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Portrait:Am Ort des Bösen

Evangelische Versöhnungskirche

Wer zur Versöhnungskirche will, muss durch einen beklemmend dunklen Schacht laufen. In der Nacht ist er jedoch erleuchtet.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Frank Schleicher ist jetzt Diakon der Versöhnungskirche im ehemaligen KZ. Hinter ihm liegen zwanzig Jahre als Jugendarbeiter und Feuerwehrseelsorger. Das dürfte ihm helfen, seine Rolle in Dachau zu finden

Frank Schleicher sagt, er sei schon oft an bösen Orten gewesen. In 30 Jahren als Feuerwehrmann und 20 Jahren als Notfallseelsorger hat er Tod, Schmerz und Trauer erlebt. Er war da, wenn es für die Retter am Unfallort nichts mehr zu retten gab. 40 bis 50 Mal im Jahr sei er mit der Feuerwehr ausgerückt. Sah versehrte Körper und verletzte Seelen, hielt inne, wenn die Särge abgeholt wurden, teilte den Kummer mit Betroffenen und Einsatzkräften. Immer wieder sei er gefragt worden, weshalb er sich das Elend freiwillig antue. Schleicher spricht dann von seinem Glauben an Gott, der ihm eine "psychische Widerstandskraft" verleihe. So könne er Distanz zwischen sich und die schrecklichen Bilder bringen. Distanz sei wichtig, wenn man sich an bösen Orten befinde, sagt Schleicher. Nur dürfe sie nicht gefühllos machen. Distanz könnte dem ausgebildeten Traumapädagogen nun auch an einem anderen bösen Ort helfen: Frank Schleicher ist neuer Diakon der evangelischen Versöhnungskirche im ehemaligen Konzentrationslager Dachau. Am Sonntag wird er mit einem Gottesdienst ins Amt eingeführt. Und wieder ist da die Frage, warum er sich gerade diesen Job ausgesucht hat.

An einem regnerischen Dienstag im Juni sitzt der 47-Jährige im Gesprächsraum der Versöhnungskirche an einer Glaswand, die den Blick auf Innenhof und Gebetsraum der Kirche lenkt. Das 1967 erbaute Gotteshaus ist ein verschlungenes Gebäude von schmuckloser Undurchschaubarkeit. Von Weitem wirkt es wie ein schroffer Betonbau, der im Boden versinkt. Wer ihn betreten will, muss eine enger werdende Treppe in die Tiefe nehmen und durch einen beklemmend dunklen Schacht laufen, bevor er ins Licht des Innenhofs tritt und die sanfte Ruhe des Gebetsraums spürt. Schleicher muss da täglich durch. Die Symbolik ist beabsichtigt, Architekt Helmut Striffler plante den Kirchenraum als Statement gegen die brutale, rechtwinklige Nazi-Architektur. Zwischen 1933 und 1945 hielten die Nationalsozialisten im KZ Dachau mehr als 200 000 Menschen gefangen. Sie begingen menschenverachtende Verbrechen, ermordeten Tausende. "Der Ort wird für mich selbstverständlicher", sagt Schleicher. "Aber nie selbstverständlich."

Seit Mai ist er hier. Als Nachfolger von Diakon Klaus Schultz soll er die Versöhnungskirche pflegen und die Erinnerungsarbeit fortführen. Schleicher, gebürtiger Westallgäuer, war 20 Jahre lang Dekanatsjugendleiter im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, und engagierte sich auch außerhalb der Kirche in der Jugendarbeit, etwa als Vorsitzender des Kreisjugendrings. Aus der Zeit ist nicht nur ein fränkischer Zungenschlag geblieben (zur Verabschiedung sagt Schleicher "Ade"), sondern auch der Einsatz für die Jugend. Jugendarbeit sei ohne Echtheit und Empathie nicht möglich, sagt Schleicher, man werde schnell durchschaut. "Auch hier muss ich echt sein", sagt der Diakon über Dachau. "Es gibt keine Fassade."

Wer den 47-Jährigen zum ersten Mal trifft, erlebt einen freundlich zugewandten Mann, dem zugleich großer Respekt vor der Aufgabe anzumerken ist. Als er im Dezember zum Bewerbungsgespräch nach Dachau fuhr, habe er gemischte Gefühle gehabt, sagt Schleicher. "Kann ich das? Will ich das?" Er wollte. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte und die Frage nach der Verantwortung seien ihm wichtig, erklärt er. Das ehemalige KZ müsse ein Ort sein, der "wehtut". Wie als Feuerwehrseelsorger muss er Distanz zu diesem Ort wahren, ohne ihm gefühllos zu begegnen. Die dunkle Vergangenheit, die ihn nun an jedem Arbeitstag umgibt, will er daher auch nicht als Bürde begreifen, sondern als Auftrag. Das am KZ-Mahnmal angebrachte "Nie wieder" sei eine Verpflichtung. Rassismus, Geschichtsrevisionismus und Judenhass werde er nicht hinnehmen, so Schleicher, der auch in der Rechtsextremismusprävention ausgebildet wurde und Naziaussteiger begleitet hat.

Neuer Diakon

Das ehemalige Konzentrationslager Dachau sei ein Ort, der "wehtut", sagt Frank Schleicher, der neue Diakon der evangelischen Versöhnungskirche. Mit Tod und Schmerz kennt sich der 47-Jährige aus, er war lange Zeit Feuerwehrmann und Notfallseelsorger.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Für den Job im ehemaligen KZ muss er nach mehr als zwei Jahrzehnten Jugendarbeit eine neue Rolle finden, glaubt er. Gerade habe er sich zum Beispiel den bei Jugendlichen gängigen Ausruf "Alter!" abgewöhnt. Statt T-Shirts trägt er Hemden, verzichtet auf Turnschuhe und rasiert sich jeden Tag. Er will dem Ort gerecht werden. Doch der Rollenwechsel braucht Zeit. Die Corona-Krise habe die Eingewöhnung erschwert, Nähe zu Menschen und Treffen mit Zeitzeugen waren nicht möglich. Während eines zweistündigen Gesprächs merkt man Schleicher deshalb Zurückhaltung an. Er tastet nach Worten, wägt Formulierungen ab und korrigiert sich mehrfach. Er wolle nicht den Eindruck vermitteln, dass er als Neuling schon alle Antworten habe. Er brauche ein Gefühl für den Ort, wolle niemanden vor den Kopf stoßen. So windet er sich zum Beispiel ein wenig um die religionsphilosophische Frage, wie ein Gott den Horror von Dachau überhaupt zulassen konnte. Der Diakon weist stattdessen daraufhin, dass viele Häftlinge ihren Glauben nicht verloren hätten. "Es gab hier keine Welt ohne Gott."

Der 47-Jährige tritt die Nachfolge des langjährigen und anerkannten Diakons Klaus Schultz an. Es ist kein leichtes Erbe, das sieht Schleicher selbst so. 23 Jahre prägte Schultz die Erinnerungsarbeit der Versöhnungskirche. "Hier steckt überall Klaus Schultz drin", sagt Schleicher im Gesprächsraum und breitet seine Arme aus. Er wolle die "herausragende Arbeit" seines Vorgängers fortführen, aber auch eigene Akzente setzen, zum Beispiel in der Jugendarbeit. Außerdem könne er sich neben dem traditionellen 11-Uhr-Gottesdienst mit Abendmahl neue spirituelle Formate vorstellen. Auch die Weiterentwicklung der Erinnerungsarbeit für die Zeit, in der es keine Zeitzeugen mehr gibt, sei ihm ein Anliegen. "Eigene Impulse" erwartet auch Pfarrer Björn Mensing vom neuen Kollegen. Durch sein langjähriges Engagement könne Schleicher etwa auf die Freiwilligen Feuerwehren zugehen und als erfahrener Jugendarbeiter noch mehr junge Menschen für Gedenken und Prävention erreichen, hofft Mensing. Schleicher habe im Bewerbungsgespräch den Eindruck vermittelt, dass er "in die Arbeit in Dachau hineinwachsen kann", sagt der Pfarrer. Der Eindruck habe sich bislang bestätigt.

Während des Treffens mit dem neuen Diakon kommt ein Besucher in den sonst eher stillen Gesprächsraum und fragt, wo er das ehemalige Krematorium finde. Frank Schleicher beschreibt den Weg, wiederholt seine Worte, bis der Mann sich die Route offenbar gemerkt hat. Dann bedankt er sich und verschwindet Richtung Krematorium. Ein Stück Alltag an einem ganz und gar nicht alltäglichen Ort.

Den Einführungsgottesdienst am Sonntag können wegen Corona nur geladene Gäste besuchen. Interessierte finden von Montag an eine Videoaufzeichnung auf dem Youtube-Kanal der Dachauer Gnadenkirche.

© SZ vom 17.06.2020

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