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Gedenkfeier im ehemaligen KZ Dachau:"Das war der Moment meiner Befreiung"

Das Gedenken zum 76. Jahrestag der Befreiung des KZ finden virtuell statt - mit bewegenden Botschaften von Überlebenden.

(Foto: Toni Heigl)

Auch in diesem Jahr kann die zentrale Gedenkfeier zum Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau wegen der Pandemie nur virtuell stattfinden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters nennt es "bitter", denn authentische Orte seien wichtig.

Von Walter Gierlich, Dachau

Als im vergangenen Jahr zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau die Gedenkveranstaltungen wegen Corona abgesagt werden mussten, hoffte man, sie 2021 nachholen zu können. Doch auch jetzt, ein Jahr später, ist es wegen der Pandemie nicht möglich, sich in großer Zahl auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte zu treffen. Man mag sich zwar längst an Videokonferenzen und Livestreams gewöhnt haben. Doch können Online-Übertragungen wie am Sonntag bei dem zentralen Gedenkakt mit Bundeskulturministerin Monika Grütters (CDU) und Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (FW) natürlich die persönliche Begegnung von Hunderten Teilnehmern nicht ersetzen. Andererseits sind vor allem die kurzen persönlichen Botschaften eines Befreiers und dreier Überlebender auch virtuell sehr bewegend.

Der Livestream beginnt mit einem beeindruckenden Bild: Auf dem menschenleeren Appellplatz spielt einsam der Geiger Christoph Poppen. Später werden die einzelnen Beiträge im Livestream vom Kammerensemble der Bayerischen Staatsoper musikalisch umrahmt werden. Bei ihrer Begrüßung bedauert Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann, dass auch in diesem Jahr nur digitales Gedenken möglich ist, freut sich aber über die zahlreichen Videobotschaften von Überlebenden und Befreiern: "So sind wir wenigstens virtuell miteinander verbunden."

Auch Kulturministerin Grütters nennt es bitter, dass das Gedenken nicht auf dem ehemaligen Appellplatz stattfinden kann, wo viele Häftlinge "durch die Hölle gingen". Für die Bundesregierung sei das Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus und die Aufarbeitung des Geschehenen eine immerwährende Verpflichtung. "Authentische Orte wie das ehemalige Konzentrationslager Dachau sind dabei von zentraler Bedeutung," sagt sie. "Die Erinnerung wachzuhalten, das sind und bleiben wir den unzähligen Menschen schuldig, die von den Nationalsozialisten ihrer Rechte, ihrer Würde, ihrer Heimat und millionenfach auch ihres Lebens beraubt wurden. Nur, wenn wir verstehen, was geschehen ist und wie es geschehen konnte, dass Moral, Mitgefühl und Menschlichkeit der Barbarei anheimfielen, können wir verhindern, dass es wieder geschieht." Am Ende ihrer Rede ruft Grütters auf, demokratische Werte zu verteidigen.

"Die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau steht für das Ende des unermesslichen Leids der Häftlinge. Sie steht auch für die Befreiung unseres Landes von der Barbarei der Nationalsozialisten. Die alliierten Soldaten ließen ihr Leben dafür, dass die Herrschaft des Unrechts in Bayern beendet wurde. Bayern wurde wieder ein Land, in dem die Freiheit und die Achtung vor der Würde des Menschen Verfassungsrang genießen", erklärt der bayerische Kultusminister Piazolo, der daran erinnert, dass an der Verfassung auch ehemalige Dachauer KZ-Häftlinge wie Thomas Wimmer (SPD) und Karl Scharnagl (CSU) mitgearbeitet haben. Es genüge nicht, sich darauf zu verlassen, dass die freiheitlich demokratische Grundordnung gesetzlich garantiert sei. Das Erinnern an und das Wissen über das NS-Regime und seine Opfer bezeichnete der Minister als "unverzichtbare Grundlage einer aktiven Prävention gegen extremistische Tendenzen".

Der Präsident des Comité International de Dachau, General Jean-Michel Thomas, mahnt, vor dem "Virus des Nazismus auf der Hut zu sein, der wie das Virus der Pandemie nicht verschwunden ist". Zwar gebe es Fortschritte bei der Anerkennung der Menschenwürde in der Welt, aber noch immer seien Antisemitismus und Rassismus vorhanden. Er warnt zudem vor Cancel Culture, die drohe, die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Hilbert Margol, Angehöriger der Rainbow Division, die vor 76 Jahren das KZ befreit hat, ruft sich ins Gedächtnis zurück, wie entsetzt er und sein Zwillingsbruder waren, als sie einen Güterwaggon voller Leichen entdeckten. Zum 70. Jahrestag sei er erstmals wieder in Dachau gewesen und habe hier Überlebende kennengelernt. Die hätte er in diesem Jahr gerne wiedergetroffen. Da das nicht möglich ist, hoffe er nächstes Jahr mit 98 wieder nach Dachau zu kommen.

Elly Gotz, der als Jugendlicher ins Ghetto im litauischen Kaunas gesperrt und danach mit seinem Vater nach Kaufering und Dachau verschleppt wurde, legt Zeugnis ab von dem schrecklichen Hunger, den die Häftlinge gehabt haben. Als er seinem fast verhungerten Vater sagte, dass die Amerikaner da seien, habe der nur gefragt: "Hast du Brot?" "Das war der Moment meiner Befreiung", so Gotz.

Der 93-jährige Abba Naor berichtet, wie es für ihn lange undenkbar gewesen sei, nach Deutschland zu kommen. Doch inzwischen komme er Jahr für Jahr hierher, gehe in Schulen und erzähle seine Geschichte. Leslie Rosenthal war eines von sieben Babys, die 1944/45 im Außenlager Kaufering zur Welt gekommen sind. Er weiß bis heute nicht, warum ihn die Nazis am Leben gelassen haben. Er liest einen Brief seiner mittlerweile verstorbenen Mutter aus dem Jahr 2010 vor, in dem sie die jungen Menschen eindringlich aufruft, für die Demokratie zu kämpfen.

© SZ vom 03.05.2021/infu
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