Debatte um Stolpersteine Wandtafeln statt Stolpersteinen sollen an NS-Opfer erinnern

  • Seit vielen Jahren kämpfen Initiativen darum, Stolpersteine in München zu verlegen, die an die Opfer des NS-Regimes erinnern.
  • Auf öffentlichem Grund soll es keine Stolpersteine geben, sondern stattdessen Wandtafeln aus vergoldetem Edelstahlblech. Sollten Hausbesitzer etwas gegen diese Variante haben, will die Stadt vor den Gebäuden Stelen aus Edelstahl aufstellen.
  • Über einen entsprechenden Entwurf entscheidet der Kulturausschuss am 26. Oktober.
Von Jakob Wetzel

So könnte er also aussehen, der eigenständige Weg Münchens im Gedenken an die Opfer der Nationalsozialisten. Seit zwei Jahren sucht die Stadt nach einer Alternative zu den sogenannten Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig, jetzt liegt die Entscheidung der Jury vor: Sie empfiehlt einen Entwurf des Designers Kilian Stauss. Wenn die Hausbesitzer nichts dagegen haben, sollen demnach Wandtafeln aus vergoldetem Edelstahlblech an die Ermordeten erinnern - dort, wo diese zuletzt gewohnt haben. Andernfalls will die Stadt im öffentlichen Raum vor den Gebäuden Stelen aus Edelstahl aufstellen; in diese sollen vergoldete Hülsen mit Informationen integriert werden.

Dazu sollen nach Möglichkeit gerasterte Porträts der Toten zu sehen sein. Und die Stadt will diese Gedenkform nicht nur erlauben, sondern auch finanziell unterstützen - so steht es zumindest in der Vorlage, über die am 26. Oktober der Kulturausschuss des Stadtrats entscheiden wird. Im November soll sich dann der gesamte Stadtrat damit befassen.

Stolpersteine Ein steiniger Weg
Stolpersteine in München

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In München steht damit in einem aufsehenerregenden Streit die Entscheidung bevor. Seit vielen Jahren kämpfen Initiativen darum, in München Stolpersteine auf öffentlichem Grund verlegen zu dürfen, so wie in zahlreichen anderen Städten auch. Der Stadtrat aber sprach sich mehrmals dagegen aus, denn Kritiker in der Israelitischen Kultusgemeinde und darüber hinaus lehnen das Gedenken im Straßenbelag ab: Niemand solle die Namen der Opfer mit Füßen treten können. Der Stadtrat entschied deshalb im Juli 2015, ein eigenes Gedenkkonzept erarbeiten zu lassen.

Das Kulturreferat lud deshalb Gestalter zu einem Wettbewerb ein: Sie sollten Wandtafeln und Stelen entwerfen, um ein Gedenken auf Augenhöhe möglich zu machen. In einem zweiten Wettbewerb bat das Referat Künstler um Entwürfe für ein zentrales Mahnmal mit den Namen der Ermordeten. Mittlerweile hat die Jury in beiden Wettbewerben entschieden. Und zumindest was die Tafeln und Stelen betrifft, liegt das Ergebnis nun vor: Der Münchner Designer Stauss hat sich gegen fünf andere Bewerber durchgesetzt.

Wird sein Konzept umgesetzt, übernehmen zwei Historiker im Münchner Stadtarchiv als "Koordinierungsstelle" die Detailarbeit. Der Impuls soll weiterhin aus der Zivilgesellschaft kommen: Tätig werden sollen die zwei nur auf Initiative von Angehörigen oder anderen Bürgern, etwa von Einzelpersonen oder auch von Schulklassen, die auf diese Weise "zu einer lebendigen Erinnerungskultur in München beitragen" sollen, heißt es in der Vorlage. Die Initiatoren müssen zudem Wohnort, Namen, Geburtsjahr und -ort sowie das Schicksal der Toten selbst recherchieren, wobei die Historiker im Archiv sie aber unterstützen sollen.

Keine Tafel soll gegen den Willen der Angehörigen angebracht werden

Die beiden Experten sollen alles Weitere organisieren, also die nötigen Genehmigungen einholen, die Gedenk-Elemente herstellen lassen und sich dann um deren Unterhalt und Pflege kümmern. Sie sollen auch sicherstellen, dass keine Tafel oder Stele gegen den Willen der Angehörigen des Toten angebracht wird. Und sie sollen Gedenkprojekte und Veranstaltungen konzipieren, damit die Münchner das Angebot kennenlernen.

Im Einzelfall gibt es weiterhin Fallstricke. Zwar ist die Stadt nur bei Wandtafeln auf die Zustimmung der Hauseigentümer angewiesen, nicht bei Stelen auf dem Gehweg. Bei diesen aber redet das Kreisverwaltungsreferat (KVR) mit. Denn jede Stele ist potenziell ein Verkehrshindernis. Die Historiker müssen in jedem Einzelfall eine Erlaubnis der Behörde einholen, die dafür erst ihre Richtlinien für Sondernutzungen anpassen muss. Das KVR teilte im August mit, es behalte sich vor, jeden konkreten Standort "unter Aspekten der Sicherheit und der Leichtigkeit des Verkehrs zu prüfen und zu beurteilen".

Zumindest am Geld aber soll es nicht scheitern. Zwar sollen grundsätzlich die Initiatoren die Kosten übernehmen oder sich zumindest beteiligen. Zur Not aber soll die Stadt München einspringen. In der Vorlage ist die Rede davon, zunächst 150 000 Euro bereitzustellen, um in den kommenden drei Jahren jeweils 100 Stelen und Wandtafeln anzuschaffen. Sollte die Nachfrage so hoch sein, dass dieses Geld nicht reicht, solle der Stadtrat erneut beschließen. Nach drei Jahren sollen schließlich das Finanzierungsmodell und die Arbeit der Koordinierungsstelle beurteilt und es soll über eine Fortführung entschieden werden.

Schon jetzt freilich gibt es erste Kritik aus den Reihen der Stolperstein-Gegner. Denn die vorgesehenen Gedenk-Elemente sind zwar bewusst auf Augenhöhe angebracht. Tatsächlich aber erinnert der Entwurf zumindest in seiner jetzigen Version stark an die umstrittenen Stolpersteine - nur dass die Inschriften eben nicht im Fußboden prangen, sondern an Hauswänden oder an Stelen. Gegner der Stolpersteine hatten zudem immer wieder angemahnt, nicht nur mit Stichworten an die Toten zu erinnern, sondern auch mit weiterführenden Informationen. Nur so könne man Empathie wecken, die für ein lebendiges Gedenken notwendig sei. Und nur so habe München die Chance, ein Vorbild für würdiges Gedenken zu werden. Tatsächlich aber ähnelt nicht nur die vorgesehene Beschriftung derjenigen der Stolpersteine, sondern auch die Farbe. Bleibt es dabei, wären Tafeln und Stelen in Gold - ganz so wie die Stolpersteine.

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