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Digitalisierung:"Meine Rolle als Lehrerin hat sich verändert"

Heute unterrichtet Walther eine 13. Klasse in Mathematik, Exponentialfunktionen stehen auf dem Stundenplan, ein eher trockenes Thema. Zu Beginn der Stunde zeigt sie ein Video, das sie vorher bei Youtube herausgesucht und zu dem sie für die Schüler ein Skript mit Lückentext erstellt hat. Film schauen und dabei Text ausfüllen, lautet die erste Aufgabe. Es gibt Schlimmeres. Die Schüler erfahren sofort, warum die Exponentialfunktion doch nützlich sein könnte: Sie beschreibt die Ausbreitung von Fischschwärmen oder Epidemien und den Zerfall von radioaktivem Material.

Bei älteren Schülern bauen Lehrer Apps in den Unterricht ein.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bei der Besprechung schreibt Walther auf dem interaktiven Whiteboard mit einem speziellen Stift mit. Der verschwindet wieder, wenn das Gerät ausgeschaltet wird - Tafelwischen ist also überflüssig. Mit wenigen Klicks markiert Walther die wichtigsten Passagen in Gelb und verteilt dann iPads an die Klasse. Mit einem QR-Code auf dem Skript gelangen die Schüler automatisch zu einer Aufgabe, die sie nun lösen sollen - auf Papier allerdings. "Mit den iPads arbeiten wir natürlich nicht jede Stunde", sagt Schulleiter Matthias Rauch. Nur wenn es zum Lehrplan passe - das Tablet als Werkzeug wie Mathe-Buch, Zirkel oder Taschenrechner.

Um zu überprüfen, ob die Schüler den Stoff verstanden haben, könnte Walther in der nächsten Stunde einen Test schreiben - das käme eher schlecht an. Sie lässt die Schüler stattdessen an einem Mathe-Quiz teilnehmen. Das funktioniert wie "Wer wird Millionär". Alle Schüler loggen sich über ihr iPad ein und wählen einen Namen. Für jede Antwort haben sie ein paar Sekunden Zeit. Das Programm wertet nicht nur richtige Antworten, sondern auch, wie schnell diese kamen - und zeigt alles in Echtzeit auf dem Whiteboard an. "Meine Rolle als Lehrerin hat sich verändert", wird Walther nach der Stunde sagen. Sie sei mehr Lernbegleiterin geworden, die beim Lernen unterstützt. Reine Wissensvermittlung ist heute nicht mehr gefragt.

Knapp elf Kilometer in südwestlicher Richtung unterrichtet Anna Dietmayer am Louise-Schröder-Gymnasium Englisch in einer fünften Klasse. Die Schüler sitzen in Zweiergruppen über ihre iPads gebeugt. Heute sollen sie das Sprechen üben. "Das ist manchmal sehr anstrengend, weil gerade die schüchternen Schüler sich nicht trauen", sagt die Lehrerin. Was aber in der analogen Welt so schwer fällt, klappt mit digitaler Unterstützung perfekt. In der letzten Stunde haben die Schüler Dialoge geschrieben. Das Thema: eine Unterhaltung über das Schulsystem.

In einer App bestimmen die Kinder nun den Hintergrund ihres Zeichentrickfilms, wählen die Charaktere aus und drücken auf Aufnahme. Wenn die Figur ihren Mund bewegen soll, müssen die Kinder nur ihren Finger auf der Figur bewegen. Tim-Luca Roth und Johannes Trespe haben Abraham Lincoln als Polizisten verkleidet und lassen ihn mit einem Cowboy im Ballerina-Kleid sprechen. "Mrs Dietmayer is my favourite teacher", sagen die Jungs. Ihre Lehrerin geht währenddessen von Gruppe zu Gruppe, hilft bei Fragen, korrigiert bei offensichtlichen Fehlern. "Wir üben schon mal, als nächstes macht die Klasse ein Video über die Schule", sagt Dietmayer.

Im Louise-Schröder-Gymnasium mussten Lehrer und Schulleitung bisher viel improvisieren. Sie haben sich eigene Medienwagen mit Rechner, DVD-Player und sogar Videorekorder zusammengebaut. Von seinem Budget kauft Schulleiter Robert Laslop nach und nach Whiteboards. Einige fehlen noch, was daran lag, dass der Rahmenvertrag der Stadt unbemerkt ausgelaufen war und die Schulen monatelang nichts mehr besorgen konnten. "Das einzige, was uns wirklich noch fehlt, ist Wlan", sagt Jakob Sauer, der zweite Medienbeauftragte der Schule. Deshalb habe sich das Gymnasium auch an KoMMBi beteiligt: Denn im Projekt testet es mobile Router - so schnell geht das bei der Stadt sonst nicht.

Bis Juli noch läuft KoMMBi, solange können die beteiligten Schulen und Kitas ihre Vorzugsbehandlung genießen und weiter an ihren Konzepten arbeiten. Noch in diesem Jahr will Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD) die Erkenntnisse bündeln und dem Stadtrat eine "Digitalisierungsstrategie für Bildungseinrichtungen" vorstellen. Wie es mit den KoMMBi-Einrichtungen und deren Projekten konkret weitergeht, ist noch unklar. Fest steht hingegen, dass der digitalen Offensive dieses Mal keine Kommunalwahl in die Quere kommt. Die findet erst wieder im Frühjahr 2020 statt. Bis dahin sollen die Schulen zumindest schon mehrheitlich schnelles Internet haben - falls der Plan dieses Mal tatsächlich aufgeht.

© SZ vom 17.02.2018/huy

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