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Frauen diskutieren über Gesundheit:Riskante Gleichbehandlung

Coronavirus - Impfzentrum Essen

Ob für Frauen eine größere Gefahr für eine Thrombose bei dem Impfstoff Astra Zeneca besteht, ist noch nicht zweifelsfrei bewiesen, doch fest steht: Der weibliche Organismus reagiert oft anders auf Medikamente als der männliche.

(Foto: dpa)

Eine Frau wird medizinisch immer noch therapiert wie ein Mann, obwohl ihr Körper anders reagiert. Das ist nur eines der Probleme, die beim digitalen Treffen Dachauer Politikerinnen zum Thema Frauengesundheit zur Sprache kommen. Es geht auch um Versäumnisse im Landkreis

Von Jacqueline Lang, Dachau

Es gibt eine Vielzahl an Themen, die Frauen anders betreffen als Männer, und trotzdem fehlt viel zu oft noch der weibliche Blick auf ebendiese Themen. Zwei Frauen, die das ändern wollen, sind die Dachauer Kreisrätinnen Stephanie Burgmaier (CSU) und Marese Hoffmann (Grüne). Für und mit anderen Kommunalpolitikerinnen wollen die beiden Themen, die vor allem ihr Geschlecht betreffen, stärker in den Fokus rücken, sich intern austauschen und vernetzen. Bereits zum wiederholten Male haben sie deshalb Politikerinnen aus dem Landkreis zu einem digitalen Treffen eingeladen.

Das Thema am Dienstagabend: Frauengesundheit. Als Moderatorin war die Vorstandsvorsitzende der Gesundheitsregion Plus, Annette Eichhorn-Wiegand, mit von der Partie. Sie war es auch, die die drei Referenten des Abends organisiert hatte: Florian Ebner, Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe am Helios Amper-Klinikum Dachau, Till Krauseneck, Chefarzt für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie am kbo-Klinikum Haar sowie Agnes Weichel, Apothekerin in der Flora-Apotheke in Dachau. Zwischenzeitlich schalteten sich 17 Teilnehmerinnen unterschiedlicher Parteien und politischer Gruppierungen via Zoom zu.

Das Thema Gesundheit ist derzeit pandemiebedingt omnipräsent. Gerade am Beispiel des Impfstoffs Astra Zeneca, der gerade bei jungen Frauen Thrombosen verursachen kann, zeigt sich einmal mehr, wie wichtig es ist, etwa bei der Verabreichung von Medikamenten zu berücksichtigen, welchem Geschlecht sie verabreicht werden. Denn der Organismus von Männern reagiert oft anders als der von Frauen auf Medikamente, Frauen brauchen andere Behandlungen, haben andere Probleme. Darüber wird zwar gerade in jüngster Zeit immer häufiger gesprochen, immer noch werde, so Eichhorn-Wiegand, das Thema Frauengesundheit aber "stiefkindlich" behandelt. Daran etwas im Landkreis Dachau zu ändern, sei auch ihr als Geschäftsführerin der Gesundheitsregion Plus ein großes Anliegen.

Stephanie Burgmaier Kreisrätin Dachau

Dachauer Kreisrätin Stephanie Burgmaier (CSU).

(Foto: Privat)

"Frauengesundheit ist für mich quasi tagesfüllend", sagte der Gynäkologe Ebner gleich zu Beginn seines Vortrags, in dem er verschiedenste Ursachen, aus denen Frauen in die Dachauer Klinik kommen, kurz skizzierte. Zum Thema Geburten erläuterte Ebner, dass es coronabedingt im vergangenen Jahr und voraussichtlich auch in diesem Jahr eine "Coronadelle" gegeben habe beziehungsweise geben werde, die Zahl der Geburten also leicht rückläufig sei. Der Mediziner führte dies unter anderem darauf zurück, dass am Helios Amper-Klinikum derzeit keine Besucher erlaubt sind. Allerdings, so Ebner, sei es seit Beginn der Pandemie möglich, immer am ersten Donnerstag eines Monats eine digitale Kreißsaalführung zu machen, die auch sehr gut angenommen werde. Zudem hob Ebner hervor, dass die Zahl der durchgeführten Kaiserschnitte, die gemeinhin als Messlatte dafür gelten, wie gut eine Klinik ist, unter dem bayernweiten Durchschnitt lägen.

Im Folgenden kam Ebner unter anderem auf das Thema HPV - kurz für Humane Papillomviren zu sprechen, eine der häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten - gegen die man sich allerdings in frühen Jahren impfen lassen kann. Bei den HPV-Impfungen bilde Bayern insgesamt allerdings ein Schlusslicht - auch der Landkreis Dachau sei hier leider keine Ausnahme. Zudem hob Ebner das Dachauer Brustzentrum hervor, das jährlich etwa 200 Patientinnen behandle. Wer infolge von Brustkrebs eine Brustrekonstruktion vornehmen lassen wolle, der müsse, so der Chefarzt, "nicht nach München an uns vorbeifahren". Ganz grundsätzlich lasse sich sagen, dass Frauen mit all ihren Themen am Dachauer Klinikum in besten Händen seien - einzig eine Kinderklinik fehle. Auf Nachfrage von Katja Graßl (CSU), warum es eine solche nicht gebe, erklärte Ebner, eine solche hätte "im Moment keine Rückendeckung, politisch gesehen". Man wolle offenbar einen "Personaldrain von der Stadt aufs Land" vermeiden.

Der zweite Referent, Till Krauseneck, konzentrierte sich vor allem auf die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit von Frauen, allerdings ohne konkret Bezug auf den Landkreis Dachau zu nehmen. Ganz grundsätzlich erklärte Krauseneck, dass man an seiner Klinik - die über die A 9 im übrigen auch für Landkreisbewohnerinnen gut zu erreichen sei - den Ansatz verfolge, Medikamente nur gezielt einzusetzen und das auch nur mit ausdrücklichem Einverständnis der Patientinnen. Er warnte außerdem davor, psychische Krankheiten als "schlecht" zu stigmatisieren. Sylvia Neumeier (SPD), die in Dachau die Drogenberatungsstelle Drobs leitet, fragte, wie man damit umzugehen gedenke, dass coronabedingt schon jetzt ein Anstieg von zehn bis 20 Prozent mehr Menschen mit psychosomatischen Problemen zu verzeichnen sei - immerhin seien die Wartelisten für Therapieplätze ja schon jetzt lang, und es könne verheerend sein, "wenn man zu spät anfängt mit der Behandlung". Eine konkrete Antwort konnte Krauseneck jedoch nicht liefern.

Marese Hoffmann Dachau

Dachauer Kreisrätin Marese Hoffmann (Grüne).

(Foto: Privat)

Zu guter Letzt sprach die Dachauer Apothekerin Agnes Weichel, über Medikamente, deren Wirkung bei Frauen und deren nach wie vor häufig fehlende Repräsentation in medizinischen Studien. "Grundsätzlich kann man sagen, dass Frauen ein höheres Risiko für Nebenwirkungen haben", so Weichel. Das habe mehrere Gründe: Zum einen werde häufig die Dosis nicht dem weiblichen Organismus angepasst, also spiele etwa das im Vergleich zu Männern häufig geringere Gewicht oder die Interaktion der Präparate mit weiblichen Geschlechtshormonen eine Rolle, zum anderen hätten Frauen häufig "eine sensiblere Wahrnehmung" für Veränderungen in ihrem Körper. Auf Marese Hoffmanns Frage, wie es denn nun im Fall von Astra Zeneca aussehe, erklärte Weichel, dass die bekannten Vorfälle "nicht von der Hand zu weisen" seien. Ebner sagte indes, dass "genderspezifische Unterschiede" noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen seien.

Bereits zu Beginn des Abends hatte die Initiatorin Stephanie Burgmaier versichert, dass es sich bewusst um einen geschützten Raum zum Austausch handle, der nicht für die breite Öffentlichkeit zugänglich sei, und tatsächlich stellten einige Teilnehmerinnen im Laufe des Abends auch persönliche Fragen zu Themen wie der Menopause oder postnatale Depression. Burgmaier sagte zum Abschluss aber auch, dass sich die Kommunalpolitikerinnen als "Multiplikatorinnen" für alle Themen rund ums Frausein verstünden - und das über jede politische Couleur hinweg. Zudem gibt es laut Burgmaier aber auch Überlegungen, den Kreis bei bestimmten Themen für alle interessierten Frauen im Landkreis zu öffnen, etwa beim zweiten Abend zum Thema Frauengesundheit.

© SZ vom 16.04.2021
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