Erinnungskultur im Stadtraum:Bildersturm der anderen Art

Lesezeit: 1 min

Erinnungskultur im Stadtraum: Brutale Männlichkeit: Der Neptun-Brunnen im Alten Botanischen Garten, 1937 erbaut vom Bildhauer Joseph Wackerle und dem Architekten Oswald Bieber, beide nach Adolf Hitlers Gusto "gottbegnadete" Künstler. Michaela Melián wird hier einen Gegenakzent setzen.

Brutale Männlichkeit: Der Neptun-Brunnen im Alten Botanischen Garten, 1937 erbaut vom Bildhauer Joseph Wackerle und dem Architekten Oswald Bieber, beide nach Adolf Hitlers Gusto "gottbegnadete" Künstler. Michaela Melián wird hier einen Gegenakzent setzen.

(Foto: Catherina Hess)

Münchner Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit fragwürdigen Denkmälern auseinander.

Von Jutta Czeguhn, München

Als Maria Luiko 1938 ihren Holzschnitt "Die Trauernde" anfertigt, ist das Leben für die Münchner Jüdin kaum noch zu ertragen, drei Jahre später wird sie von den Nazis nach Kaunas verschleppt und ermordet. An die Künstlerin erinnert seit kurzem eine Straße, und im September wird Luikos Motiv der Trauernden im Alten Botanischen Garten zu sehen sein - auf Baustellen-Folie. Die Künstlerin Michaela Melián plant dort die Verhüllung des in der NS-Zeit erbauten Neptunbrunnens: Das Leid der Frau wird zur Gegenantwort auf die Herrscherpose des Neptunkörpers.

Wem wollen wir in der Öffentlichkeit Raum geben, wer braucht einen Platz? Nicht länger sollen weiße Männer andere weiße Männer auf die Sockel der Geschichte heben und überkommene, toxische Narrative als kollektive Erinnerung definieren. Mit ihrem Wettbewerb "past statements" hat die Landeshauptstadt an diese längst international geführte Debatte angedockt und Münchner Künstlerinnen und Künstler dazu aufgerufen, sich mit fragwürdigen Denkmälern zu beschäftigen. Eine Jury hat nun vier Einreichungen ausgewählt, die in diesem Jahr realisiert werden. Neben Meliáns Projekt ist dies eine Arbeit des Kollektivs "Cambio", das von August bis Oktober die Diskussionen um den Namenspatron des Kolumbusplatzes und koloniale Erinnerungskultur im öffentlichen Raum sichtbar machen will. So wird der überdimensionierte Schriftzug "#Decolonize" dort zu sehen sein. Das Künstlerkollektiv "Department für öffentliche Erscheinungen" wiederum setzt sich Mitte September mit der Reiterstatue Ottos I. von Wittelsbach vor der Staatskanzlei auseinander. Es wird die Skulptur nachbauen und zerlegen. Michele Bernardi schließlich nimmt sich die drei Hakenkreuze vor, die in den Fenstern des Bayerischen Wirtschaftsministeriums an der Oettingenstraße zu sehen sind. In einer Installation plant er, diese Relikte mit den Worten "gestern", "heute" und "morgen" zu versehen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema