Mitten in der Region:Die Tücken des Arbeitslebens

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Viele Wege führen an den Arbeitsort und wieder zurück nach Hause - zumindest theoretisch. Denn so richtig überzeugend ist keiner von ihnen. Da bleibt nur eine Lösung.

Glosse von Johanna Feckl, Grafing

Als Radlerin macht es einem das Leben recht schwer, wenn der Arbeitsplatz gut 40 Kilometer von der eigenen Haustüre entfernt liegt. Wenn die Fahrt wenigstens ein idyllische wäre, vorbei an Feldern und Seen auf einem ordentlich ausgebauten Radweg. Aber zwei Stunden immer nur neben einer schleichenden Blechlawine auf der B304 dahin, während das Wetter ohnehin vielmehr nach Kuscheldecke als nach Fahrradhelm verlangt - nein, Danke. Da muss ein alternatives Verkehrsmittel her.

Kein Problem, die S-Bahn ist neuerdings in sieben Minuten raschen Schrittes zu erreichen, auf dem Weg dorthin liegt sogar der Lieblingsbäcker. 45 Minuten im Zug, genügend Zeit um schon mal ein paar Mails zu schreiben, den ersten Termin vorzubereiten und gedanklich den übrigen Tag durchzuspielen. "Wie praktisch!" möchte man gleich ausrufen - wenn jene S-Bahn nicht die Münchner S-Bahnlinie S6 wäre. Zu oft wurde aus der sich ausgemalten Fahrt eine zweistündige Tragödie, in der fast immer Grafing-Bahnhof die Katastrophe einläutete.

Grafing-Bahnhof, für alle Pendelnden so etwas wie das Zentrum Mordors, der Schicksalsberg aus der "Herr der Ringe"-Saga - ein Ort, der beim bloßen Klang die Furcht den Nacken emporkriechen lässt. Es heißt ja, der Mensch würde um die 25 Jahre seines Lebens verschlafen. Pendler, die Grafing-Bahnhof passieren müssen, fristen mindestens ebenso viele Jahre ihres Lebens dort, auf- und abtapernd auf den Bahnsteigen.

Dann lieber doch all die guten Umweltvorsätze so weit es geht nach hinten in den Kopf verräumen und ins Auto steigen. 45 Minuten prophezeit das Navi. Optimal sagt die Fahrerin. Ällabätschi antwortet das Schicksal. Stau auf der A94 in Richtung Feierabend. Ach, was heißt hier Stau - es herrscht absoluter Stillstand! Da bricht irgendwann sogar Jubel aus, wenn der Verkehrsfluss ein Schalten in den ersten Gang zulässt. Und so sperrt der Wohnungsschlüssel an jenem Abend erst zwei Stunden später als geplant die Türe auf.

Wie gut, dass es noch das Home-Office gibt. Dort gibt es weder Verspätungen noch Staus - nicht einmal am Espressokocher, zumindest nicht bei den Glücklichen, die alleine wohnen. Herrlich! Aber schon bald scheint es, als ob man ein Ehrenamt als Paketdienstleisterin des Hauses übernommen hat und die Freude darüber von Tag zu Tag wächst, schließlich ist das die einzige Möglichkeit, echte Gesichter zu sehen - die Kolleginnen und Kollegen fehlen dann doch ziemlich.

Da bleibt nur noch eine Option: Urlaub einreichen.

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