Archäologie und Geschichte:"Echsenmenschen haben wir keine entdeckt"

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Archäologie und Geschichte: Welche Geheimnisse birgt der Brunnen noch? Daran forschen jetzt verschiedene Wissenschaftler.

Welche Geheimnisse birgt der Brunnen noch? Daran forschen jetzt verschiedene Wissenschaftler.

(Foto: Christian Endt)

Ein alter Brunnen im Ebersberger Forst zieht die Menschen seit zwei Jahren in seinen Bann. Ein Gespräch mit Kreisheimatpfleger Thomas Warg über fantasievolle Gerüchte - und darüber, was den Brunnen so faszinierend macht.

Interview von Merlin Wassermann

Seit vor zwei Jahren der Brunnen im Ebersberger Forst entdeckt wurde, wird eifrig über dessen Alter und Funktion diskutiert: Diente er dazu, den Durst von Salzhändlern löschen oder handelt es sich vielleicht doch um den Eingang zum Mittelpunkt der Erde? Kreisheimatpfleger Thomas Warg bleibt bei aller Freude an Spekulation lieber auf dem Boden - oder dem Schlick - der Tatsachen.

SZ: Herr Warg, als Kreisheimatpfleger und Archäologiefan - wie sehr würden Sie gerne in diesen Brunnen hinabgeseilt werden?

Thomas Warg: Gar nicht! Ich hätte die Gelegenheit gehabt, aber das habe ich anderen überlassen. Ich bewege mich ja schon langsam ins fortgeschrittene Alter und hätte da unten nicht viel genutzt. Außerdem ist es auch nicht ganz ungefährlich, in den Schacht zu steigen, allein schon wegen der fragwürdigen Luftqualität.

Archäologie und Geschichte: Thomas Warg (links) will das Mysterium des Forst-Brunnens ergründen.

Thomas Warg (links) will das Mysterium des Forst-Brunnens ergründen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Manch einer scheint sich vor anderen Dingen in diesem Brunnen zu fürchten.

In der Tat. In den sozialen Medien wird spekuliert, dass die berüchtigte weiße Frau tagsüber in dem Brunnen haust...

Haben Sie sie gefunden?

Nein, da muss ich Sie enttäuschen. Auch scheint es sich nicht um den Eingang zum Mittelpunkt einer hohlen Erde zu handeln, wie manch einer vermutet, und Echsenmenschen haben wir auch keine entdeckt.

Zugespitzt formuliert ist ein Brunnen ein Loch im Boden. Woher kommt die Faszination für dieses Bauwerk?

Der Brunnen ist eine Art umgekehrtes El Dorado: Wir suchen nicht nach einem mythischen Ort, der eine Erklärung und Geschichte hat, sondern haben einen Ort und suchen nach dessen Geschichte. Das beflügelt natürlich die Fantasie.

Was interessiert Sie als Historiker daran?

Die Entdeckung des Brunnens wirft viele spannende Fragen auf: Wer hat diesen Brunnen wann und für wen gebaut - und warum? Wenn man die Position des Brunnens mitten im Wald betrachtet, ist sie zunächst einmal unlogisch.

Wieso unlogisch?

Nun, wenn man in der Bronzezeit oder im Mittelalter eine Siedlung gründen möchte, hält man zunächst nach drei Dingen Ausschau: Wasser, guten Böden und Hügeln, die man befestigen kann. Der Ebersberger Forst hat nichts davon, er ist flach, die Böden sind nicht für Landwirtschaft geeignet und Wasser findet man meist erst in 40 Metern Tiefe. Trotzdem hat jemand beschlossen, hier einen Brunnen hinzustellen. Und das schnell! Der Brunnen wurde in einem halben Jahr fertiggestellt, oft hat so etwas mehrere Generationen an Baumeistern gebraucht.

Warum also hat man den Brunnen dort gegraben?

Verschiedene Möglichkeiten sind denkbar, manche sind wahrscheinlicher als andere. Das früheste Schriftstück, in dem von dem Brunnen die Rede ist, stammt von 1739. Zu dieser Zeit lebte vielleicht bereits ein Förster im Wald, allerdings ist unwahrscheinlich, dass man nur für ihn einen Brunnen gegraben hat. Ähnlich sieht es mit der Waldweide aus, dem Treiben von Schweinen in die Wälder, damit sie sich vor dem Winter noch einmal sattfressen - doch auch dafür ist ein eigener Brunnen fast schon zu viel. Manche haben auch spekuliert, dass es die Schweden waren, die sich im 30-Jährigen-Krieg in der Gegend aufgehalten haben, aber dafür wäre der Aufwand zu groß gewesen. Außerdem ist der Brunnen vermutlich deutlich älter.

Welche Erklärung überzeugt Sie?

Ich gehe davon aus, dass der Brunnen älter als München ist und von den Klosterherren gebaut wurde. Denen gehörte schließlich der Forst zu dieser Zeit. Bevor München offiziell gegründet wurde, führte durch den Forst - dort, wo sich heute die Staatsstraße befindet - die Salzstraße, eine wichtige Handelsroute. Es ist gut möglich, dass der Brunnen dazu diente, die Menschen auf dieser Route mit Wasser zu versorgen.

Wann wurde der Brunnen denn stillgelegt?

Das ist schwer zu sagen. Wir wissen, dass er lange Zeit regelmäßig gereinigt wurde, weil wir den Schlick untersucht haben, der sich am Grund angesammelt hat. Dort haben wir nur wenige Gegenstände gefunden, er schien also lange in Betrieb gewesen zu sein. Auf einer Karte ist er zuletzt 1808 zu sehen, mit einer Betonplatte verschlossen wurde er dann 1964 - dann geriet er in Vergessenheit.

Archäologie und Geschichte: Der Schlick am Boden des Brunnens enthielt kaum Gegenstände. Das lässt darauf schließen, dass er regelmäßig gereinigt wurde.

Der Schlick am Boden des Brunnens enthielt kaum Gegenstände. Das lässt darauf schließen, dass er regelmäßig gereinigt wurde.

(Foto: Christian Endt)

Wie geht es jetzt weiter mit dem Brunnen?

Es gibt viel zu tun. Zum einen sollen dendrochronologische Untersuchungen - also die Bestimmung des Alters von Holz mittels des Zählens von Jahresringen - angestellt werden. Der Brunnen wurde mittels der Brunnenkastenmethode hergestellt, Teile des Kastens sind noch erhalten, ebenso wie die Holzdeichel, mit der Wasser nach oben befördert wurde. Außerdem wird das Gelände um den Brunnen untersucht werden. Wo es einen Brunnen gibt, gab es meist noch andere Gebäude, einen Hof oder eine kleine Siedlung vielleicht.

Ist dieser Brunnen die spannendste Entdeckung in Ihrer Karriere als Kreisheimatpfleger?

Absolut! So einen Fund erlebt man wirklich selten, ich habe noch von nichts vergleichbarem gehört. Es handelt sich ja eben nicht nur um irgendein Loch im Boden, des Material ist hochwertig und gut erhalten - das ist der Mercedes Benz unter den Brunnen.

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