als Erinnerungsstein, auch gegenüber, in der Auferstehungskirche, kann man sakrale Gegenstände aus dem Vorgängerbau sehen: Ein metallener Wetterhahn verrichtet heute sein Werk auf dem Vorplatz, der Opferstock befindet sich gleich am Eingang, und im Inneren hängen vier Evangelisten an der Wand, die einst für die Heilandskirche gestaltet wurden.

Nur der Christus, der sich einst in ihrer Mitte befand, habe keinen neuen Platz gefunden, so Kajnath, "der fristet sein Dasein in der Garage". Die Porträts biblischer Propheten, die einst die Kanzel zierten, sind heute als Bilder im Büro des Gemeindehauses zu sehen. Eine kleine Kostbarkeit hängt überdies im Turm: Eine der drei Glocken ist reich verziert und wurde 1616 von einem bekannten Gießer in Nürnberg gefertigt.

In die Heilandskirche kam sie als Geschenk der Gemeinde Ay-Senden bei Ulm. Der Taufstein aus der ersten evangelischen Kirche im Landkreis wiederum ist heute in Aßling im Einsatz, anderes Inventar, Wandleuchter aus Messing etwa, befindet sich in Privatbesitz, manches ist aber auch verschollen.

Um die Bedeutung der Heilandskirche einschätzen zu können, muss man wissen, dass die Zahl der Protestanten in Grafing zunächst verschwindend gering war. Um 1900, als die evangelische Kirche sich hierzulande zu organisieren begann, standen 1 117 Katholiken gerade mal 13 Protestanten gegenüber, 1950 waren es dann schon 623 evangelische bei 4026 katholischen Einwohnern, schreibt Eva Niederreiter-Egerer in ihrem Aufsatz.

Grafing war erst Feldkirchen unterstellt, später Großkarolinenfeld - beides war aufgrund der weiten Wege sehr unkomfortabel. Abhilfe schaffen sollte ein 1922 gegründeter "Evangelischer Verein Ebersberg und Umgebung" unter dem Vorsitz von Karl Schäfer. Der Major a. D. erreichte zunächst, dass für die Betstunden der Grafinger Rathaussaal benutzt werden durfte. Aber auch hier fanden Treffen nur in großen Abständen statt, weil der Pfarrer anreisen musste.

Außerdem war der Ort unpraktisch: "Der Altar musste extra aus dem Speicher geholt und aufgebaut werden, auch war der Andrang für den kleinen Raum mit der Zeit zu groß", so Niederreiter-Egerer. Daher galt das ganze Streben des Vereins dem Bau einer eigenen Kirche im Ebersberger Landkreis, und den Standort Grafing begründete Schäfer mit der guten Erreichbarkeit, die vor allem durch die Bahnlinie München-Rosenheim gewährleistet war.

Weil das Geld knapp war, baute die Gemeinde ein Feuerwehrhaus zur Kirche um

Die Kirchengemeinde sammelte also Geld - und konnte schon bald das Grundstück an der Glonner Straße erwerben. Auf dem etwa 500 Quadratmeter großen Gelände stand damals ein Feuerwehrhaus, der Zimmermeister Bartholomäus Rieperdinger hatte es 1888 errichtet. Das Gebäude wurde aber für seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr genutzt, sondern diente nur noch als Lager. Abreißen kam allerdings nicht infrage: Da die finanzielle Lage nach dem Ersten Weltkrieg alles andere als rosig war, nutzte man die Mauern des Feuerwehrhauses als Grundstock für die neue Kirche.

Auch das Dach des ehemaligen Spritzenhauses musste so flach bleiben, wie es war. Allerdings verlängerte man das Gebäude zur Straße hin, baute an der Rückseite eine Apsis an und integrierte vorne, in die linke Front, einen Turm, der oben mit Holzschindeln verkleidet war. Ebenfalls auf der linken Seite gab es einen kleinen Vorbau als Eingangsüberdachung. An diesen schloss sich eine halbhohe Mauer an, die sich rund um die Kirche zog. Der Bau war schnell fertiggestellt: Bereits nach drei Monaten, am 14. Dezember 1924, wurde die Heilandskirche geweiht.

Bis zum Jahre 1981 stand in der Glonner Straße also "eine Kapelle mit Schindelturm und Wetterhahn. Sie war mit wildem Wein bewachsen, der den Bau im Herbst leuchtend rot färbte. Die Kirche war klein, man sah ihr nicht an, dass sie mehr als hundert Menschen Platz bieten konnte", so Niederreiter-Egerer. Zudem muss das Innere ein "Gesamtkunstwerk" gewesen sein, geschaffen von German Bestelmeyer, einer Koryphäe des Kirchenbaus, sowie diversen namhaften Kunsthandwerkern der Region.

Der Architekt bevorzugte eine romanisch-gotische Anmutung, hinzu kamen die baulichen Vorgaben durch das Feuerwehrhaus - weswegen die erste evangelische Kirche im Landkreis ein reichlich katholisches Aussehen erhielt. Heute ist Bestelmeyer kaum mehr bekannt, wohl deshalb, weil sich kaum jemand mit einem Traditionalisten, Antisemiten und NS-Reichskultursenator schmücken mag. Der in der Heilandskirche am meisten beschäftigte Künstler war der Kirchenmaler Josef Bergmann. Von ihm stammen die vier Evangelisten samt Christus, die einst als Fresko das Rund der Apsis zierten. Außerdem gestaltete er die fünf hölzernen Tafelbilder der Kanzel, die die biblischen Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel zeigen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Protestanten stark an, weswegen man in Grafing den Kirchenneubau energisch vorantrieb. 1970 konnte die Auferstehungskirche eingeweiht werden. Die verwaiste Heilandskirche gab es da noch, doch zum Leidwesen vieler Grafinger war der Abriss bereits beschlossene Sache. Zum einen, weil das Grundstück zur Finanzierung des Neubaus verkauft werden musste, zum anderen, weil man nicht wollte, dass das Gebäude profaniert würde. Wie schön, dass sein reiches Vermächtnis nun vor Ort ein wenig präsenter ist.

© SZ vom 17.02.2021/koei
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