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Bruck:Jaqueline nimmt Gesangsunterricht auf Youtube

Ein bundesweites Projekt hilft dem kuriosen Künstler Reinhold Florian aus Bruck, sichtbar zu bleiben.

Von Franziska Bohn, Bruck

"Heute schminke ich mich eher dezent", sagt Reinhold Florian. Er steht vor einem großen Spiegel in seinem Badezimmer in Bruck und tupft mit einem rosa Schwämmchen Make-up auf sein Gesicht. Tupfen, nicht schmieren, so wie es ihm seine Maskenbildnerin gezeigt hat. "Normalerweise benutze ich mehr Glitzer". Sein Kinn bekommt allmählich einen orangefarbenen Ton - und der Bartschatten verschwindet.

Reinhold Florian ist Künstler, Schauspieler, Coach und war Weltmeister im Zaubern. Jeder kennt ihn eigentlich nur unter seinem Künstlernamen Gaston Florin - auch privat nennen ihn alle so. Normalerweise tritt der 52-Jährige auf großen und kleinen Bühnen in ganz Deutschland auf, häufig auch als Jacqueline, eine Kunstfigur, die er vor mehr als zehn Jahren erschaffen hat.

Bis sich Gaston in Jacqueline verwandelt, dauert es eine Stunde. Er nimmt einen der 18 Pinsel aus seiner Kosmetiktasche und tupft ihn in Rouge, um sich höhere Wangenknochen zu schminken. Heute nimmt Jacqueline eine Gesangsstunde - Teil eines Rechercheprojekts, an dem der Künstler derzeit arbeitet. Das Bundesnetzwerk Flausen+ startete im Herbst das Programm "Take-Care-Residenzen": Die Teilnehmenden dürfen unter dem Dach eines Theaters an künstlerischen Projekten forschen.

Das Besondere daran: Sie müssen kein Programm abliefern, dürfen scheitern. Gaston ist einer von zwölf Künstlerinnen und Künstlern, die sich unter dem Dach des Moosacher Meta Theaters mit ganz unterschiedlichen Projekten beschäftigen. Als Jacqueline will etwas machen, das er nicht kann: Bei seinem nächsten Event singen.

90 Prozent seiner Einnahmen brachen mit dem ersten Lockdown weg

5 000 Euro bekommt Gaston im Rahmen dieses Förderprojekts. Geld, das der Brucker gut gebrauchen kann. Denn wegen Corona sind sämtliche kulturellen Einrichtungen geschlossen, alle Veranstaltungen abgesagt. Für Gaston eine Katastrophe - 90 Prozent seiner Einnahmen brachen mit dem ersten Lockdown einfach weg. Selbst danach wurde es nicht viel besser. Um die Folgen der Krise abzufedern, haben Bund und Länder umfangreiche Hilfsprogramme bereitgestellt. Im ersten Lockdown hat Gaston 9 000 Euro Soforthilfe bekommen, weil er Betriebskosten nachweisen konnte, er beschäftigt unter anderem eine Sekretärin für seine Buchhaltung. Normalerweise aber haben Künstlerinnen und Künstler kaum Betriebskosten und erhalten daher auch keine Soforthilfe.

Gaston muss sich schließlich Geld von seiner Familie leihen. Seine Frau nimmt mehrere Jobs an. Und der Künstler selbst muss plötzlich in eine ganz andere Rolle schlüpfen: Statt auf einer Bühne zu stehen, ist er jetzt Hausmann, hilft seinem Sohn beim Homeschooling, übt mit ihm Mathe-Grundlagen. "Dann habe ich alles infrage gestellt", sagt er. Plötzlich steckt Gaston nicht nur in einer finanziellen Krise, sondern auch in einer identitären. Er muss sich plötzlich mit Fragen auseinandersetzen wie: "Was kann ich eigentlich? Wer bin ich? Wer bin ich ohne Bühne?". Das Gesangsprojekt hilft ihm jetzt, gibt ihm Struktur, motiviert ihn, jeden Morgen aufzustehen und positiv zu bleiben.

Jaqueline lernt singen

Kann denn Liebe Sünde sein?: Jaqueline alias Gaston Florin alias Florian Reinhold aus Bruck lernt singen - und stellt sich dabei auch dem öffentlichen Versagen. Denn einen Mitschnitt der Probe mit Gesangslehrer und Begleiter Götz Hünnemeier aus Glonn gibt es später auf Youtube zu sehen.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Mit schnellen, kurzen Strichen zieht Gaston seine Augenbrauen nach, damit sie länger und voller wirken. Etwa 20 Minuten sind bisher vergangen. Mittlerweile sind seine Gesichtszüge weicher, die Gestik femininer. Um während der Pandemie auch ohne Auftritte sichtbar zu bleiben, musste sich Gaston etwas einfallen lassen. Deshalb veröffentlicht er seine Gesangsstunden auf seinem YouTube-Kanal. Dort dokumentiert er auch Fehler. So soll der digitale Raum menschlicher werden, hofft Gaston. Dafür hat er sich selbst beigebracht, wie man Videos aufnimmt und schneidet.

Gerade in Krisen ist die kreative Branche besonders wichtig: "Wir brauchen Kunst, um mit der Welt zurechtzukommen. Kunst findet Antworten." Was der Kultur allerdings gerade fehlt, ist das Publikum. "Ich bin ausgehungert nach Publikum! Wir wollen knutschen", erklärt Gaston. Er will seine Zuschauerinnen und Zuschauer riechen und anfassen können, verliebt sein dürfen. Ihm fehle das Feedback, er ist sich nicht sicher, ob das, was er auf Youtube lädt, gut ankommt oder nicht. Nach der Pandemie will Gaston noch näher am Publikum dran sein. In Zukunft, glaubt er, wird es bei Veranstaltungen noch mehr um Begegnungen gehen.

Wie eine Grand-Dame aus dem französischen Cabaret

Normalerweise interagieren sowohl Gaston als auch Jacqueline viel mit dem Publikum und holen es auf die Bühne, integrieren es ins Programm. Jacqueline will dabei auch Genderfragen aufwerfen, Repräsentation und Vielfalt schaffen. Um eine weiblichere Taille zu bekommen, helfen Gaston Body, Korsett und High Heels. Zum Schluss setzt er eine blonde Perücke auf. Immer ab diesem Moment ist Gaston voll und ganz Jacqueline: Die Stimme heller, der Gang dynamischer, die Gestik und Mimik femininer - wie eine Grand-Dame aus dem französischen Cabaret.

Das schafft der Künstler mithilfe einer Technik, die er beim Schauspielunterricht gelernt hat: Masken-Trance. Jaqueline ist selbstbewusster, humorvoller und auch ein bisschen frecher. "Beim Singen kann ich Corona vergessen", sagt sie. "Bonjour mon amour!", begrüßt Jacqueline ihren Dozent Götz Hünnemeier, Musiker aus Glonn. Es ist ihre zweite gemeinsame Gesangsstunde, heute proben sie eine rockige Version von Zarah Leanders "Kann denn Liebe Sünde sein?". Das Studio in Bruck ist bereits fertig dekoriert, drei Kameras laufen.

"Kann denn Liebe Sünde sein? /Darf es niemand wissen, / Wenn man sich küßt" - Jacqueline ist voll in ihrem Element. Mit französischem Akzent singt sie in eine der Kameras. Gitarrist Götz unterbricht, der Rhythmus stimmt noch nicht ganz. "Aber das kriegen wir noch hin", versichert er. Nach der Gesangsstunde kommt die blonde Perücke sogleich runter - und aus Jacqueline wird wieder Gaston, der sich momentan um die Mathehausaufgaben und den Haushalt kümmert.

© SZ vom 10.03.2021/koei
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