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Geschichte:"Zwischen den Luftangriffen sind wir mit der Bahn in die Schule gefahren"

Brigitte Schliewen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Kunsthistorikerin Brigitte Schliewen aus Vaterstetten widmet sich der Kunst des Mittelalters in der Region. Ihre eigene Biografie ist nicht weniger spannend.

Von Anja Blum

Die byzantinische Kunst und jene des Mittelalters sind Brigitte Schliewens Steckenpferde, denen sie sich seit Jahrzehnten forschend widmet. Doch auch ein Gespräch über die jüngste Geschichte ist mit der Vaterstettenerin äußerst spannend und lohnend, denn die fast 90-Jährige hat enorm viel erlebt - und überlebt, muss man sagen. "Ja, manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben ist ein vollgestopfter Jutesack, in den kaum mehr etwas hineinpasst", sagt sie und lacht. Fest steht: Schliewen hat sich trotz vieler Schicksalsschläge ihren Humor und eine durchweg positive Grundeinstellung bewahrt.

Brigitte Schliewen ist Berlinerin, geboren als Kriegskind 1931 im Havelland. Diese Herkunft hört man ihr bis heute an, das bairische Idiom hat sich auch in 50 Jahren nicht durchgesetzt. Und die Erinnerungen an die Heimat sind ebenfalls sehr präsent: "Beim Kampf um Berlin war ich 13 Jahre alt", erzählt Schliewen, eine wahrlich verrückte Zeit sei das gewesen. "Immer zwischen den Luftangriffen sind wir mit der Bahn in die Schule gefahren. Und wenn der Unterricht deswegen mal erst später anfing, haben wir uns gefreut." Richtig schlimm aber sei es danach geworden, als die Rote Armee das Gebiet besetzte - und wütete. "Da haben wir alles verloren", fasst Schliewen die Gräuel zusammen. Deswegen sei die Familie schließlich zu den Großeltern nach Westberlin geflüchtet.

Das Kirchlein Sankt Michael im Nebel.

(Foto: Christian Endt)

Schon Brigitte Schliewens Vater war Historiker gewesen, ein Berufsbild, dem die Tochter früh nachzueifern versuchte. Doch ein Studium war ihr in der Nachkriegszeit nicht vergönnt, also absolvierte sie erst einmal eine Ausbildung zur Buchhändlerin. "Mitten im Wiederaufbau war das, direkt am Ku'damm", erzählt sie, "der Laden lag im Erdgeschoß, mit einem Antiquariat im Keller, darüber war alles ausgebrannt." Das seien sehr spannende Jahre gewesen - doch "eingeschlossen von den Russen und ohne einen vernünftigen Verdienst" fehlten der jungen Frau die Perspektiven. Also wieder Flucht, nach Westdeutschland. Dort lernte Brigitte Schliewen bald ihren künftigen Mann kennen, einen Rheinländer, mit dem sie nach Bayern zog und eine Familie gründete. Drei Söhne kamen auf die Welt, sie sollten ganz behütet in Vaterstetten aufwachsen, alles hätte so schön sein können. Doch dann hatte der Vater einen Autounfall und starb. Die junge Berlinerin stand mit den drei kleinen Kindern alleine da.

Mit Schätzen wie in Sankt Sebastian und Sankt Martin in Ebersberg beschäftigt sich Kunsthistorikerin Brigitte Schliewen. Ihre neueste Analyse widmet sich den Werken von Meister Randeck und seiner Familie.

(Foto: Christian Endt)

Doch Brigitte Schliewen ließ sich auch diesmal nicht unterkriegen, schaffte es, die Familie irgendwie durch diese schwere Zeit zu bringen. "Wir haben dabei auch so viel Hilfe erfahren, von Menschen, die uns eigentlich gar nicht kannten, das war toll", erzählt sie von den Anfängen in Vaterstetten. Viele Freundschaften seien da entstanden, die teilweise bis heute gehalten hätten. Und sobald die Söhne alt genug waren, ein vorbereitetes Essen selbst warm zu machen, erfüllte sich Schliewen ihren großen Traum: Sie begann, mit 43 Jahren, Kunstgeschichte zu studieren. Eine Erfahrung, von der sie heute noch zu schwärmen weiß: "Ich hatte hervorragende Lehrer, mit denen wir damals auch ganz persönlich in Kontakt gestanden sind. Meine Magistermutter zum Beispiel, die hat im Alter von hundert Jahren ihr letztes Buch veröffentlich." Ob Schliewen ihr darin möglicherweise nachfolgt? Schließlich ist auch sie mit fast 90 Jahren immer noch fleißig am Forschen und Schreiben. "Wer weiß", sagt sie und lacht. "Die Denke funktioniert jedenfalls noch gut."

Dank ihres Studiums und ihrer Leidenschaft entwickelte sich Brigitte Schliewen bald zu einer der wichtigsten Geschichtsexpertinnen im Landkreis Ebersberg: Seit Jahrzehnten ist sie kunsthistorischen Objekten und Zusammenhängen vor Ort auf der Spur und veröffentlicht einen Aufsatz nach dem anderen, auch in der Ebersberger SZ erschienen zahlreiche Analysen aus ihrer Feder. Doch wieso ausgerechnet Heimatforschung? Weil sie "immer mittags wieder daheim, bei den Kindern, sein wollte", und es überdies an Geld mangelte, war es Schliewen nicht wie anderen Kollegen vergönnt, weite Forschungsreisen zu unternehmen. Mehr als Tagesausflüge waren nicht drin. Doch damit habe sie nie gehadert, sagt die Kunsthistorikerin aus Vaterstetten - denn direkt vor ihr lag ein weites, reiches Feld, das es zu bestellen galt. Ebersberg und die Region böten schließlich zahlreiche Anknüpfungspunkte, um die Kunst des Mittelalters zu beleuchten, so Schliewen. Vor allem rund um das Kloster und die Kirchen. "Es gab und gibt hier sehr viel zu tun." Ihr neuester Aufsatz etwa befasst sich mit den Randecks, die in mehreren Generationen als Baumeister, Bildhauer und Maler rund um Ebersberg tätig waren (siehe unten).

Doch Schliewen tat noch viel mehr, als mit dem Licht der Wissenschaft eine dunkle Epoche zu beleuchten: Sie sorgte für Vernetzung unter den Heimatforschern. Die Vaterstettenerin ist eine der drei Gründermütter des Historischen Vereins für den Landkreis Ebersberg, der bis heute Austausch, Vorträge, Ausflüge und ein stets lesenswertes Jahrbuch mit Beiträgen vor allem von Mitgliedern bietet. Zusammen mit ihren Kolleginnen Antje Berberich und Rotraud Acker hatte Schliewen 1998 die Entstehung des Vereins initiiert. "Das war schon was: Drei Zuagroaste wollten die wichtige Arbeit des damaligen Kreisheimatpflegers Max Krammer unterstützen und weiter ausbauen", sagt sie. "Denn wir waren uns damals eben sicher, dass der Landkreis jede Menge Themen und auch Wissen bietet, und wollten diese Kräfte bündeln." Hinzu sei große Unterstützung von politischer Seite gekommen, sowohl vom Bürgermeister der Kreisstadt, als auch vom Landrat. Insofern sei die Erfolgsgeschichte des Vereins unter der Führung von Bernhard Schäfer nun zwar keine große Überraschung, aber doch sehr erfreulich, sagt Schliewen heute.

Prachtvoll: das Kirchenschiff der Pfarrkirche Sankt Sebastian in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)

Gerade auch im Hinblick auf einen zweiten Verein, den Schliewen gemeinsam mit vier anderen Wissenschaftlern gegründet hat: die "Kulturhistorische Sammlung Vaterstetten". Fünf Broschüren wurden veröffentlicht, mehrere Ausstellungen und andere Veranstaltungen organisiert - doch nach zehn Jahren war Schluss, aus finanziellen Gründen. "Die Fördermittel wurden gesplittet, so dass einfach zu wenig für uns übrig geblieben ist", erklärt Schliewen. "Das ist sehr schade, denn wir hatten noch sehr viele Pläne." Aber nur für die Schublade zu arbeiten, ohne Aussicht auf Veröffentlichung, das sei für Forscher eben nicht gerade verlockend.

Der Erzengel Michael in der Kirche Sankt Michael in Hinteregglburg, Landkreis Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)

Apropos Schublade: Bislang nicht publiziert hat Brigitte Schliewen ihre Erinnerungen an die Zeit rund um 1945 in Berlin. Bereits als Jugendliche habe sie sich Notizen gemacht, um das Geschehen festzuhalten, doch erst jetzt, rund 70 Jahre später, habe sie auf deren Grundlage zwei Berichte geschrieben. Was daraus werden soll, steht noch in den Sternen. "Ich bezweifle, dass meine Berliner Vergangenheit hierzulande überhaupt jemanden interessiert", sagt Brigitte Schliewen. Das Gespräch mit ihr verheißt jedoch das Gegenteil. Eine karge, entbehrungsreiche Jugend helfe einem später, mit vielen Problemen umzugehen, lautet das Fazit der 89-Jährigen, gerade auch mit Blick auf die Corona-Krise. Denn im Krieg habe man gelernt, sich zu bescheiden, auch aus Nichts etwas zu machen, trotzdem das Positive zu sehen. "Man darf nicht jammern, sondern muss einfach weitermachen, immer einen Schritt nach dem anderen, auch wenn es hart ist." Und zum Trost hat Brigitte Schliewen auch noch eine Erkenntnis parat: "Was Substanz hat, bleibt in der Regel um einiges länger bestehen." Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

© SZ vom 13.02.2021
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