Pop:Frischer Aufguss

Pop: Die Band "Die Sauna" hat sich während des Lockdowns einen neuen Sound zugelegt.

Die Band "Die Sauna" hat sich während des Lockdowns einen neuen Sound zugelegt.

(Foto: Anil Coskun)

Die Münchner Band "Die Sauna" erfindet sich neu - und lässt sich dabei genug Zeit.

Von Anna Weiß, München

Als das Sextett Die Sauna die gängigen Muster des Indiepops hinter sich ließ und 2019 mit dem Debütalbum "So schön wie jetzt war es noch nie" mit von Joy Division inspirierten Indierock auf sich aufmerksam machte, stachen vor allem die vielschichtigen Texte hervor. Wie so vieles lassen sich auch die Zeilen der Sauna nach der Pandemie neu interpretieren: Schöner als im Albumtitel wurde es nicht, und die Zeile "ein definiertes Überleben, ein geometrisches System" passt zu den Corona-konform aufgestellten Stühlen in der Muffathalle. Wie überlebt eine Band, die in ihrer Genese gerade den Newcomer-Status verlassen hatte und auf dem Weg war, national durchzustarten, eine Pandemie?

"Wir konnten irgendwann mit Hygieneregeln wieder proben, und das war das Wochenhighlight - sehr begünstigend für unsere zwischenmenschliche Interaktion und die Band", sagt Sänger Matthias Berg. Er und Gitarrist Thomas Volk sitzen vor dem Konzert im Backstagebereich, trinken Bier und lassen Revue passieren, wie sich ihre Arbeit durch die Pandemie verändert hat. "Wir hatten das Problem, dass es verschiedene Lockdownphasen gab: Am besten lief es bei uns im Herbst letzten Jahres, dann kam der harte Lockdown, und wir konnten nicht mehr proben. Die Euphorie mussten wir wieder einfangen", sagt Volk. Neue Stücke sind entstanden, jedoch nicht veröffentlicht. Während einige Bands seit März 2020 mit Livestreams oder ausgefallenem Merchandise von sich reden machen, ist es um die Sauna erstaunlich ruhig geworden. Berg nennt dafür als Grund das Understatement der Band, es sei nicht der Stil, medial so auf die Kacke zu hauen. "Außerdem sind Livestreams irgendwie so unsexy", sagt er grinsend.

In früheren Songs sind um die 80 Tonspuren zu einem Soundmeer vereint

Die sechs Bandmitglieder wohnen nicht alle in München, die Proben finden in der Heimat am Schliersee statt. In dieser Probezeit haben sich der Sound der Band, die Art des Songwritings sukzessive verändert. In früheren Songs sind um die 80 Tonspuren zu einem "Soundmeer", wie Volk es nennt, vereint worden, jetzt spielt jeder eine Melodie. "Vor Corona wurden wir gefragt, ob wir mal ins Radio kommen und einen Song auf der Akustikgitarre spielen können. Da haben wir gemerkt, dass ist gar nicht möglich, aber wir hätten auch keinen Bock gehabt", sagt Volk, weil die Songs es durch ihren Aufbau nicht hergeben. Auch in Hinblick auf die Texte hat sich einiges getan. Die Lyrics enthalten immer noch kryptische Elemente, aber Berg hat Lust, dass in einem Song "eine konkrete, lebhafte Geschichte erzählt wird". Das Ziel sei es, eine Mischung aus diesen beiden Stilen zu finden. Wie in dem neuen Stück "Kokain und heiße Schokolade": "Heute ist ein schöner Tag, Einsamkeit und Langeweile, dagegen hilft nur Kokain oder heiße Schokolade", plötzlich folgt auf die Ennui-Kontemplation die drohend repetitiv vorgetragene Forderung: "Geh nicht durch meine Tür!"

Die Sauna ist sich bewusst, dass sie in einer luxuriösen Situation ist: Die Band ist bei dem Label Buback unter Vertrag, dass ihnen keinen Druck in Bezug auf eine zweite Platte macht. Diese war für 2021 geplant, ob sie erscheint, steht noch in den Sternen. "Wir leben nicht von der Musik", betont Berg. Das rückt auch Volks Kein-Bock-Aussage in ein anderes Licht: Die Gruppe macht nur, worauf sie Lust hat. Das ist im Musikgeschäft ein Risiko, könnte aber erklären, wieso die Sauna trotz ausbleibenden Veröffentlichungen vergangenes Jahr auf dem Hamburger Reeperbahnfestival spielen durfte und in dieser Saison drei Konzerte gibt: Authentizität. Dass diese auch gerne holprig sein kann, zeigt sich beim in die Muffathalle verlegten Terrassenkonzert. Nach einem lauten Start groovt sich die Band ein, spielt neue Songs mit Arbeitstiteln wie "Italien" und überrascht das Publikum mit dem neuen Sound, der manchmal gar an die Neue Deutsche Welle erinnert. "Das waren die neuen Songs, und jetzt kommen die alten Hits", kündigt Berg an, das Licht zuckt, und dann geht der Postpunk doch wieder ab. Auch wenn der Stil der Sauna sich mit offenem Ende neu definiert, überleben wird diese Gruppe.

© SZ/pop/chj
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