Luftreiniger für Dachaus Schulen:Zweifel an der Praxistauglichkeit

Coronavirus - Luftfilter in Schulen

Vorerst will die Stadt nicht in allen Schulen, für die sie als Sachaufwandsträger zuständig ist, Luftreiniger anbringen.

(Foto: dpa)

Nach Eilanträgen der CSU-Fraktion sowie der Fraktion von ÜB/FDP hat sich nun auch der Dachauer Stadtrat mit der Beschaffung von Luftreinigern beschäftigt. Mit einer knappen Mehrheit entscheidet er, erst die Ergebnisse des Landratsamts zum Nutzen der Geräte abzuwarten

Von Julia Putzger, Dachau

Zu laut, zu groß, zu viele offene Fragen und dennoch ein möglicherweise essentieller Baustein in der Pandemie: mobile Raumluftreinigungsgeräte, kurz Luftreiniger. Bei der Beschaffung dieser Geräte für die städtischen Klassenzimmer stehen die Dachauer Stadträte des Familien- und Sozialausschusses vor einem Dilemma. Auf der einen Seite stehen die Erwartungen von Eltern und Schülern, die an den Geräten schon ihre Hoffnung auf normalen Unterricht im nächsten Schuljahr festmachen. Auf der anderen Seite die immer noch nicht beantwortete Frage, wie effizient die Luftreiniger denn wirklich sind. Das regelmäßige Lüften werden sie mit großer Sicherheit nicht ersetzen können.

Vor rund zwei Wochen stellten die CSU-Fraktion und die Fraktion von ÜB/FDP jeweils einen Eilantrag, in dem sie die Stadt zur schnellstmöglichen Beschaffung von Luftreinigern zumindest für die Jahrgangsstufen eins bis sechs auffordern. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) riet den Sachaufwandsträgern - die Stadt Dachau ist verantwortlich für vier Grund- und zwei Mittelschulen - schon vor einem Monat, solche Geräte anzuschaffen. Verbindliche Regelungen gibt es im Freistaat aber nicht. Die Anschaffung wird bis zu 50 Prozent oder mit maximal 1750 Euro je Raum gefördert. Bei 141 Luftreinigern, die in den Klassenzimmern der sechs Jahrgangsstufen in Dachau voraussichtlich benötigt würden, müsste die Stadt also mindestens knapp 247 000 Euro bezahlen. Sollten die Geräte aufgrund der aktuell hohen Nachfrage noch teurer werden, würde das zulasten des städtischen Haushalts gehen. Hinzu kommen Betriebskosten, die je nach Technologie bei 1000 Euro pro Jahr pro Gerät liegen könnten.

Zwar würden wohl alle Stadträte von sich behaupten, das Beste für die Kinder der Stadt zu wollen. Doch ist eben in diesem Fall nicht eindeutig, was das genau bedeutet. Unsicher waren einige der Stadträte vor allem, weil sie unmittelbar vor der Sitzung in der Klosterschule einen Luftreiniger besichtigten. Für einen Raum, der nicht ausreichend zu lüften ist, hat die Stadt dort bereits ein solches Gerät angeschafft. "Es ist schon erstaunlich, wie laut diese Geräte sind", stellte Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) fest. Anke Drexler (SPD) schloss sich ihm an: Der Ortstermin habe ihre Meinung ins Schwanken gebracht, weshalb sie gerne wissen würde, für wie praktikabel die Schulleiter die Luftreiniger im Unterricht halten.

Da einige der Schulleiter bei dem Termin dabei waren und der Sitzung als Gäste beiwohnten, konnte dieser Wunsch unmittelbar erfüllt werden: "Ich bin schon ein bisschen geschockt von der Lautstärke", sagte Andrea Noha, Schulleiterin der Grundschule Dachau-Ost. Außerdem frage sie sich, wo die Geräte, die so groß "wie kleine Schränke sind", im Klassenzimmer stehen würden. Denn manche der Kleinsten könnten wohl nicht darüber schauen. Andrea Wiesner, Schulleitern der Grundschule Augustenfeld, berichtete über ihre Erfahrungen mit einem Gerät, das bereits in einem Besprechungszimmer steht: "Da kann man sich nicht eine Stunde daneben unterhalten. Wir haben es einmal probiert und seitdem kaum noch verwendet."

Zweifel an der Praxistauglichkeit der Geräte kamen auch aus den Reihen der Grünen und des Bündnis für Dachau. Der Vorschlag kam auf, auf die Ergebnisse der Untersuchungen zu warten, die jüngst im Kreisausschuss beschlossen wurden.

Dahingegen waren die Stadträte der CSU, ÜB, FDP, AfD, BfD und Freien Wähler Dachau sichtlich irritiert, in welche Richtung sich die Debatte entwickelte, schließlich zähle bei der Beschaffung auch Schnelligkeit. "Es ist eine Entscheidung unter unsicheren Bedingungen. Wir können heute nicht sagen, dass es die richtige ist, das aber auch nicht ausschließen. Eine vierte Welle steht unmittelbar bevor, und die Luftreiniger gehören als Baustein dazu, um den Distanzunterricht zu verhindern", versuchte Florian Schiller (CSU) zu überzeugen. Letztlich stimmte aber eine knappe Mehrheit von acht zu sieben vorerst gegen die Anschaffung. Sobald neue Erkenntnisse aus dem Landratsamt vorliegen, will man erneut über das Thema beraten.

© SZ vom 30.07.2021
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