Mitten in Dachau:Dachauer, die auf Ziegen starren

Mitten in Dachau: Die Rathausziegen haben ihre Arbeit am Rathausberg in Dachau wieder aufgenommen und lassen sich die Blätter der Essigbäume schmecken.

Die Rathausziegen haben ihre Arbeit am Rathausberg in Dachau wieder aufgenommen und lassen sich die Blätter der Essigbäume schmecken.

(Foto: Toni Heigl)

Horrormeldungen gibt es derzeit mehr als genug. Dachaus Oberbürgermeister hat nun endlich mal eine erfreuliche und sehr flauschige Nachricht für die Bürger

Glosse von Jacqueline Lang

Es gibt Zeiten im Leben, da braucht man gute Nachrichten dringender als sonst. Nun befinden wir uns gerade in solchen Zeiten - und sie dauern an: Die Klimakrise wirkt bedrohlicher denn je, das Coronavirus ist immer noch sehr präsent, weitere Pandemien sind nicht ausgeschlossen, rechte Hetze, Rassismus, Terror und Kriege, an Orten die nur vermeintlich weit weg sind. All das kann man, wenn man nur einigermaßen bei Verstand ist und ein Herz hat, nicht ignorieren, auch wenn die eigene Welt dadurch vielleicht manchmal eine einfachere wäre. Gute Nachrichten hat die Menschheit also bitter nötig und doch sind sie rar gesät. Ein Glück, das immerhin der Oberbürgermeister der Stadt Mitte der Woche endlich mal wieder eine solche verkündete, süße Tierfotos inklusive: "Die beliebten Ziegen vom Rathausberg sind wieder da - und ich hoffe, sie haben Hunger mitgebracht!"

Wie jedes Jahr sollten sie, so Florian Hartmann in einem Post in den sozialen Medien, möglichst viel von den Sträuchern und Büschen am Rathaushang abknabbern. Das erleichtere den Kollegen von Stadtgrün und Umwelt die Pflege des Areals. Auf vier Beinen sei man auf dem steilen Hang eben sicherer unterwegs als auf zweien. "Ich wünsche unseren tierischen Mitarbeiterinnen guten Appetit. Und wie immer die Bitte: Nicht füttern, sonst wird ihnen schlecht."

Penelope, Mahagoni, Melody und die eineinhalbhörnige Müsli sind also endlich wieder in Dachau, um sich die Blätter der Essigbäume am Rathausberg schmecken zu lassen und sich ansonsten - davon darf man ausgehen - nicht allzu viel um das Weltgeschehen zu scheren. Das sei ihnen vergönnt. Als Gesellschaft, die maßgeblich für viele der herrschenden Missstände mitverantwortlich ist, kann man es sich freilich nicht ganz so einfach machen. Aber auch den Dachauerinnen und Dachauern ist natürlich eine Verschnaufpause gegönnt. Immerhin kann nur, wer noch bei Kräften ist, weiterkämpfen. Und so viel ist klar: Die Welt zum Besseren zu verändern, das ist kein Sprint, das ist ein Marathon. Warum also nicht, wenn alles zu viel zu werden droht, mal zu den Ziegen spazieren, sie dabei anstarren, wie sie genüsslich mampfen, und an nichts denken?

© SZ vom 24.09.2021
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