Energiekrise im Landkreis Ebersberg:Dünger wird knapp

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Energiekrise im Landkreis Ebersberg: Jeden Frühling werden die Äcker gedüngt - kommendes Jahr könnte das aber teuer werden.

Jeden Frühling werden die Äcker gedüngt - kommendes Jahr könnte das aber teuer werden.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die Energiekrise ist längst bei den Bauern angekommen: Wegen der hohen Strompreise müssen Düngemittelhersteller ihre Produktion drosseln. Was das für Landwirte und Lebensmittelpreise bedeutet.

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Wenn sich nach dem Winter der letzte Frost verzogen hat, dürfen Felder und Wiesen wieder gedüngt werden - eigentlich. Ob das im kommenden Jahr so ausgiebig erfolgen kann, steht jedoch noch in den Sternen: Dünger wird knapp. Grund dafür sind, wie in so vielen anderen Bereichen derzeit, die hohen Energiekosten. Sie zwingen viele Düngemittelhersteller in Europa, ihre Produktion zu drosseln; einige Werke haben sie bereits ganz eingestellt. Und der Dünger, der jetzt noch produziert wird, kostet ein Vielfaches im Vergleich zu der Zeit vor zwei Jahren. Die Krise ist längst auch schon bei den örtlichen Lagerhäusern angekommen, die dann die Landwirte in der Region beliefern.

"Die derzeitigen Preise sind schon fast utopisch."

"Die Situation ist gravierend", sagt etwa Richard Kinshofer vom Landwirtschaftlichen Lagerhaus Festl & Kinshofer in Poing. Bestellen die meisten Bauern normalerweise im Dezember für das folgende Jahr, haben jetzt schon einige versucht, sich Dünger zu sichern. "Die derzeitigen Preise sind schon fast utopisch", kommentiert Kinshofer: Eine Sorte, die normalerweise 20 bis 30 Euro pro 100 Kilogramm im Durchschnitt koste, liege aktuell bei über 90 Euro. Von einigen seiner Kunden, den Landwirten in der Region, weiß er, dass sie dieses Jahr viel weniger Dünger angewendet haben, vor allem auf der Wiese - und daher sehr viel weniger Ertrag hatten.

Vor allem der mit Stickstoff versetzte Dünger, zu dessen Herstellung viel Gas benötigt werde, sei das Problem, erklärt Kinshofer. Nun setzen viele Bauern verstärkt auf Biogasabfälle als Düngemittel. Diese seien normalerweise nicht so beliebt, weil der Weizen sie nicht so schnell aufnehmen könne, wie den synthetischen Dünger. "Der Boden muss den organischen Phosphor erst umwandeln", erklärt Kinshofer, "das ist nicht so effektiv." Auch das Umschwenken auf Biogas sei nicht unbedingt die Lösung aller Probleme: Wer damit dünge, müsse viel öfter mit dem Traktor über sein Feld fahren - und verbrauche dabei wieder ebenfalls verteuerten Diesel. "Wenn wir zu wenig Dünger haben, wird die nächste Ernte um einiges knapper", sagt er. Die Zeit der sieben bis acht Rekordernten, wie in den vergangenen zehn Jahren gehabt, sei dann erst einmal vorbei. Auch mit Blick auf die Trockenheit geht Kinshofer davon aus, dass die Ernte im nächsten Jahr um mindestens zehn bis 20 Prozent geringer ausfallen wird.

Viele Bauern haben sich schon im Juli und August eingedeckt mit Dünger für das Frühjahr

Dass Düngemittel ein immer knapperes Gut wird, habe sich schon seit Monaten abgezeichnet, berichtet Markus Spötzl vom Raiffeisen-Lagerhaus in Aßling. Besonders Alzon, ein stabilisierter Harnstoff, und Piamon, ein Stickstoff-Schwefel-Dünger, seien betroffen. So steht etwa derzeit einer der größten deutschen Düngemittelhersteller still, die SKW Stickstoffwerke Piesteritz in Sachsen-Anhalt. "Aktuell können wir dort nichts kaufen", so Spötzl. "Wir mussten einigen Bauern schon absagen." Gedrosselt ist zum Beispiel auch die Produktion von BASF in Friedrichshafen oder von Yara, einem norwegischen Hersteller mit Niederlassung in Rostock. Viele Bauern hätten sich schon im Juli und August eingedeckt mit Dünger für das kommende Frühjahr. Auch Markus Spötzl nennt die Möglichkeit, auf anderen, eben nicht so effizienten Dünger umzuschwenken. "Das muss mal ein Jahr so gehen", sagt er, "man kommt nicht drum herum."

Energiekrise im Landkreis Ebersberg: Manche Feldfrüchte lassen sich auch mit Gülle oder Resten aus der Biogasanlage düngen, aber eben nicht alle.

Manche Feldfrüchte lassen sich auch mit Gülle oder Resten aus der Biogasanlage düngen, aber eben nicht alle.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Den Dünger fürs nächste Jahr noch nicht bestellt hat Jakob Kraus, Landwirt aus Zorneding. "Vielleicht wird er nächstes Jahr billiger", sagt er, "man weiß es nicht." Für Bauern wie für die Betreiber von Lagerhäusern sei es derzeit schwierig, vorzuplanen, nicht nur, weil das Düngemittel an sich knapp wird. "Das nächste Problem sind die Lkw-Fahrer, die fehlen, um die Ware rechtzeitig zu den Lagerhäusern zu bringen", berichtet er. Für dieses Jahr sei das Düngen sowieso schon gelaufen: Im Herbst darf man nur bedingt Dünger auf den Felder anwenden, etwa in geringer Menge Ende August bei Sommerraps. Im Frühjahr, nach dem Frost, beginnt dann die Düngezeit bis in den Mai hinein. Jakob Kraus hat Glück und kann vom Betrieb seines Schwiegersohnes Gülle und Biogas beziehen, das man etwa fürs Düngen von Winterweizen oder Silomais verwenden kann. Keine Alternative sei das jedoch für Kartoffeln oder Sommergerste, so Kraus.

"Wir haben uns schon im Juli, bei der ersten Abschaltung von Nord Stream 1, mit Dünger für das nächste Jahr eingedeckt", erzählt Ludwig Huber vom Zehmerhof in Pliening, "zu einem Wahnsinnspreis." Die Schwankungen des Düngemittel-Preises seien derzeit riesengroß. Dennoch warnt er: "Wer sich jetzt nicht eingedeckt hat mit Dünger, der kann im Frühjahr ohne dastehen." Der Dünger kann in Silos oder so genannten Big Bags gelagert werden - also großen Säcken aus Kunststoffgewebe. "Im Silo soll man aber nicht zu lange lagern", sagt Huber. Dünger für die nächsten Jahre zu bunkern ist also auch keine Lösung. Trotzdem versucht er das Positive zu sehen. "Auch wenn in Deutschland die Ernte mal geringer ausfällt, haben wir immer noch die Möglichkeit, auf dem Weltmarkt zuzukaufen", sagt er. "Das können Menschen in ärmeren Ländern nicht, da geht es dann an die Existenz." Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass der Getreidepreis derzeit ein guter sei - wenn auch sehr volatil. Denn falle der Getreidepreis von heute auf morgen, und man ist für die überteuerten Düngemittel in hohe Vorleistung gegangen, stehe man schnell mit leeren Händen da. Huber fasst es so zusammen: "Das Risiko für Landwirte wird hoch."

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